Freizügig, ja fast schon frivol!

 

Praxisnah studieren – in Kooperation zwischen dem Jüdischen Museum Berlin und der  Universität Potsdam

 

Die hüpsche Jüdin hat dem Betrachter ihre bis zur Brust entblößte Schulter zugewandt. An ein Wolkengebilde geschmiegt, lächelt sie leicht entrückt. Jung, nicht einmal volljährig ist die sephardische Schönheit mit den dunkelbraunen Augen und dem schwarzen lockigen Haar. Ihre Pose erinnert an Hebe, die griechische Göttin der ewigen Jugend. Das Porträt der Henriette Herz, gemalt von Anna Dorothea Therbusch, gibt Rätsel auf: Eingebettet in einen fremden Götterhimmel steht die Darstellung im Widerstreit zur jüdisch-orthodoxen Konvention. Wer war der Auftraggeber der Abbildung? Welchem Anlass diente das Gemälde? Was sagt die Illustration über die Porträtierte aus? Gibt es überlieferte zeitgenössische Reaktionen?

 

Gemeinsam mit der Kuratorin der Kunstsammlung des Jüdischen Museums Berlin, Inka Bertz, widmeten sich erstmals Studierende der Universität Potsdam diesen und vielen weiteren Fragen zum Thema «Porträts von Juden im 18. Jahrhundert». Die Möglichkeit, kunsthistorisch Themen der jüdischen Aufklärung zu bearbeiten, bietet seit diesem Sommersemester der Kooperationsvertrag zwischen den beiden Einrichtungen in Berlin und Potsdam. Anfang Juli unterschrieben die Präsidentin der Universität Potsdam, Sabine Kunst, und die Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin, Cilly Kugelmann, das Vertragswerk.

Eine Zusammenarbeit der Institutionen schien den Initiatoren ohnehin naheliegend, gehören sie doch zu den umfangreichsten ihrer Art: Das Institut der Jüdischen Studien in Potsdam zählt über 300 Studierende und ist damit eines der größten Lehranstalten für Jüdische Studien in der Europäischen Union. Eingerichtet im legendären Libeskind-Bau gilt das Jüdische Museum andererseits als das größte jüdische Museum Europas.

 

Die Studierenden sitzen in einem weiten Seminarraum des Jüdischen Museums mit großen, hohen Fenstern. In der Mitte des Raumes sind einige Tische zu einem U zusammengeschoben, ringsherum Stühle. Die Lernbedingungen wirken an diesem Ort fast luxuriös, hört man doch sonst immer von engen, überfüllten Seminarräumen und knappem Lehrpersonal. Gebannt blicken die Anwesenden auf die Darstellung des Mädchens, die per Beamer an die leere Wand vor ihnen geworfen ist. «…und die Karaffe im äußeren Bildrand? Eine solche ist ganz untypisch für die Hebe-Ikonographie.» Viele der Fragen können beantwortet werden. Inka Bertz und Christoph Schulte, Professor an der Universität Potsdam, geben Anstöße und teilen ihr Wissen mit den Kommilitonen. Doch nicht nur die angenehme Lokalität scheint die jungen Leute, die ein Mal pro Woche von Potsdam nach Berlin pendeln, zu überzeugen: attraktiv ist die Nähe zur Sammlung und zum Archiv des Museums. Gelegenheit mit dem Fahrstuhl in das oberste Stockwerk des Hauses zu fahren und die Schätze in der Restaurationswerkstatt zu begutachten, hat man als normaler Museums-Besucher schließlich nicht.

 

Weitere Projekte geplant

 

Das Seminar «Porträts von Juden im 18. Jahrhundert» ist das erste von mehreren geplanten Lehrveranstaltungen und Studienprojekten im Rahmen der neuen Kooperation. Im Wintersemester 2009/2010 werden sich Studierende neben Porträts von Juden auch mit einem außergewöhnlichen Fund beschäftigen können: 2003 erwarb das Museum einen Lehmsack, der bei Renovierungsarbeiten an einem Haus im unterfränkischen Memmelsdorf auffiel. In ihm befanden sich Gebetbuchfragmente, eine Gemeindeordnung, persönliche Briefe, Schreibübungshefte, ein Kalender, Lotteriescheine und Visitenkarten. Die so genannte «Genisa» mit ihrem religiösen wie profanen Inhalt gehörte offenbar früheren jüdischen Hausbesitzern, die um 1800 in dem Gebäude gelebt hatten. Wörtlich bedeutet «Genisa» Aufbewahrung. Zumeist wird damit ein Raum bezeichnet, in dem unbrauchbar gewordene Schriften und Kultgegenstände abgelegt oder rituell bestattet werden, weil sich auf ihnen der Gottesname befindet und sie deshalb nicht weggeworfen werden können. Ausgewählte Stücke stellt nun das Museum den Studierenden und den wissenschaftlichen Leitern der kommenden Lehrveranstaltung zur Verfügung. Auch hier ist das Leitkonzept ein praktisches: identifizieren, untersuchen, transkribieren und übersetzen – Tätigkeiten sollen erprobt werden, die in Universitäten meist zu kurz kommen.

 

Abgesehen davon, dass die Universität Potsdam durch die Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum ihre Lehre durch eine praxisnahe Komponente erweitern kann, bietet die Vernetzung noch einen zusätzlichen Vorteil: Die Beschäftigung mit authentischen Quellen wird sichtbare Forschungsergebnisse hervorbringen. Bereits jetzt sind einige der Porträtbeschreibungen aus dem Sommersemester auf einer angegliederten Homepage der Universität Potsdam, haskala.net, nachzulesen.

Freilich wird auch das Jüdische Museum von der Kooperation profitieren. Die Anbindung an die Universität Potsdam verspricht Nähe zu aktuellen Forschungsfragen und eine dichte Vernetzung von Wissenschaftlern beider Einrichtungen.

 

Saro Gorgis

 

 

«Jüdische Zeitung», August 2009