Musik, Machos und Mascara

Aviv Geffen Foto: SGRS

Aviv Geffen veröffentlicht sein erstes englischsprachiges Soloalbum

In seiner Heimat ist er größer als Madonna, U2 oder Coldplay. Fragt man in Deutschland nach ihm, ist er nur Kennern der Musikszene bekannt. Genau das versucht er jetzt mit der Veröffentlichung eines englischsprachigen Albums und einer Tour zu ändern.

Aviv Geffen gilt bei vielen Israelis als Volksheld, bei genau so vielen ist er verhasst.

Er ist ein Mann der polarisiert, ein Mann den man entweder liebt oder hasst.

Von seinen Fans wird er für das mutige Vertreten seiner politischen Meinung geliebt.

Aviv Geffen war einer der ersten Kriegsdienstverweigerer in Israel. Seine Verweigerung war ein großer Skandal, zumal er auch noch der Neffe des großen israelischen Kriegshelden und ehemaligen Verteidigungsministers Moshe Dajan ist. Auch heute noch ist die Wehrdienstverweigerung ein großes Thema in Israel. Ein Neffe des ehemaligen Premiers Netanjahu saß kürzlich wegen Wehrdienstverweigerung anderthalb Jahre im Gefängnis.

Aviv Geffen, der Sohn des berühmten Poeten und Journalisten Jonatan Geffen, ist ein Friedensaktivist, der lautstark für ein Ende des Kriegs im Gaza eintritt.

Am 4.November 1995 trat er vor tausenden Menschen in Tel Aviv bei einer Friedenskundgebung mit dem Song «I cry for you» auf. Es war die Kundgebung bei der Yitzhak Rabin eine Rede für den Frieden hielt und danach ermordet wurde. Geffen stand nur vier Meter vom Geschehen entfernt und bezeichnet den Augenblick des Attentats als «dramatischsten Moment seines Lebens», durch den er zum Friedensaktivisten wurde. Das Lied, das er spielte, wurde zur Hymne der Hoffnung auf Frieden.

Er sieht sich selbst als einen neuen Hippie, ein Blumenkind mit Gift in den Dornen.

Dieses Gift verspritzt er in seinen Songs, in denen er nicht nur die gängigen Themen von Popsongs behandelt, sondern sich auch kritisch mit der israelischen Politik auseinandersetzt. In seinem neuen Song «Heroes», den er den Kriegsopfern widmet, singt er von Soldaten, die sterben müssen, nur um posthum als Helden verehrt zu werden: «Don’t send your boy, when the country calls you», («Schicke deinen Jungen nicht, wenn das Land ihn ruft»). Eine provokante Äußerung in einem Land, in dem das Militär ein besonderer Teil der Gesellschaft ist.

Seine Kritik an der israelischen Besatzungspolitik brachte ihm in den letzten Jahren auch viele Feinde ein.

In Israel geht Geffen oft mit einer kugelsicheren Weste auf die Bühne, eine Maßnahme, die er ergreifen musste, da er viele Morddrohungen erhält. Nach Jerusalem reist er nur mit Bodyguards, da er in aller Öffentlichkeit von orthodoxen Juden angegriffen wird. Nicht nur sein politisches Engagement, sondern auch sein androgynes Äußeres stößt auf Ablehnung. Er tritt häufig geschminkt und in exzentrischer Kleidung auf, benutzt diese Schminke, um so für eine Anti-Macho-Bewegung zu werben. Seiner Meinung nach ist Israel ein Land, in dem man dazu getrimmt wird, immer stark zu sein. Dies will er verändern, er will den Menschen zeigen, dass sie auch schwach sein dürfen.

 

Aviv Geffen Foto: SGRS

Lebenslinien

Bislang hat er 14 Alben veröffentlicht und mehr als 2,5 Millionen Platten auf dem israelischen Markt verkauft. Der israelische Musikmarkt liegt ihm schon zu Füßen.

Mit seinem 15. Album wagt Aviv Geffen, der alle Texte selber schreibt, jetzt den Schritt auf das internationale Parkett.

Die Produktion ist sein erstes englischsprachiges Soloalbum. Er wagt diesen Schritt, damit seine Botschaft ein breiteres Publikum erreicht. «Das Album beschreibt mein bisheriges Leben. Meine Erfahrungen, Liebe, Glück, eine schwierige Kindheit, Verzweiflung, Alkohol- und Rauschgiftmissbrauch, und natürlich Krieg, Tod und Verlust», sagte der Musiker nach Angaben der Berliner Agentur Icon Music & Communication. Themen, die auch weit über die Grenzen Israels relevant sind.

Bei der Produktion des Albums unterstützten ihn Musikgrößen wie Trevor Horn, der schon mit Paul McCartney arbeitete und Ken Nelson von der Band Coldplay.

Aviv Geffen veröffentlicht mit dem nach ihm benannten Album eine CD, die sowohl thematisch als auch musikalisch breit gefächert ist. Er schafft es, derart mit den verschiedenen Musikrichtungen zu spielen, dass es nicht möglich ist, die Musik zu kategorisieren. In diesem Punkt spiegelt das Album den Künstler wider: Beide sind nicht in Schubladen zu stecken und bewegen sich jenseits von bekannten Schemata.

Die meisten Songs überzeugen textlich und musikalisch, zwischendurch finden sich jedoch auch kleine negative Ausrutscher, wie «It`s alright», das eher belanglos dahinplätschert.

Auf dem Album ist auch sein bisher größter Hit «Cloudy now», den er bereits 1993 in hebräischer Sprache veröffentlichte. Der Song beschreibt die desillusionierte Jugend von Israel, die er eine «fucked up generation» nennt: Aber genau für diese Gruppe ist der Song so etwas wie ihre heimliche Nationalhymne.

Im Januar 2009 ging Geffen erstmals mit seiner eigenen Show und den englischen Texten auf Europatournee. Der Erfolg war überwältigend und um noch mehr Leute für sich und seine Ideale zu gewinnen, kommt er erneut auf Konzertreise:

03. November – Utrecht «Tivoli de Helling»

04. November – Hamburg «Knust»

05. November – Köln «Luxor»

06. November – Berlin «Lido»

08. November – Wien «Chelsea»

09. November – München «59:1»

10. November – Dresden «Beatpol»

Das Album «Aviv Geffen» erschien am 28. August 2009 auf dem deutschen Markt.

Franziska Schmidt

 

 

«Jüdische Zeitung», August 2009