Leserforum


 

So viele nette Deutsche

Zum Gedenken an das November-Pogrom

 

71 Jahre danach. In Baden-Baden wird immer am Abend des 10.November abends im großen Rathaussaal eine merkwürdige Gedenkveranstaltung abgehalten. In diesem Jahr waren unter den Veranstaltungsgästen mehr als die Hälfte dezent gekleidete Deutsche, unser Oberbürgermeister mit einer lustigen roten Krawatte und einige jüdische Gäste, überwiegend Sozialhilfeempfänger mit ungenügenden Deutschkenntnissen.

Alle Jahre wieder und doch war es dieses Mal ein bisschen anders. So sprach der OB mit einem eher fröhlichen Lächeln und erwähnte sehr oft den US-Präsidenten Obama, der im Sommer auch diesen Saal besucht hatte, obwohl sich kein Bezug zum schrecklichen Pogrom von 1938 finden ließ.

Die Gemeindevorsitzende ergoss sich in Begeisterung über den Mauerfall und in Dankeslob an Gorbatschow, der angeblich der einzige war, der den Juden die Auswanderung nach Deutschland ermöglicht habe. Es wurde kein Einwand erhoben. Dann sprach eine Pfarrerin aus dem Kirchenrat. Mit Recht wies sie darauf hin, dass die Gedenktafel am Ort der verbrannten Synagoge mit dem Text «zerstört durch Brandstiftung am 10.11.1938» eigentlich zu harmlos sei und heutzutage keine richtige Vorstellung über die tatsächlichen Ereignisse zulasse.

Es wurde viel Musik gespielt – «aus osteuropäischen Ländern», so hieß es. Warum nicht jüdische Musik? Anschließend gingen wir alle zum Gedenkstein für die Verfolgung der Juden Baden-Badens, der wohl bemerkt erst im Jahr 1989 errichtet wurde. Dort wurde ein Psalm zum Lob der Gerechten auf Hebräisch vorgelesen und wieder Bach-Musik gespielt. Es war schwierig, Trauer und Wut über das Schrecken vom 10.11.1938 zu fühlen unter so vielen netten Deutschen, deren Omas und Opas das ganze mit eigenen Augen mindestens angeschaut, wenn nicht mitgemacht hatten. Von den Jungen waren wirklich nur drei oder vier dabei.

Noch ein Wort zur «Jüdischen Zeitung». Die Qualität Ihrer Zeitung hat stark nachgelassen, besonders «Religion» und der «Personenkalender». Die ganze politische Berichterstattung ist von so starken antiisraelischen Tendenzen durchdrungen, dass man sich an die Neonazi-Presse erinnert fühlt.

Dr. Helena Reich, Baden-Baden

 

«Die Anderen sind Schuld»

Zu «Der Verleger und der Versager»
von Dr. Walter Rothschild,
JZ November 2009

 

Ich hatte in der Oktober-Ausgabe der «JZ» darüber geschrieben, dass das Verleugnen unserer eigenen Schuld von 1948 (Vertreibung der arabischen Bevölkerung, ihre Enteignung, etc.) die moralische Glaubwürdigkeit des Judentums von innen heraus zerstört. Zum Beispiel können wir nicht gleichzeitig an Jom Kippur um Vergebung unserer Schuld bitten und beim Konflikt um unsere jüdische Heimstätte immer sagen «Die Anderen sind schuld».

Nun antwortet mir in der November-Ausgabe der «JZ» tatsächlich ein Rabbiner. Das ist schön. Denn es geht um eine moralische Frage, zu der leider viele Rabbiner schweigen.

In seiner Antwort redet Herr Rothschild nur in ironischer indirekter Rede über unsere Schuld der Vertreibung der Araber – die Enteignung erwähnt er nicht – und argumentiert zur Entlastung, die Geschichte Palästinas habe nicht 1948 angefangen, sondern viel früher.

Herr Rothschild gibt damit ein gutes Beispiel für die Haltung, die ich in meinem Oktober-Beitrag angegriffen habe. Diese Haltung führt meiner Meinung nach das Judentum in eine ausweglose Situation. Einen Weg aus diesem Konflikt, der dem Judentum eine Zukunft eröffnet, wird es nur geben, wenn wir unsere Schuld an den Palästinensern anerkennen und damit wieder eine stimmige moralische Botschaft des Judentums aussenden. Es ist in meinen Augen sehr bedauerlich, dass dies von nur sehr wenigen Rabbinern in Deutschland auch so gesehen wird; wenn dies anders wäre, das wäre gut für uns Juden.

Auf den sachlichen Gehalt von Herrn Roth-schilds Argumenten kann ich hier leider nur kurz eingehen. Nur soviel: Selbstverständlich hat die Geschichte Palästinas nicht 1948 angefangen. Im Gegenteil: Bei meinen Vorträgen zu diesem Thema höre ich im Jahr 1948 auf! Die Betrachtung der Geschichte 1880-1948 reicht völlig, um klarzulegen: Dies war nicht ein Konflikt von Gut gegen Böse, sondern der Streit um ein Stück Land, das den palästinensischen Arabern Heimat war und den jüdischen Einwanderern als einzig mögliche Heimat erschien, denn eine andere hatten sie nicht. Aber auch daraus kann nicht ein Grund abgeleitet werden, die moralischen Gebote des Judentums und der Menschlichkeit dauerhaft außer Kraft zu setzen.

Rolf Verleger, Lübeck

 

Ein promovierter Selbstgerechter…

Zu «Der Verleger und der Versager»
von Dr. Walter Rothschild,
JZ November 2009

 

Dr. Walter Rothschild ist Landesrabbiner von Schleswig-Holstein und hat in «Nahostgeschichte 1942-1948» promoviert. Sein Brief in der «Jüdischen Zeitung» von November 2009 zeigt aber, dass er nichts begriffen hat außer der allgemein bekannten und verbreiteten Propaganda, oder vielmehr der zionistischen Gehirnwäsche, was sich schon im Thema der Promotion widerspiegelt.

Vom zynischen und menschenverachtenden Stil abgesehen, der einem Rabbiner nicht zu Ehre gereicht, lässt der Brief viel zu wünschen übrig. An erster Stelle, dass man einen solchen Rabbiner in die Wüste schickt mit der Empfehlung, erst einmal «Mensch» zu werden, dann würde er nicht die «Naqba» mit der Katastrophe vergleichen, die 1945 über die Deutschen gekommen ist. Eine Ungeheuerlichkeit, die selbst die israelfreundliche Bundeskanzlerin Merkel auf die Palme bringe müsste. Für die Deutschen war es die Strafe für den begonnenen Zweiten Weltkrieg, für die ungeheuerlichen Kriegsverbrechen und für den Holocaust. Welche Verbrechen haben eigentlich die Palästinenser begangen, dass sie ihre Heimat und ihr Land verloren haben? Sie wollten ihr Land nicht mit den Juden teilen? Warum sollten sie? Tatsächlich haben sie aber seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hunderttausende Juden aufgenommen und gäbe es nicht den Zionismus, der in Palästina einen jüdischen Staat etablieren wollte, dann hätten die Juden dort friedlich weiterleben können, wie sie Jahrhunderte friedlich in der arabischen Welt gelebt haben.

Der promovierte Historiker wirft Prof. Dr. Rolf Verleger, den er nebbich auch noch «Versager» nennt, vor, er würde die Geschichte des Nahen Ostens erst 1948 beginnen lassen. Das ist völlig unsinnig und zeigt nur, dass Rothschild die Kritik von Rolf Verleger nicht verstanden hat oder nicht verstehen wollte. Verleger meint zu Recht, dass die Verleugnung der Schuld von 1948 das Judentum von innen heraus zerstört. Rabbiner Rothschild ist ein Beispiel dafür. Verleger fordert, uns mit dem Unrecht, das wir 1948 den Palästinensern angetan haben, auseinanderzusetzen. Rothschild sieht dafür offensichtlich keinen Bedarf. Für ihn ist die Entscheidung der Vereinten Nationen vom 29. November 1947 «halbwegs fair».

Über die andere Hälfte, die demnach «unfair» war, will er nicht nachdenken.

Gegenüber «tausenden» (es waren in Wirklichkeit hunderttausende) palästinensische Flüchtlinge und Opfer stellt er die 35 gefallenen Soldaten, die Gusch-Etzion zur Hilfe geeilt sind. Es war allerdings Krieg und im Krieg kommt es vor, dass Soldaten getötet werden. Die Israelis aber haben eine komplette Zivilbevölkerung dafür bestraft, dass diese nicht bereit war, einen jüdischen Staat zu akzeptieren. An die Terroranschläge von Begins, Shamirs und Sterns Terrororganisationen sei nur am Rande erinnert.

Rothschild beginnt schon 1922. Warum erst 1922? Dieser Zeitraum ist eine besondere Leistung für einen Historiker. Dabei ist es völlig absurd, Rolf Verleger vorzuwerfen, dass er die Geschichte Palästinas nicht kennt, und noch absurder ist es, diese Geschichte mit dem Jahr 1922 beginnen zu lassen, als ob es das 19. Jahrhundert und die jüdische Einwanderung seit der Mitte dieses Jahrhunderts nicht gegeben hätte. Die ersten jüdischen Einwanderer im 19. Jahrhundert trafen auf eine friedliche arabische Bevölkerung, die sie freundlich und ohne Hass aufgenommen und akzeptiert hat. Es gibt genügend jüdische und israelische Autoren, die darüber geschrieben haben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten in Palästina mehr als eine halbe Million Palästinenser und nur zehn Prozent von ihnen waren Juden.

1922 hat der Völkerbund in den Mandatsdokumenten festgestellt, dass es die Pflicht der Mandatsmacht sei, das Land so zu regieren, «dass dort eine Heimstätte für Juden entstehen sollte». Daraus den Anspruch der Juden auf Palästina zu konstruieren, ist eben reine zionistische «Logik» und Ideologie. Schon damals, wie fünf Jahre zuvor durch die Balfour-Deklaration, haben Nationen über das Schicksal eines Landes entschieden, das ihnen gar nicht gehörte. Wenn 11 Prozent Bevölkerungsanteil dazu berechtigen, eine Heimstätte zu fordern, dann berechtigen 22 Prozent (in den Grenzen von 1967) erst Recht dazu, gleiche Rechte zu fordern und einen gerechteren Anteil am Staat. Die palästinensische Bevölkerung im heutigen Staat Israel wächst. Jeder fünfte Israeli ist heute kein Jude. Und wenn wir Israel und die besetzten Gebiete nehmen, dann ist dort die Hälfte der Bevölkerung nicht jüdisch.

1922 waren es immerhin schon 11,1 Prozent, und Rothschild führt dies als Argument dafür an: «…wenn Leute vom Staate Israel als einer Reaktion auf den Holocaust reden, ist das völlig falsch». Völlig falsch ist Rothschilds These, denn Israel ist sehr wohl als Reaktion auf den Holocaust entstanden. Dazu braucht man nur die Zahlen zu sehen, sie sprechen für sich:

1922 lebten in Palästina 668.258 Araber und 83.790 Juden. Der Anteil der Juden betrug 11,1 Prozent. 1931 lebten in Palästina 858.708 Araber und immerhin schon 174.606 Juden. Der Anteil der Juden stieg auf 16,9 Prozent. 1936 jedoch lebten in Palästina 982.614 Araber, aber 384.078 Juden. Der Anteil der Juden stieg auf 28,1 Prozent. Die Zahl der Juden hat sich mehr als verdoppelt, während die der Araber gerade eben um 15 Prozent stieg. 1945 gab es in Palästina 1.255.708 Araber und 554.329 Juden; der Anteil der Juden stieg auf 30,6 Prozent. Wer hier die Augen verschließt und nicht zugeben will, dass der steile Anstieg seit 1933 und die Verdreifachung der jüdischen Bevölkerung in den Jahren der Naziherrschaft eben mit dieser Schreckensherrschaft etwas zu tun hatte, sollte darüber nachdenken, wer Israel nach seiner Gründung finanziert hat. Hätte es die deutschen Wiedergutmachungszahlungen nicht gegeben, immerhin im Wert von 1,5 Milliarden Dollar, also im heutigen Wert von dreißig Milliarden Dollar, dann hätte der bankrotte Staat sich nicht finanzieren können. Hätte es keinen Holocaust gegeben, dann hätte Deutschland nicht zahlen müssen, und es ist fraglich, ob die Vereinten Nationen zugestimmt hätten, denn es weiß jeder, dass diese Zustimmung nur das Ergebnis eines schlechten Gewissens der Amerikaner und Europäer war. Völlig absurd und ideologisch wird der Beitrag des verblendeten Rabbiners, wenn er versucht, aus dem «Unabhängigkeitskrieg» der Juden einen «Bürgerkrieg» zu machen. Ein Bürgerkrieg, in dem ein Drittel der «Bürger» die anderen zwei Drittel vertrieben hat. Diese These ist nicht nur absurd, sie ist nationalistisch, chauvinistisch, unhistorisch und dumm. Nicht genug, dass man den Palästinensern Heimat und Rechte geraubt hatte, nun will man ihnen auch die Identität rauben und sie, wie einst den Falafel, zu israelisch-jüdischem Besitz machen. Die echten und wahren Palästinenser sind demnach die Juden.

Richtiger aber ist die These, die jetzt endlich durch das Buch von Shlomo Sand verbreitet und von immer mehr Menschen akzeptiert wird: Die echten und wahren Juden sind die Palästinenser, die nach der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 n.Chr. in Samaria, Judäa und Galiläa verblieben sind, nach der Entstehung des Christentums zu dieser Staatsreligion konvertiert sind und später, als der Islam Palästina erobert hatte, durch Zwang und Geschenke Moslems wurden. Die wahren Juden sind also die Palästinenser.

Was sagt der promovierte Rabbiner dazu?

Er sollte sich lieber mit jüdischer Ethik beschäftigen und darin promovieren, denn hier hat er offensichtlich einen gewaltigen Nachholbedarf.

Abraham Melzer, Neu-Isenburg


Islamischer Angriff auf Kirche

Zu «Schändung einer Nabatäerstadt»,
JZ November 2009

 

Wir haben Avdat im November besichtigt. Eine beeindruckende archäologische Stätte. Wir haben diverse Bilder der erheblichen Farbschmierereien und der umgeworfenen und teilweise mit Vorschlaghämmern zertrümmerten Säulen gemacht. Viele der ehemals tragenden Säulen des Mittelschiffs der Basilika waren umgestoßen und teils in Stücke zerschlagen. Dieses «schwere Verbrechen» stellt sich für uns in einem klaren Licht dar, das israelische Regierungsstellen vielleicht nicht publik machen. Laut israelischen Zeitungen wurden bereits zwei örtliche Beduinen verhaftet, darunter ein offizieller Wächter von Avdat. Es wurden drei Farben verwendet: schwarz, gelb und dunkles Weinrot. Ich denke, es liegt ein islamischer Angriff auf eine christliche Kirche und auf die verpönte «Alkoholsucht der Ungläubigen» vor. Warum? Zunächst fielen uns die erheblichen Schmierereien an der vor der Stadtmauer liegenden Weinpresse auf, dann die zunehmenden schwarzen und später zusätzlich gelben (!) Verunstaltungen der ehemaligen byzantinischen Hauptkirche. Je näher wir an sie herangingen, desto gröber die Schwärze. Besonders arg wurde die Mittelapsis beschmiert.

Alexander Krawehl

 

Was kommt nach den Trompeten von Jericho?

Zu «Jüdisches Lexikon: Mauern»,
JZ November 2009

 

In der letzten Ausgabe heißt es am Schluss zu «Mauern»: «Sie sollen vor Übergriffen schützen und verfestigen dabei vor allem die Kluft zwischen Israel und Palästina. Bis die Trompeten von Jericho erschallen.» Aber was wird dann geschehen? In der Bibel heißt es bei Josua im Kapitel 6: «So eroberten sie (die Israeliten) die Stadt und vollstreckten den Bann an allem, was in der Stadt war, mit der Schärfe des Schwerts, an Mann und Weib, jung und alt, Rindern, Schafen und Eseln. ... Aber die Stadt verbrannten sie mit Feuer und alles, was darin war.» Das wären keine guten Aussichten für die Palästinenser, wenn die israelischen Soldaten und Siedler die Trompeten von Jericho erschallen lassen würden oder für die Israelis, wenn die Trompeter auf der anderen Seite ständen. Da wäre es schon besser, wenn jegliche Mauern durch ein friedliches Zusammenleben der Völker des Nahen Ostens überflüssig oder zumindest dem Verlauf der Grünen Linie folgen würden.

 Gudrun Ullmann, Alfter


Man kann es nicht ertragen!

Zu JZ Oktober 2009

 

Durch Zufall entdeckte ich am Kiosk Ihre «Jüdische Zeitung», die ich zuvor nicht kannte, und kaufte diese sofort. Nr. 4/44, Oktober 2009 – Tischri/ Cheschwan 5770. Eine unabhängige, nicht einseitige Zeitung, im Gegensatz zur «Jüdischen Allgemeinen», die politisch ziemlich einseitig ist und meines Erachtens kein Niveau hat – das ist es, was ich mir schon immer gewünscht habe. Da ich aus der Zeitung entnahm, dass sich auch die «JZ» aufgrund der Finanzkrise in Schwierigkeiten befindet, wollte ich die Zeitung sofort abonnieren und füllte auch schon den Zettel aus, um diesen abzuschicken. Zuvor las ich jedoch, als erstes, den Artikel über die Menschenrechtsanwältin Felicitas Langer und fand diesen Bericht sehr ausgewogen und objektiv. In dieser Beziehung stehe ich weitaus mehr auf Seiten von Rolf Verleger und dessen Kommentar «Eine weise Entscheidung» als auf Seiten der Ansichten der Gegner. Nur möchte ich mich entschieden gegen den recht merkwürdigen Satz dieses Neuropsychologen wenden, das Judentum wäre heute «nicht mehr als eine Religion der moralischen Botschaft, sondern eine Vereinigung von Nazi-Geschädigten und ihren Nachkommen, die wegen des Verdiensts unserer ermordeten Vorfahren nun für unsere eigenen Taten für alle Zeiten auf Unzurechnungsfähigkeit nach Paragraph 51 plädieren?» Diese Worte sind beleidigend und völlig irreführend. Da sei nun gefragt: wie «alt» bzw. wie jung und unwissend ist denn dieser Psychologe? Was haben die Menschenrechtsverletzungen in Israel mit den Nazi-Geschädigten zu tun? Der nicht enden wollende, blutige Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hat ganz andere Ursachen, er führt auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Er hat mit dem Holocaust, der Schoa, nichts zu tun. Da ich, außer diesen Artikel, noch keinen anderen gelesen hatte, machte ich mich daran, das Interview mit Alfred Grosser «Bis an die Schmerzgrenze gerecht» von Moritz Reininghaus zu lesen, bevor ich die Zeitung abonnierte. Und das war, so glaube ich, eine richtige Entscheidung. Denn über diesen Artikel bin ich entsetzt!

Bei mir ist die Schmerzgrenze bei Weitem überschritten. Und «gerecht»? Davon kann keine Rede sein! Ich wundere mich, dass eine derart hohe, international anerkannte Persönlichkeit wie Alfred Grosser derart naive und historisch völlig falsche Ansichten zum Ausdruck bringen kann. Was mich jedoch am meisten erschütterte, ist Grossers Satz: «„Unvergleichbarkeit" ist für mich ein Wort, das idiotisch ist, das gibt es nicht. Außer man sagt theologisch, Auschwitz ist einmalig. Aber, wenn man nicht vergleicht, kann man es nicht beweisen.» Ich muss gestehen, mir fehlen die Worte, um meinen Schmerz und auch meine Wut zum Ausdruck zu bringen. Und es steht mir auch nicht zu, Herrn Grosser zu «belehren», wieso und warum von Unvergleichbarkeit die Rede ist, denn ein jeder dürfte es inzwischen schon wissen… In Ihrem Bericht heißt es wortwörtlich: «Alfred Grosser schreckt nicht einmal davor zurück, den Begriff „Auschwitzkeule" zu verwenden, wir bewegen uns auf scheinbar gefährlichem Boden: „Ich bin nicht der erste. Das hat Martin Walser schon vor mir gemacht und zwar richtig." Doch wenn Alfred Grosser dies sagt, dann hört es sich trotz seiner bedrohlichen Nähe zur Schmerzgrenze des in Deutschland denk- und sagbaren nicht provozierend an.» Ach nein – nicht provozierend? Warum? Weil er es in seiner liebenswürdig-charmanten Art gesagt hat? «Die Idee der Kollektivschuld sei bei den Deutschen mehr verankert als sonst wo auf der Welt», sagt Grosser. Falsch. Kennt Herr Grosser Deutschland überhaupt noch? Wenn ja, dann kennt er nur das offizielle, nicht aber das inoffizielle Deutschland. Er lebt hier nicht als Otto Normalverbraucher, er kennt nicht das Verdrängen, das Vertuschen des gewöhnlichen Nachbarn von nebenan… «Ich war nie gegen Hitler, er war gegen mich…», «Mao war schlimmer», etc. Man kann es nicht ertragen! «Die Deutschen waren nie für den Krieg, das waren nur Hitler und Goebbels…» Da fragt man sich, warum haben sie dann den Krieg gemacht, wenn sie es nicht gewollt haben? Wer war denn mit mehr oder weniger Begeisterung bei der Wehrmacht, bei der Marine, bei der Waffen-SS? Wer hat denn Karriere im «Dritten Reich» gemacht und sich bei der Hinterlassenschaft der Deportierten bereichert – etwa die Heinzelmännchen? Und dieser Mann soll Widerstandskämpfer in Frankreich gewesen sein? Seine Freundschaft mit François Mitterrand, welcher, so heißt es, sich nur zu Kriegsende als ein solcher ausgab, ist merkwürdig. Denn Mitterrand soll während der Vichy-Regierung mit René Bousquet gut befreundet gewesen sein. Und wer das war, das wissen sie ja sicherlich – oder?

Mehr kann und will ich nicht schreiben. Nur soviel: Wer sich als «warmer Humanist» ausgibt, sollte in erster Linie die Gefühle anderer Menschen, die unvorstellbares Leid erfahren haben, zumindest respektieren, wenn er zu etwas anderem nicht fähig zu sein scheint.

Gitta Wachtel

«Jüdische Zeitung», Dezember 2009