Eine herzliche Begrüßung Foto: dpa

Ein Staat wie jeder andere

Israels Zukunft hängt von der Wahrung der Menschenrechte ab

Als ich einmal einem ranghohen Vertreter der katholischen Kirche sagte, dass wir Juden nicht das Recht haben, den Palästinensern das anzutun, was uns die Nazis angetan haben, sagte dieser mir: «Herr Goldstein, Sie als Jude dürfen das vielleicht sagen. Wenn ich das sage, bin ich ein Antisemit.» Das ist der Punkt: Wer Israel kritisiert, ist Antisemit.

Genau aus diesem Grund, habe ich die Erklärung «Schalom 5767» mit unterschrieben. Endlich finden sich Menschen zusammen, die den Staat Israel als das betrachten, was er ist: Ein Staat, der wie jeder andere Staat das Recht hat, in seinen durch die UNO festgelegten Grenzen unbehelligt zu leben. Dieses Recht muss gesichert werden. Israel ist aber auch ein Land, das nicht mehr Rechte als jedes andere Land der Erde hat. Ein Land, das in besonderem Maße an die Einhaltung der Menschenrechte gebunden ist, weil seine Existenz an eben diese Menschenrechte geknüpft ist.

Darum ist es schlimm, dass sich Israel wider Recht und Gesetz ein riesiges Atomwaffenlager zugelegt hat. Wofür die Nazis in Au-schwitz, wo ich 30 Monate vor den Gaskammern gesessen habe, eineinhalb Jahre gebraucht haben, das kann man mit Atomwaffen in einer Nacht machen. Dass Israel Atomwaffen haben kann, ist dabei lediglich jener Position geschuldet, die sich manche Juden nach dem Zweiten Weltkrieg angeeignet haben: Weil wir diejenigen waren, die so gelitten haben - und ich weiß, was wir gelitten haben - glauben sie, dass wir «alles dürfen», sogar Atomwaffen haben. Doch diese Haltung greift zu kurz und wird sich zwangläufig gegen uns wenden.

Im Juni 1935 kam ich nach Palästina, weil ich in Frankreich keine Aufenthaltsgenehmigung mehr bekam und habe in der Bucht von Haifa am Bau der ersten Textilfabrik mitgearbeitet. Dabei kam ich mit einem Arbeiter ins Gespräch. Er war ein 1923 aus Galizien eingewanderter Jude, der nach Palästina gekommen war, um dort Eretz Israel aufzubauen. Das erste Werkzeug, das man ihm dort in die Hand gegeben hatte, war ein Gewehr. Er sollte arabische Kleinbauern von dem Land vertreiben, auf dem sie seit Generationen gelebt haben, um dort einen Kibbuz aufzubauen. So fing sein Dissens, sowohl mit seiner religiösen Lebensauffassung, als auch mit seiner politischen zionistischen Position an. Durch diesen klugen Freund habe ich die Geschichte Palästinas und Israels aus Zeitzeugenmund erfahren. Wie beispielsweise die Hagana nach dem Zweiten Weltkrieg die Palästinenser zu Hunderttausenden aus ihren Dörfern verjagt hat.

Als unser Stammvater Jakob auf dem Sterbebett lag, hat er seine Söhne gerufen und sie zur Versöhnung aufgerufen - das haben sie nicht getan. Als ein fundamentalistischer Jude den Ministerpräsidenten Itzchak Rabin erschossen hat und an seinem Grab der jordanische König, der ägyptische Präsident und Shimon Peres einander die Hände reichten, habe ich gedacht: Jetzt endlich beginnt das, was Jakob vor 3.000 Jahren von seinen Söhnen gewollt hat. Leider ist es diesmal noch nicht gelungen. Es ist richtig, dass in die Charta der PLO geschrieben war, die Juden ins Meer jagen zu wollen. Aber auch wurde begriffen, dass, wenn ein eigener Staat geschaffen werden soll, Frieden mit Israel geschlossen werden muss. Man war dazu bereit. So sehr, dass selbst Shimon Peres, der ja eigentlich ein Falke war, vorübergehend zu einer Taube werden musste.

Es stimmt nicht, dass die arabische Welt per se die Juden aus Israel vertreiben will. Mit Jordanien und Ägypten sind zwei wichtige Staaten zum Frieden bereit, ohne die kein Krieg gegen Israel geführt werden kann. Mit Syrien könnte es auch Frieden geben, wenn Israel die Golanhöhen räumen würde. Das wäre kein Problem, da sie mit heutigen Waffen ohne Bedeutung geworden sind. Doch Israels Regierung weigert sich, die Höhen herzugeben.

Auch wenn ein einzelner jüdischer Soldat entführt wird und als Reaktion darauf im Gazastreifen Hunderte Palästinenser gezielt ermordet werden, kann der Hass nicht überwunden werden.

Es wurde gesagt, dass eine Erklärung wie «Schalom 5767» Wasser auf die Mühlen von Antisemiten in der ganzen Welt sei. Doch in Wirklichkeit hilft diesen nichts mehr, als das, was Israel im Libanon-Krieg gemacht hat. Jeder, der für Toleranz zwischen den Völkern und Religionsgemeinschaften und für humanistische Grundsätze ist und die von der UNO-Generalversammlung verabschiedete Deklaration der Menschenrechte zur Regierungspolitik aller Ländern dieser Erde machen will, der kann nicht anders, als das, was Israel gemacht hat als völkerrechtswidrig zu bezeichnen. Und wer das tut, der läuft Gefahr als Antisemit bezeichnet zu werden. In Wirklichkeit sind wir, die die «Berliner Erklärung» verfasst und unterzeichnet haben, die Vertreter einer friedlichen Zukunft Israels, während diejenigen, die alles, was Israel macht, verteidigen, das Land gefährden. Fast meine ganze Familie lebt dort, ich bin der einzige, der hier in Deutschland geblieben ist. Meine selige Mutter und meine drei Geschwister sind 1936 nach Palästina gegangen. Keiner kann also sagen, ich sei dem Land und seinen Bewohnern feindlich gesonnen. Wir, die Unterzeichner von «Schalom 5767», sehen uns vielmehr als Vertreter jenes Humanismus, der es unseren Verwandten in Israel ermöglicht, auf lange Zeit dort leben zu können - und zwar in Frieden.

Die «Berliner Erklärung» richtet sich aber vorrangig an die deutsche Regierung. Auch diese muss grundsätzlich ihre Politik ändern, wenn sie auch nur annähernd das wieder gutmachen will, was die Nazis gegen die Menschlichkeit getan haben. Sie muss eine Politik machen, die den Grundsätzen des Humanismus entspricht. Deshalb kann nur das Völkerrecht ihre Richtschnur sein. Es gibt in der vielleicht schönsten deutschen Musik, in Beethovens 9. Sinfonie, den Schlusschor «Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!». Das sollte die Maxime deutscher Außenpolitik sein. Natürlich muss Deutschland für die Sicherheit Israels eintreten - aber auch für die Sicherheit der Palästinenser. Israels Grenzen von 1967 müssen gesichert werden, aber die Palästinenser müssen das Gebiet bekommen, das ihnen durch die UNO zugesprochen worden ist. Das ist die einzige Perspektive, die es für Israel gibt. Nur in friedlicher Koexistenz kann das Land bestehen, sonst wird es für immer eine von Feinden umgebene Insel bleiben. Und Deutschland muss mehr als alle anderen Länder dieser Erde dafür sorgen, dass sich das möglichst bald ändert.

Die einzigen, die in die Welt gegangen sind, ohne sich andere Völker zu Diensten zu machen, sind die Juden gewesen. Sie haben immer versucht, sich in die Völker einzuordnen, dafür haben sie viel Blutzoll gezahlt. Aber was ist die Alternative? Soll nun dem, was Christentum und Islam gemacht haben - andere Völker zu unterjochen - nachgeeifert werden? Wohl kaum. Wir können nur dabei bleiben, dass wir friedlich mit anderen Völkern leben wollen - selbst wenn wir dabei Blutopfer in Kauf nehmen müssen.

Wer glaubt, dass ein militärisch mächtiges Israel die Zukunft für uns Juden sein kann, täuscht sich. Viel mehr werden auch wir Juden, die nicht dort leben, unter einem solchen Staat leiden. Und nichts wäre schlimmer als Judenfeindschaft, die eine begründbare Ursache hat.

Kurt Goldstein

Information:

Kurt Goldstein,

geboren 1914, ist Ehrenvorsitzender des Internationalen Auschwitz Komitees. Nach der Emigration Mitte der 1930er Jahre nach Palästina nahm er am Spanischen Bürgerkrieg teil, geriet in Gefangenschaft und wurde über Gurs nach Auschwitz deportiert. Heute lebt er in Berlin.

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2007