Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Die «Wissenschaft des Judentums» – gestern und heute
Vielfältig und reformiert wie in ihren Anfängen: die Lehre der Jüdischen Studien in Berlin und Brandenburg
190 Jahre nach der Gründung des «Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden» blüht in Berlin und Brandenburg erneut auf, was 1942 durch die Nationalsozialisten ein jähes Ende nahm: die Wissenschaft des Judentums. Neben der Freien Universität Berlin und der Universität Potsdam bietet nun auch die Humboldt-Universität zu Berlin ein wissenschaftliches Forum zur Erforschung jüdischen Lebens in Deutschland. Gleichzeitig erweitert das Institut für Jüdische Studien an der Universität Potsdam seine Lehre durch eine praxisnahe Komponente: Der am 10. Juli von der Präsidentin der Universität Potsdam, Sabine Kunst, und der Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin, Cilly Kugelmann, unterschriebene Kooperationsvertrag, besiegelt die wissenschaftliche Zusammenarbeit beider Einrichtungen, wie wir in dieser Ausgabe der «Jüdischen Zeitung online» ebenfalls berichten.
Bemühungen um Kooperation und wissenschaftliche Vernetzung beweisen, dass das Forschungsinteresse am Judentum nach wie vor lebendig ist. Und nicht nur das: Die Institute und wissenschaftlichen Zusammenschlüsse stehen teilweise in bewusster Tradition eines modernen jüdischen Selbstverständnisses, das sich im Anschluss an die Jüdische Aufklärung, die Haskala, herauszubilden begann. Nicht mehr steht das Judentum allein als religiöse Erscheinung im Mittelpunkt von Lehre und Forschung. Als soziologisch relevante Größe rückt zunehmend sein kultureller Einfluss auf die christlich-deutsche Mehrheitsgesellschaft in den Blickwinkel der Untersuchungen. So heißt es in der Presseerklärung zum Programm des Kollegiums Jüdische Studien: «Das neu gegründete Kollegium Jüdische Studien […] hat es sich zum Ziel gesetzt, die Zeit, in der christlich-deutsche und jüdisch-deutsche Traditionen aufeinander stießen, interagierten, sich wechselseitig formten und herausbildeten, gezielt zu erforschen.»
Geburtsstunde und vorläufiges Ende
Ein Sprung zurück in die Geschichte: Im Gefolge von Ausschreitungen gegen Juden, den «Hep-Hep»-Unruhen, gegründet, bildet der «Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden» einen Kontrapunkt zu antijüdischen Krawallen. Akkulturierte, jüdische Intellektuelle versammeln sich 1819 auf der Suche nach einer gemeinsamen Identität jenseits halachischer Frömmigkeit. Ihr Ziel ist die wissenschaftliche Erforschung des Judentums als Glaubensgemeinschaft und Nation. Immanuel Wolf ist der erste, der den Begriff einer «Wissenschaft des Judentums» schärft und ihn der neuen jüdischen Bewegung mit seinem gleichnamigen Werk als Programm auf die Fahnen schreibt. Neu ist die historiographische Perspektive der Vereinsmitglieder. Fühlte sich der Urvater der jüdischen Aufklärung, Moses Mendelssohn, der religiösen Tradition noch zutiefst verpflichtet, wendet sich die Nachfolgegeneration zunehmend einer kritischen Prüfung religiöser Überlieferungen zu. Die Geschichtsschreibung, resümiert später der jüdische Historiograph Heinrich Graetz, entsprang einem «unwiderstehlichen Trieb zur Selbsterprobung». Die Quintessenz des Judentums musste vor dem bitteren Hintergrund der gescheiterten Emanzipation neu bestimmt werden.
1872 tritt die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums das Erbe des Vereins an. Noch immer ist es Wissenschaftlern untersagt, Jüdische Studien an deutschen Universitäten zu lehren. Davon ungetrübt, setzt die unabhängige Bildungsstätte die Arbeit des ersten wissenschaftlichen Zusammenschlusses von Juden fort. Unparteiisch, an keine religiöse Richtung gebunden - so lautet das methodische Grundkonzept für Forschung und Lehre. Das Gesamtgebiet der Wissenschaft des Judentums soll behandelt werden und allen Studierenden ohne Unterschied des Glaubens und der Fakultät zugänglich sein.
Abraham Geiger, reformierter jüdischer Gelehrter, ist einer der ersten Dozenten, Leo Baeck der letzte Rektor der Lehranstalt. 1942 schließen die Nationalsozialisten das Gebäude und damit das Kapitel einer schöpferischen Disziplin. Die Gestapo beschlagnahmt die wertvolle Bibliothek und eine reichhaltige Sammlung von Ritualgegenständen.
Renaissance der Wissenschaft des Judentums
Die Wissenschaft des Judentums wird fortgesetzt – allerdings Jahrzehnte später. Das Institut für Judaistik öffnet zu Beginn der 1960er Jahre seine Pforten für Studenten. Direktor ist Jacob Taubes, Religionssoziologe, Philosoph und Judaist. An der Universität Potsdam können Studenten seit 1994 den Studiengang Jüdische Studien wählen. Dieser ist interdisziplinär angelegt und lehrt die mehr als 3000-jährige Geschichte und Gegenwart des Judentums in seinen vielfältigen religiösen, kulturellen, intellektuellen, wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungen. In direkter Tradition der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums steht jedoch eine andere Einrichtung: Das Abraham Geiger Kolleg in Potsdam. Nicht nur sein Namenspatron verweist auf eine geistige Rückbindung an die Anfänge jüdischer Wissenschaft. Angegliedert an die Universität Potsdam, vermittelt die 1999 gegründete Ausbildungsstätte für Rabbiner und Kantoren die reformierte Leitidee einer allumfassenden Betrachtungsweise des Judentums. 2006 feierte das erste Rabbinerseminar in Deutschland die Ordination von drei Rabbinern, die im Anschluss an ihre Ausbildung ihre Arbeit in München, Oldenburg und Kapstadt aufnahmen.
Und Heute? Ist die Wissenschaft des Judentums neben der Rabbinerausbildung überhaupt noch von Bedeutung? Gibt es gegenwärtig noch Forschungslücken, die zu schließen wären? Christina von Braun, Leiterin des neuen Kollegiums Jüdische Studien an der Humboldt-Universität, bejaht. Zusammen mit Julius H. Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam und Seniorprofessor am Institut für Kulturwissenschaften der Humboldt-Universität, wird sie vor allem Forschungen zum Judentum im 18./19. Jahrhundert betreuen. Zwar seien theologische und philosophische Fragen dieser Zeit bereits gut bearbeitet, die Frage nach den konkreten Auswirkungen bürgerlicher Emanzipation stünde hingegen noch offen. So ist auch noch immer nicht geklärt, welchen Einfluss die jüdische Emanzipation auf das konkrete Leben von Familien, von Intellektuellen, Unternehmern oder etwa auch Kunstsammlern und Mäzenen hatte. Die jüdische Aufklärung unter «biographischer und historischer Perspektive» – das ist der Fokus des neuen wissenschaftlichen Kollektivs.
An der Universität Potsdam beschäftigt man sich schon seit längerem mit der jüdischen Aufklärung. Ein eigenes Internetforum, haskala.net, präsentiert die Protagonisten und den historischen Kontext jener Zeit durch Schrift- und Bilddokumente. «Hervorragende Arbeit», befindet Christina von Braun, «aber die Jüdischen Studien haben auch viel mit Berlin - und gerade mit Berlin-Mitte und der Humboldt-Universität - zu tun». Anders als in Potsdam, wo die Lehre im Zentrum steht, wird sich das Kollegium auf Forschungsprojekte und die Doktorandenausbildung konzentrieren. Konkurrenz zwischen den Einrichtungen ist also nicht zu befürchten. Im Gegenteil: Eine Ausdifferenzierung der Forschungsschwerpunkte und die Zusammenarbeit der Hochschulen versprechen eine dichte Vernetzung von Wissenschaftlern und ihren Projekten. Saro Gorgis
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