Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Eine Seifenoper im Holocaust
30 Jahre nach der Erstausstrahlung im westdeutschen Fernsehen erscheint der Vierteiler «Holocaust, die Geschichte der Familie Weiss» als DVD-Box
Erste Szene: Eine Zigarre anzündend lehnt er etwas abseits an einer Mauer: «Moses Weiss - soso Herr Helms, ließt du keine Zeitung? Inga lässt sich vielleicht auf was ein, was sie bereuen wird.» Der dickliche Mann presst seine schmalen Lippen zusammen. Durch seine matten Augen blickt er abschätzig auf die Szene. Zweifellos hat er es auf die Braut abgesehen. Auf der Innenseite seines Kragens versteckt er eine Hakenkreuzanstecknadel. «Was soll schon passieren?», antwortet ihm der Andere, «hör zu, das sind gute Juden - der Vater Arzt, der Großvater Weltkriegsteilnehmer». Man fällt ihm ins Wort: «Wäre besser gewesen noch ein paar Wochen zu warten. Man munkelt, dass die Partei Mischehen bald verbieten wird». In der Mitte des Geschehens tanzt das junge Brautpaar: «Lasst uns was Schönes zusammen singen! die „Lorelei“ von Heine». Doch Lieder von Heinrich Heine zu singen ist schon längst nicht mehr erwünscht.
In jeder so genannten Soap gibt es einen Bösewicht, der sich schnell zu erkennen gibt. Er spinnt die Intrigen und unternimmt alles, um das Glück des Liebespaares zu zerstören. Meist gelingt ihm das auch. Seine Gemeinheiten lösen in uns gewaltige Antipathie und ein Verlangen nach Gerechtigkeit aus, das wir sofort erfüllt wissen wollen. Unsere Lieblingssoap nimmt einen wichtigen Bestandteil unseres Alltagslebens ein, ist fast ein tägliches Ritual geworden. Nicht selten wird der abendliche Ablauf daran ausgerichtet. Obwohl die Ereignisse abzuwägen sind und wir etwa nach dem zweiwöchigen Urlaub feststellen, dass wir der Handlung immer noch reibungslos folgen können, bleiben wir der Sache treu und fiebern jeden Tag aufs Neue mit. Die Definition einer Seifenoper, auch Soap genannt, beschreibt eine rührselige, seichte, melodramatische oft auch komische Funk- oder Fernsehserie, die der Unterhaltung dienen soll. Ist es demnach geschmacklos die Schoa, den millionenfachen Völkermord an den Juden durch die Nationalsozialisten, derart zu präsentieren? Im Januar 1979 wurde die amerikanische Spielfilmserie «Holocaust, die Geschichte der Familie Weiss» im westdeutschen Fernsehen gezeigt. 30 Jahre nach der Erstausstrahlung liegt das Medienereignis von damals nun als DVD- Set vor.
Die Serie, die laut des damaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt zum kritischen und moralischen Nachdenken anregen sollte, fand unerwartete Resonanz und stieß zugleich auf massive Kritik. Das Schicksal der jüdischen Familie Weiss ergriff 15 Millionen Fernsehzuschauer zu einer Zeit, als die abendliche Unterhaltungsalternative des Fernsehens in lediglich zwei Programmen bestand. Zum ersten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte und auch der deutschen TV-Geschichte befasste man sich derart intensiv mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Der Leidensweg der Familie Weiss gab der anonymen und unfassbaren Zahl der sechs Millionen ermordeten Juden ein Gesicht und rief tiefe Erschütterung bei vielen Deutschen hervor - übrigens beidseitig des Eisernen Vorhangs: Auch viele DDR-Bürger verfolgten die Serie im Westfernsehen. Kritiker begannen noch vor der Ausstrahlung zu diskutieren, ob es moralisch vertretbar sei, das undarstellbare Grauen der systematischen Vernichtung des jüdischen Volkes in einer erfundenen Geschichte zu inszenieren. Dabei würden die historischen Fakten durch die erfundene Handlung verklärt werden und die hässlich, übel aufstoßende Wahrheit in ein Parfum von Hollywoodschick umhüllt. Ist es geschmacklos die schreckliche Realität in einer Soap zu verpacken? Ist es aber nicht genau das, was uns die Zeit zugänglich oder gar zumutbar macht? In «Holocaust» sei einfach alles drin: «ein fußballspielender Held mit strahlend weißen Zähnen, eine gute Dosis von Liebeskummer und auch genügend Aktion, um das Publikum zu fesseln», schrieb die israelische Journalistin June Rose. Der jüdische Autor Elie Wiesel, selbst ein Überlebender der Konzentrationslager, klagte die dadurch provozierte «Trivialisierung der Schoa» an. Der Film verwandle, so Wiesel, ein ontologisches Ereignis in eine Seifenoper. Dies sei eine Beleidigung für die Umgekommenen wie die Überlebenden gleichermaßen.
In vier Teilen wird die Verfolgung und Vernichtung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland anhand zweier fiktiver Familien erzählt, deren Schicksale sich auf tragische Weise immer wieder begegnen. Die jüdische Arztfamilie Weiss wird Opfer der systematischen Mordmaschinerie, die zur Endlösung der Judenfrage führen soll, während der Jurist Erik Dorf unter dem Einfluss seiner überehrgeizigen Frau zu einer hervorragenden Nazikarriere aufsteigt und seiner Familie zu Wohlstand und Ansehen verhilft. Trotz der Bemühungen um eine möglichst realistische Darstellung über Kostüme und Kulissen, fehlt der Handlung der Bezug zur wahren Gegebenheit. Die Vernichtungslager sehen zu sauber aus, die Häftlinge zu gesund. Eine Konfrontation mit authentischen Bildern, die der Wahrheit näher käme, bleibt aus - so dies überhaupt darstellbar wäre. Vergleicht man «Holocaust» mit anderen Dramen über die Schoa, wie etwa dem Spielfilmepos «Schindlers Liste» von Steven Spielberg aus dem Jahr 1993, wirkt die fiktive Inszenierung tatsächlich «soapartig». Es scheint, als hätte man versucht, die Fakten einer Dokumentation durch Schauspielereien zu ersetzten. So wirkt die Serie wie aus einem Theaterstück, in dem möglichst alles, was das Thema «hergibt», abgeklappert wird: Die Familie Weiss durchläuft alle denkbaren Leidenswege. Vom zionistischen Ghettoaufständischen über den Widerstandskämpfer, dem mit einer «Arierin» verheirateten KZ- Maler, bis zu der von den Nazis vergewaltigten Jüdin, spiegelt der Film viele jüdische Einzelschicksale wieder. Natürlich nicht ohne die nötige Dosis Herzschmerz. Statt der Auseinandersetzung mit der entsetzlichen Vergangenheit wird mitgefiebert, ob sich das Liebespaar nun vielleicht doch ein letztes Mal begegnen wird. Der Zuschauer ist ergriffen von der leidenschaftlichen Frau, die alles auf sich nimmt, um ihren jüdischen Ehemann noch einmal zu sehen. Obwohl man das Ende wohl kennt, hofft man bis zum letzten Moment, das doch noch alles anders kommt. Aber es kommt, wie es kam!
Das Nazis «schlecht» sind, wissen alle. Auch Soap-Gucker. Hoffentlich. Wenn wir aber einen KZ- Wärter mit heiserer Stimme über die Liebe nuscheln hören, dann steigt Wut über diese Ungerechtigkeit auf: wir empfinden ganz persönlichen Ekel, vielleicht zum ersten Mal, über diesen Widerling, der sich Inga nähert, während ihr Mann nur wenige Meter weiter im Lager sitzt. Das grausame Ende scheint uns nun erst recht doppelt grausam: Nicht weil Hitler sechs Millionen Juden umbrachte, sondern weil er diese, gerade diese Liebe sterben lies. Man mag über das Genre der Soap denken, wie man will. Dennoch: Das Filmepos «Holocaust, die Geschichte der Familie Weiss», das nun als DVD-Box vorliegt, ist ein Zeitbild, das Augen zu öffnen vermag und Augen öffnen wird. Theresa Polley
Anlässlich der von Polyband Medien GmbH veröffentlichten 4-DVD-Box, «Holocaust, die Geschichte der Familie Weiss» verlost die «Jüdische Zeitung online» vier Exemplare.
Beantworten Sie uns folgende Frage – und senden Ihre Antwort per eMail, Brief oder Postkarte bis zum 16. Oktober 2009 (Eingang hier) an die Redaktion:
Mit wie vielen Golden Globes wurde «Holocaust, die Geschichte der Familie Weiss» ausgezeichnet?
(Mitarbeiter der Werner Media Group und ihre Familienangehörigen sind von der Verlosung ebenso ausgeschlossen, wie der Rechtsweg. Die Gewinner werden am 17. Oktober aus den bis dahin eingegangenen Antworten durch die Redaktion per Los ermittelt.)
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