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Eine Nachbetrachtung zum 5. Globians welt & kultur Dokumentarfilm Festival in Berlin
Die Macher des Globians Dokumentarfilm Festivals packten in diesem Jahr ganz bewusst das wohl schwierigste Thema der Festspielgeschichte an: Langzeit-Traumata. Doch die gemütliche Atmosphäre des kleinen Kinos «Toni» am Berliner Antonplatz und die überzeugende Menschlichkeit der Protagonisten – auf jeden Fall in den beiden von mir angesehenen Filme – erreichten, dass man nicht zu schwermütig wurde oder dass, wenn einen etwas zum Stolpern geführt hatte, man zart wieder aufgefangen wurde.
Einer der Streifen war der sehr natürlich wirkende Dokumentarfilm «Classmates of Anne Frank». Man bemerkt, dass die Geschichte sich erst während der Dreharbeiten richtig entfalten konnte. Regisseur Eyal Boers brachte, ganz strategisch, katalysierende Momente ein, etwa das «Vorlesen aus dem alten Klassenkameraden–Poesiebuch» oder das «Besuchen des Hauses wo Theo Costers als Untergetauchter lebte». Auch andere im Film angewendete Elemente sind zielgerichtet ausgesucht worden. So sind etwa die sechs im Film auftretenden ehemaligen Klassenkameraden Anne Franks keine «Besetzung» in zufälliger Auswahl. Es wurden genau diese sechs Klassenkameraden aus den noch Lebenden ausgewählt, genau sie, die das ganze Spektrum der Überlebungsarten des Zweiten Weltkrieges unter den niederländischen Juden reflektieren. Drei tauchten unter, zwei überlebten die Konzentrationslager, eine hatte eine katholische Mutter, nur der Vater war jüdisch, nach der Terminologie der Nazis rettet es sie, nur eine «Halbjüdin» zu sein.
Zweifellos bekommt man durch die Erzählungen dieser Sechs ein lebendiges Bild von Anne Frank. Sie alle haben starke, nicht immer schmeichelhafte Meinungen über und Erinnerungen an sie, wodurch ein, zumindest für unsere Augen, realistischeres Bild Annes zustande kommt, als es allgemein vertraut ist. Das Resultat ist ein hochqualitativer Dokumentarfilm, der, obwohl überwiegend für diesen Zweck konzipiert, die Funktion eines Unterrichtsfilms übersteigt.
«Meine Liebe Dein Land»
Durch die «Classmates» an das Festspielthema der Langzeit-Traumata gefesselt, blieb ich im «Toni», um mir «Meine Liebe Dein Land» anzusehen: Die Dokumentation begleitet das Leben eines Paares, sie Israelin, er ein vierzehn Jahre jüngerer Deutscher. Leider ist dieser Dokumentarfilm weit weniger genial als die «Classmates». Regisseur Gerhard Schick hatte selteneres Glück mit seinen Hauptpersonen. Der Deutsche wirkt als ein eher verschlossener Mensch, man bekommt wenig, zu wenig, über seine Sicht der Story zu erfahren. Die Israelin hingegen ist sehr kommunikativ und äußert gerne ihre Meinung. So allerdings wird eher nur ihre Sicht dokumentiert. Bemerkenswert erlebbar ist dennoch die klare Linie des Regisseurs, der ganz genau wusste und niemals im Laufe des Streifens vernachlässigte, wohin er mit dem Thema gehen wollte. So ist er am Anfang des Filmes aktiv anwesend: Seine Stimme fungiert als Erzähler, er ist sogar im Bild, ein Freund des deutschen Ehemannes. Wenn er sein Ziel «erreicht» hat, verschwindet er hinter den Bildern und lässt der Geschichte ihren Lauf.
Der «Globiansgedanke» - Auswahlkriterium des Festivals
Erstes Auswahlkriterium der vom Festival ausgesuchten Filme ist der «Globiansgedanke», wie die Festivalmacher selbst ihn nennen. Aber was soll man unter diesen Terminus verstehen? Welche Gedanken verkörpert er? «Globians», so der Hinweis im Programmheft des Filmfestes, sind Menschen, die in mehr als einer Kultur leben und aus dieser Pluralität der Kulturen lernen möchten. Ihre Gedanken widerspiegeln die Suche nach einem neuen «globalistischen» Lebensstil. Der Begriff – und zugleich der «globiane» Mensch – haben die Absicht, den Menschen bewusst dafür zu sensibilisieren, was in der Welt passiert und zudem Wege für einen umwelt- und menschfreundlicheren «Globianismus» aufzuzeigen. Man ist dabei bestrebt alle Regionen der Welt zu Wort kommen zu lassen.
Derzeit widmen sich die Festspiele insbesondere nordamerikanischen und anderen englischsprachigen Dokumentarfilmen, weil diese, so Kurator Joachim Polzer, «auf andere populären Dokumentarfilmfestivals in Deutschland, etwa der DOK, dem Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, keine Aufmerksamkeit bekommen». Weiterhin sei ihm wichtig, dass «vor lauter Globianismus» nicht die «Verantwortung Deutschlands für die deutsche Geschichte aus den Augen verloren» werde. Daher sei jedes Jahr auch eine Vielzahl an hochqualitativen israelischen Dokumentarfilmen im Programm, ebenso wie deutsche Filme, die sich mit dem Thema Holocaust auseinandersetzten.
Das Globians welt & kultur Dokumentarfilm Festival verfolgt ein stark eigensinniges Anliegen, dem es auch mit dem Umzug nach Berlin diesen Sommer treu geblieben ist. Bei seiner Suche nach einer neuen Heimstatt entdeckte Polzer das unabhängige Kino «Toni» am Antonplatz im Berliner Stadtbezirk Weissensee. Dieses in gemütlicher Größe gehaltene Kino reflektiert perfekt die überschaubaren Gruppenstärken, die das Filmfest anzieht. Polzer freute sich auch über den technisch optimal ausgestatteten Kinosaal, der es möglich macht, die Produktionen in bester Qualität zu zeigen. Der ganze Ortwechsel stellte sich nach dem Festival 2009 als einen großen Schritt vorwärts für die Festspiele heraus. Anlässlich des Umzugs gründeten die Organisatoren eine Projektgesellschaft. Über diesen «Umweg» bekam das Festival zum ersten Mal eine öffentliche Förderung, die die Gestaltung eines gedruckten Programmhefts ermöglichte. Auch konnten die Filme zum ersten Mal in einem «echten Kino» aufgeführt werden, erzählt mir Polzer lächelnd. So kam über ein Wochenende im August ein gelungener Eintritt des interessanten und vielfältigen Globians Dokumentarfilm Festivals in die Berliner Filmfestspielszene zustande – und wird in den nächsten Jahren hoffentlich ebenso von sich reden machen.
Han van Acoleyen
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