Buchcover

«Wenn der Tod sich nähert, nur ein Atemzug»

von Paulo César Fonteles de Lima

Paulo César Fonteles de Lima, ein im Kampf brasilianischer Kleinbauern gegen die verbrecherischen Methoden der Großgrundbesitzer aktiver Rechtsanwalt und Abgeordneter der kommunistischen Partei in der Provinz Pará, wurde 1987 mit drei Pistolenschüssen aus nächster Nähe ermordet. Seine Beerdigung in Belém nutzten Tausende von Menschen zu einer beeindruckenden Demonstration gegen die organisierte Kriminalität der Großgrundbesitzer. Während der über zwanzig Jahre andauernden Militärdiktatur in Brasilien (1963-1985) war Fonteles de Lima zunächst im studentischen Untergrund aktiv. 1971, im Alter von 22 Jahren wurde er gemeinsam mit seiner schwangeren Frau verhaftet und in Militärgefängnissen monatelang massiver physischer und psychischer Folter ausgesetzt. «Die Methoden der Gestapo sind überholt. Wir studieren die Heilige Inquisition», sagte damals ein Folterknecht zu ihm. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahr 1973 entstanden innerhalb von zehn Jahren seine nun weltweit erstmals in gedruckter Form vorliegenden Gedichte über die Folter als Versuch der innerlichen Befreiung von dem Erduldeten. «Wenn der Tod sich nähert, nur ein Atemzug» ist ein tief bewegendes und den Leser unmittelbar verstörendes Dokument eines absoluten Ausgeliefertseins des Einzelnen an ein unmenschliches und allmächtiges, diktatorisches Regime. Fonteles de Lima gelingt es in seinen knappen, der Konkreten Poesie verpflichteten, jegliche analytische Distanz aufgebenden Versen, das Grauen und die physische Bedrohung, die die Folter für den Gefangenen bedeuten, direkt auf den Leser zu übertragen: es fällt außerordentlich schwer, diese tief beängstigenden Texte zu verdauen. Vorbildlich ergänzt wird die vorliegende zweisprachige Ausgabe von einem die Epoche brasilianischer Militärdiktatur überaus erhellenden, fünfzig Seiten umfassenden Essay des Herausgebers Steven Uhly, der auch für das Verständnis der poetischen Texte Fonteles' de Lima ausgesprochen wichtig ist.

Florian Hunger

Information:

«Wenn der Tod sich nähert, nur ein Atemzug», aus dem Brasilianischen von Steven Uhly, erschienen bei Matthes & Seitz, 181 Seiten, € 22,80

 

 

«Jüdische Zeitung», Dezember 2006