Ein Vogel mit schweren Flügeln


«Die Überlebenden der Hölle des Holocaust» aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion beklagen, eine der am wenigsten beachteten Schoa-Opfergruppen zu sein. Ein Treffen in Berlin sollte die Menschen ans Licht der Öffentlichkeit bringen

Foto: Phönix aus der Asche
Sie sind die von der Öffentlichkeit übersehenen Opfer des Holocaust: Aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und anderen Ländern Osteuropas stammende Juden, die heute in Deutschland leben. Ende Oktober bekamen sie nun wenigstens die Möglichkeit, einmal untereinander ihre Erinnerungen auszutauschen. Die Organisation «Phönix aus der Asche» hatte in Berlin ein Treffen für sie organisiert. Dabei bestand auch die Möglichkeit, jene Orte zu besuchen, an denen im «Dritten Reich» die Entscheidungen fielen, die ihr weiteres Leben so einschneidend bestimmen sollten. Anlass für die Veranstaltung war der 65. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager und Ghettos in den von Deutschen besetzten Gebieten in Osteuropa.

Die Organisation «Phönix aus der Asche: die Überlebenden der Hölle des Holocaust» besteht seit August 2006. Gegründet wurde sie in Wismar. Ihr Ziel ist es, jüdischen Holocaustüberlebenden aus dem ehemals sowjetischen Raum, die heute in Deutschland leben, bürgerliche und wirtschaftliche Rechte, wie beispielsweise den Anspruch auf eine Rente, zu sichern. Derzeit leben in Deutschland etwa 1.000 direkte Opfer des Holocaust aus der ehemaligen UdSSR. Die Organisation fördert auch die Integration der ehemaligen Häftlinge in Deutschland.

Im Statut des Vereins steht, dass «jede natürliche Person jüdischer Herkunft (unabhängig davon, wer von ihren Eltern Jude ist: der Vater oder die Mutter)» Mitglied werden kann. Damit greift die Vereinigung die Problematik auf, mit der sich viele der jüdischen Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion konfrontiert sehen. Galten sie in der Sowjetunion als Juden und konnten daher nach 1990 aufgrund der so genannten Kontingentflüchtlingsregelung nach Deutschland einreisen, werden sie hier in Deutschland nicht in die Jüdischen Gemeinden aufgenommen. Zumindest jene nicht, die nicht zweifelsfrei beweisen können, dass ihre Mutter jüdisch war oder ist.

Ohne in der Gemeinde zu sein, gelten die Migranten in Deutschland allerdings nicht als Juden. Diese Regelung macht auch nicht vor den Überlebenden des Holocaust halt. Der Verein unterscheidet nicht nach den halachischen Gesetzen, sondern nimmt alle Zuwanderer aus dem ehemals sowjetischen Raum auf, «die während des Zweiten Weltkrieges auf dem von Deutschland und seinen Satellitenstaaten besetzten Territorium der UdSSR der nationalsozialistischen Verfolgung (dem Holocaust) unterworfen wurde(n), also auch Zwangsverschleppte von diesem Territorium auf das Territorium anderer Staaten».

Im Rahmen des Jubiläumstreffens vom 26. bis 29. Oktober standen für die Überlebenden Besuche des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst sowie der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz und öffentliche Zeitzeugengespräche auf dem Programm. Am letzten Tag der Veranstaltung erzählten die ehemaligen Häftlinge ihre Erinnerungen an den Holocaust. So berichtete beispielsweise Nelli Zipina, wie sie als Neunjährige eine Massenerschießung im ukrainischen Dnjepropetrowsk überlebte und nach dem Krieg ihre Eltern wiederfand. Der Präsident der Vereinigung, Alexej Heistver, hingegen erzählte, dass er überhaupt keine Erinnerung mehr an seine Eltern habe. Eine litauische, nichtjüdische...

Von Svetlana Berilo
und Oleg Stroganov


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«Jüdische Zeitung», Dezember 2009