Landauers lebenslange Leidenschaft

Der ehemalige FC Bayern München Präsident wäre dieses Jahr 125 Jahre alt geworden

«Nicht die Menschen haben ihre Leidenschaften, die Leidenschaften haben vielmehr ihre Menschen», so Peter Sloterdijk in «Zorn und Zeit».

Manche Menschen haben eine solche Leidenschaft, die sie ihr ganzes Leben lang verfolgt, die sie nicht abschütteln können und die sie immer wieder zu sich ruft. Hätte er die Möglichkeit, säße Kurt Landauer wahrscheinlich noch heute in der Allianz-Arena und würde seinen Bayern die Daumen drücken.

Dieses Jahr wäre er 125 Jahre alt geworden. Kurt Landauer ist einer derjenigen, die dafür gesorgt haben, dass der FC Bayern München heute überall auf der Erde bekannt und eines der besten Teams der Welt ist. Landauer steht in einer Liste mit den FC Bayern München Präsidenten Franz Beckenbauer und Dr. Wilhelm Neudecker. Große Namen, zwischen denen ein Kurt Landauer nicht auffällt: Doch trotz seiner Verdienste wäre er fast in Vergessenheit geraten.

Der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie trat dem FC Bayern 1901, mit 17 Jahren, als aktiver Fußballer bei und sollte seinem Club ein Leben lang verbunden bleiben. Kurz nach seinem Beitritt ging er nach Lausanne, um dort seine Banklehre abzuschließen. 1905 kehrte er nach München und zum FC Bayern zurück und wurde acht Jahre später erstmals Präsident des FCB. Doch der Erste Weltkrieg führte dazu, dass er München wiederholt verlassen musste: Er kämpfte für das Deutsche Reich an der Front. Zurück in München begann er nun, den Klub zu formen. Er sorgte dafür, dass viele ausländische Teams zu Spielen in die bayrische Landeshauptstadt kamen und der Verein immer größer und bedeutender wurde. 1932 wurde der junge Verein erstmals Deutscher Meister und Landauer von tausenden Menschen gefeiert. Nur wenige Monate nach Landauers großem Erfolg, am 22. März 1933, trat er aufgrund der neuen politischen Machtverhältnisse zurück. Der Rücktritt ging von ihm aus und nicht wie bei vielen anderen Vereinen vom Vorstand. Die Führung übernahm zunächst kommissarisch, der mit Landauer eng verbundene Herrmann, ehe der im Oktober 1933 von Dr. Karlheinz Öttinger abgelöst wurde. Kurt Landauer hatte derweil 1933 seine Stelle als Anzeigenleiter bei den «Neuesten Nachrichten» verloren und arbeitete in der Wäschereifirma Rosa Klauber.

Die anderen jüdischen Mitglieder des Clubs konnten sich noch bis 1935 halten, ehe sie zur Vorlage des «Ariernachweises» gezwungen wurde. Der FC Bayern galt damals als «Judenclub», der versuchte, sich solange wie möglich den neuen Bestimmungen zu widersetzen. Ganz im Gegenteil zum ewigen Rivalen 1860 München, der schon früh von Nazis geführt wurde. Der FC Bayern wurde, so zu lesen in «München und der Fußball», erst ab 1942/1943 von dem Parteimitglied Josef Sauter geführt.

Auch nach seiner Amtsniederlegung war Landauer ein oft und gern gesehener Gast bei den Festen und auf dem Fußballplatz. Einen Tag nach der Reichspogromnacht wurde er ins KZ Dachau gebracht, wo er 33 Tage festgehalten wurde. Nach seiner Freilassung ging Landauer ins Exil nach Genf. 1940 spielte der FC Bayern dort gegen Servette Genf, in der Halbzeit erkannten die Spieler ihren ehemaligen Präsidenten und begrüßten ihn herzlich, er war nicht in Vergessenheit geraten. Diese scheinbar kleine Anekdote blieb den NS-Machthabern nicht verborgen und die Mannschaft wurde ernsthaft abgemahnt.

Vier Geschwister von Landauer wurden in den Vernichtungslagern ermordet, nur eine Schwester überlebte die Schoa. Trotz alledem, was er durch die Deutschen erleiden musste, ging er, getrieben von seiner Liebe zum FC Bayern München, abermals in seine Heimatstadt zurück und bewarb sich bei der amerikanischen Besatzungsmacht um die Lizenz zum Wiederaufbau des Vereins. Trotz der vielen anderen Bewerbern wurde ihm das Recht gewährt und so machte sich Landauer an die Arbeit. Nachdem der Fußballbetrieb in Deutschland 1944 zum Erliegen gekommen war, hatte Landauer eine große Aufgabe vor sich. Seine letzte Amtszeit beim FC Bayern München dauerte von 1947-1951. Sein Amt verlor er an einen Handballer! Der Handballsektor des Klubs sei, so hieß es, eifersüchtig auf die Dominanz der Fußballer im Verein. Nur zehn Jahre nach dem Ende seiner Amtszeit verstarb er am 21. Dezember 1961, im Alter von 77 Jahren in München. Mit seiner Arbeit legte Landauer den Grundstein für die Erfolgsgeschichte des auch «FC Ruhmreich» genannten deutschen Rekordmeisters.

Vergangenheitsbewältigung

Erst in den letzten Jahren begannen die Vereine ihre Archive für Historiker zu öffnen und damit etwas Licht in den dunklen Sumpf ihrer Geschichte in der NS-Zeit zu bringen. Viele Vereine tun sich mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte schwer, zumeist weil das Verhalten während der NS-Zeit ein nicht unbedingt positives Licht auf sie wirft. Anders sähe die Sache beim FC Bayern München aus, der jahrelang gegen die offizielle Rassenpolitik opponierte. Aber auch dort wird in der Vereinschronik nicht viel über die NS-Zeit und Kurt Landauer geschrieben.

Zu seinem 125. Geburtstag luden nun Maccabi München und die Evangelische Versöhnungskirche, wohl bemerkt nicht der FC Bayern, zu einer Gedenkfeier für den ehemaligen Präsidenten, ein. Die Bayern warteten mit der Teilnahme der Vorstandsmitglieder Karl-Heinz Rummenigge, Fritz Scherer, Karl Hopfner und Willy O. Hoffmann auf. Rummenigge ließ bei der Gedenkfeier verlauten, dass man keinen Grund habe Landauer zu verstecken, man wollte aber mit der Geschichte «nicht populistisch kokettieren».

Durchaus möglich und erfolgversprechend, glaubt zwar der Historiker Anton Löffelmeier mit Blick auf Unternehmen wie die Deutsche Bank, Siemens oder BMW, die ihre Archive schon in den 1990er Jahren öffneten: «Sie sollten den Marketingwert der Geschichte begreifen. Die Wirtschaft war da weitsichtiger.» Aber es ist den Bayern also hoch anzurechnen, dass sie die «Marke Kurt Landauer» nicht als Marketingkampagne aufziehen, um sich so von vielen anderen deutschen Vereinen als leuchtendes Beispiel abzusetzen.

Fritz Scherer, der Vize-Präsident des FCB, befürchtet heftige Reaktionen, wenn der Klub seine jüdische Vergangenheit in den Vordergrund stelle. «Dann laufen Sie Gefahr, dass es Gegendemonstrationen gibt, da provoziert man etwas», so Scherer, auch mit Blick auf die «rechte Szene». Die Vergangenheit «der Bayern» ist jedoch geprägt von jüdischen Funktionären wie Landauer. Da der FC Bayern sich ja so gerne auf seine Tradition besinnt, wäre es angebracht, auch seine Geschichte jenseits der großen Erfolge in den 1970er Jahren mehr in den Vordergrund zu stellen, auch wenn man damit möglicherweise gewisse Gruppierungen provoziert oder als Fans verliert.

Kurt Landauer stand jedenfalls sein ganzes Leben lang bedingungslos hinter seinem FC Bayern München.

Franziska Schmidt

 

 

«Jüdische Zeitung», August 2009