Die Banalität der Straße


Die neue jüdische Lobby-Gruppe «J Street» sieht sich als Stimme der jüdischen Mehrheit in den USA.  Ihre Ziele: eine diplomatische Lösung des Nahostkonflikts und eine Zwei-Staaten-Lösung für Israel und Palästina. Die konservative Lobby sieht ihren Status bedroht

Buh-Rufe hagelte es auf dem ersten Jahrestreffen der «J Street», als der liberale Reformrabbiner Eric Yoffie Richard Goldstones UNO-Bericht zu israelischen und palästinensischen Kriegsverbrechen während des letzten Gazakriegs kritisierte. Die Haltung, die Arbeit des südafrikanisch-jüdischen Menschenrechtsanwalts in Frage zu stellen, findet auf der jüdischen Straße in den USA kaum eine Mehrheit. Oder zumindest nicht auf der «J Street» in der US-Hauptstadt Washington zu Ende Oktober.

«J Street» steht für «Jewish Street»; der Name ist sowohl pragmatisch als auch programmatisch. Pragmatisch, weil es auf dem Stadtplan von Washington D.C. zwar eine «I-» und «K-Street» gibt, in denen sich die verschiedensten Lobbyistenverbände tummeln – aber eben keine «J-Street». Programmatisch, weil sich die «J Street» als Vertretung der jüdischen Straße in den USA sieht. Vertretung der Straße heißt in diesem Sinn, dass sie die Meinung der Mehrheit vertreten. Doch was ist die Meinung der Mehrheit und wofür steht «J Street»?

Die Mehrheit der US-amerikanischen Juden, so eine kürzlich von der «J Street» in Auftrag gegebene Umfrage, steht der israelischen Politik kritisch gegenüber. Die Juden in den USA bevorzugen demnach eine Zwei-Staaten-Lösung zwischen Israel und Palästina und möchten eine friedliche Beendigung des Nahostkonflikts. Die Gründung von «J Street» war gemäß Eigendarstellung demnach nur folgerichtig: denn «J Street» vertritt eben diese Ansichten. Und «J Street» kann sich mit seinen Forderungen auf die Forschungen zweier berühmter US-amerikanisch-jüdischer Akademiker berufen.

Die beiden Politik-Professoren Stephen M. Walt und John J. Mearsheimer hatten in den Jahren 2006 und 2007 mit einem Aufsatz und einem Buch zum Thema «Israel-Lobby» für Furor in der wissenschaftlichen und jüdischen Welt gesorgt. Aus neorealistischer Warte hatten sie die internationale Politik dargelegt und dabei scharfe Thesen formuliert: etwa, dass die US-amerikanische Israel-Politik weder im Interesse der USA noch Israels sei. Den Grund für die falsch gelaufene Nahost-Politik sahen Walt und Mearsheimer in einer überzogenen Lobby-Arbeit US-amerikanischer Juden und Israelis, die sich vor allem in der größten Lobbyorganisation widerspiegele: dem «American Israel Public Affairs Committee» («AIPAC»). Walt und Mearsheimer wurden nach Veröffentlichung ihres Buches gescholten, bezichtigt und beleidigt – das hatten sie erwartet und es lag, wie so oft bei Büchern, die einiges Tosen verursachen, daran, dass viel über das Buch geschrieben und wenig darin gelesen wurde.


«Antiisraelischer Impetus» unterstellt

Dass Jeremy Ben-Ami, ein ehemaliger Berater Bill Clintons, mit «J Street» im April 2008 eine linksliberale Gegenmacht zur konservativen «AIPAC» gründete, kann im Zusammenhang mit den Schriften von Mearsheimer und Walt gesehen werden – wahrscheinlich ist jedoch, dass es sich einfach um eine zeitliche Koinzidenz handelte. Die «Stimme der Straße» musste notwendigerweise, so die Ben-Ami, eine politische Form finden. Nicht zufällig...

Von Jonathan Levy

 

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«Jüdische Zeitung», Dezember 2009