King of the Street


Der orthodoxe Jude Alex Jacobowitz ist einer der weltweit besten Marimbaspieler und außergewöhnlichsten Straßenmusiker. Er hält – nicht nur musikalisch – ein neues jüdisches Zeitalter in Europa für gekommen


Im Spätsommer 1836 trat einer der ersten großen «Klesmerjidn», Michael Joseph Guzikow, in der Konzerthalle zu Leipzig auf. Auch Felix Mendelssohn Bartoldy soll zugegen gewesen sein. Leipzig war eine Station auf Guzikows Tournee durch deutsche Großstädte und, wie so oft, spielte er vor ausverkauftem Haus. Der 30-jährige, chassidische Jude aus dem Schtetl in Weißrussland galt zu jener Zeit als einer der größten Künstler auf der «Strojfiddl», einer einfachen Form des Xylophons. Mit zwei Klöppeln wirbelte Guzikow auf dem Holztasteninstrument klassische und leichte Melodien, bot dazu einen Mix aus traditionellen jüdischen, polnischen, russischen und ukrainischen Weisen dar. Im Dezember 1836 erreichte Guzikows Karriere ihren Höhepunkt: ein Auftritt in der Pariser Oper. Auch Franz Liszt war unter den Zuhörern und sprach später voller Bewunderung von dem bezaubernden Klesmerjuden.

Leipzig im Herbst 2009. Der Marktplatz in der Innenstadt ist fast menschenleer. Zur Mittagsstunde verirren sich nur wenige Touristen und einige junge Elternpaare mit ihren Kleinkindern auf die in Nieselregen getauchten Straßen. Unter dem Säulengewölbe am oberen Ende des Alten Rathauses hat sich eine kleine Menschengruppe gebildet. Sie lauscht andächtig einem Straßenmusiker. Der Mann schlägt sanft mit vier stoffbezogenen Klöppeln die zweireihigen Holztasten eines über zwei Meter langen und einen Meter hohen Xylophons, einer Marimba. Der Musiker mit dem braunen Wollpulli und der beigen Hose, der anhand seiner bunt bestickten Kippa unschwer als orthodoxer Jude auszumachen ist, spielt Bachs Toccatta und Fuge in d-Moll.


Ein Guzikow des 21. Jahrhunderts

«Guzikow ist mein Vorbild», sagt Alex Jacobowitz, als wir ihn wenige Tage darauf in seiner jetzigen Heimatstadt Berlin treffen. Jacobowitz, 49, ein in den USA aufgewachsener, studierter Percussionist, will mehr sein als nur ein origineller Straßenmusiker. Der Mann mit den lockigen, graumelierten Haaren versucht, so erzählt er in sehr gutem Deutsch, zwei Welten zusammenzuführen: die des Europas der klassischen Musik, die er studiert und lieben gelernt hat, und die des «Klej-semers», dem – so wörtlich aus dem Hebräischen – «Instrument des Gesanges», also des traditionellen jüdischen Musikers. Ein Guzikow des 21. Jahrhunderts, wenn man so will. Oder «ein klassischer Klesmer», wie Jacobowitz sich selbst in seiner im Jahr 2000 erschienenen Autobiographie, in der er Geschichten aus seiner Straßenmusikerzeit erzählt, beschreibt. Menschen durch die Musik zusammenbringen, dass ist sein Anliegen. «Ich glaube, Gott wird mich dafür belohnen.»

«Wir sind in einer historischen Phase», sagt Jacobowitz. «Die Deutschen haben ihren Nationalismus abgebaut. Ich finde es schön und richtig, jetzt an einer neuen, integrierten Identität teilzuhaben. Ich würde gern länger bleiben und das neue jüdische Zeitalter in Europa weiter miterleben». Ein Straßenmusiker, der ein Zuhause hat? Und der noch dazu bleiben will? In Deutschland? «Ich bin ein Berliner», meint Jacobowitz. Seit 2002 wohnt er in einer 30-Quadratmeter-Wohnung im 7. Stock eines Berliner Mietshauses. In «Charlottengrad», wie Einheimische den bürgerlichen Westberliner Stadtteil Charlottenburg wegen der vielen hier ansässigen russischen Zuwanderer nennen. Hier ist jüdisch-orthopraxes Leben einfach. Es gibt eine Infrastruktur mit koscheren Läden und Restaurants. «Und man sieht Juden auf der Straße. Wo gibt es das noch in Deutschland?», fragt Jacobowitz mit Begeisterung in der Stimme.

Doch wie wird aus einem jungen US-amerikanischen Juden aus dem Kleinstädtchen Binghampton im Bundesstaat New York ein in Deutschland lebender «klassischer Klesmer»? Der lange Weg führt über Israel. Als Jacobowitz 1982 nach Ende seines B.A.-Musikstudiums in New York für ein paar Monate in den Nahen Osten gehen will, ist er noch ein säkularer Mensch mit einer Vorliebe für Bach, Beethoven und Mozart. Seine Eltern hatten die Religion der aus Ungarn und Rumänien eingewanderten, chassidischen Urgroßeltern Jacobowitz’ schon lange aufgegeben, «vernichtet», wie Jacobowitz sagt.


Mit dem Klesmer-Boom nach Europa

In Israel lernt der junge Mann Religion an der Jerusalemer «Esch Ha-Thora»-Jeschiwa, verdient sein Geld im Jerusalem Symphony Orchestra. Er hat bereits einen Namen und Auszeichnungen, könnte eine Festanstellung bekommen. Aber Jacobowitz will nicht in der dunklen Nische des Orchestermusikers auf seinen Einsatz warten und schweigen. Er wählt den künstlerischen Weg eines Solisten und den spirituellen eines orthodoxen Juden.

1989 siedelt er mit seiner Frau und drei Kindern nach Israel über, seit 1995 lebt die Familie in Kirjat Arba, also Hebron, dem Epizentrum der jüdischen Siedlerbewegung. Jacobowitz besucht verschiedene orthodoxe Jeschiwot im Raum Jerusalem. Er lebt wie ein orthodoxer Jude, ein «Litwak». Auf Israels Straßen spielt er die Marimba, tritt im staatlichen Fernsehen auf. Ein Auskommen ist damit jedoch schwer in dem kleinen Land der begrenzten Möglichkeiten. Die große Familie – Jacobowitz hat heute neun Kinder – kann so nicht durchgebracht werden.

Ab 1991 geht Jacobowitz deshalb auf Europa-Tournee. Er profitiert vom Klesmer-Boom der 1990er Jahre in Deutschland und Osteuropa. So tritt er auf den großen jüdischen Musikfestivals in Krakau und Budapest mit den US-amerikanischen Neo-Klesmerstars auf, den «Klezmatics» und «Brave Old World». Er tourt durch Mittel- und Südeuropa. Zehn Jahre lang lebt er im Wohnwagen, hat immer für sechs Monate koscheres Essen dabei. 1998 zerbricht die Ehe mit seiner Frau. Scheidung. «Man soll nur eine Frau haben», diesen Satz sagt Jacobowitz häufig – und meint damit seine Marimba.

Jacobowitz arbeitet hart. Er produziert fünf CDs – Klassik, Spanisches, Jüdisches. Sein Buch erscheint. Er ist ein Exot, einer, den die Medien gern haben. Und er braucht die Medien: «Als Straßenmusiker muss man immer dem Finanzamt durch Presseartikel beweisen, dass man geschäftstüchtig ist und sein Geld mit diesem „papierlosen Projekt" verdienen kann». Man kann. Jacobowitz war in fast allen staatlichen Fernsehprogrammen Deutschlands und Mittelosteuropas zu Gast. Er tritt regelmäßig auf großen Musik- und Klesmer-Festivals auf. Dann wird der Einzelgänger, gemeinsam mit anderen Percussionisten oder «Klejsmorim», also vielen Klesmermusikern, zum Teamplayer.


«Nehmen Sie Schweigegeld?»

Doch seine Heimat ist die Straße. Zu beschwerlich ist ihm das Straßenmusikerleben noch nicht...
 

Von Eik Dödtmann


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«Jüdische Zeitung», Dezember 2009