Um Gottes Willen


Der israelische Inlandgeheimdienst hat den Homosexuellenmörder von Tel Aviv gefunden. Steht der jüdische Rechtsextremist Jakov Teitel exemplarisch für einen neuen jüdischen Terrorismus?

Foto: Reuters
Ohne den Mord an Jitzchak Rabin, der festen Überzeugung ist Bill Clinton, würde die Welt des Nahen Ostens heute anders aussehen: «Binnen drei Jahren hätten wir einen lebensfähigen Frieden im Nahen Osten erzielt, zwischen Israel und den Palästinensern und anschließend auch mit den Syrern», sagte er Mitte November bei einem Besuch in Tel Aviv. Clinton meinte damit die Zeit des Oslo-Friedensprozesses, die mit dem gewaltsamen Tod Rabins am 4. November 1995 ins Stocken geriet und schließlich völlig zum Erliegen kam. Rabins Attentäter vor 14 Jahren war Jigal Amir, ein religiöser und nationaler Fanatiker, der in Rabins Politik die Zukunft des Staates Israels bedroht sah.

Das Trauma des politischen Mordes begleitet Israel bis zum heutigen Tag. Nun hat die Gesellschaft einen neuen Jigal Amir, einen, der das Denken und Handeln rechtsextremer, religiös fanatischer Siedler, Homosexuellenfeindlichkeit und Araberhass in sich vereint. Der 37-jährige Jakov «Jack» Teitel aus der Siedlung Schwut Rachel steht unter dringendem Verdacht, für den Mord an zwei Homosexuellen in Tel Aviv im August dieses Jahres, für das Rohrbombenattentat an Professor Zeev Sternhell im September 2008 und die Explosion einer vom März 2008 im Hause einer messianisch-jüdischen Familie, bei der ein Kind schwer verletzt wurde, verantwortlich zu sein. Mitte Oktober wurde Teitel vom israelischen Inlandsgeheimdienst «Schin Bet» festgenommen. Er wartet nun auf seine Gerichtsverhandlung. Noch ist unklar, ob Teitel auch für weitere Gewaltverbrechen verurteilt wird. Teitel hat laut eigener Aussage bereits 1997 einen palästinensischen Taxifahrer und eine palästinensischen Hirten erschossen.

War es bei Jigal Amir noch ein Rabbiner, der ihn zur Tat eines politischen Mordes mit anstiftete, so soll es bei Teitel Gott selbst gewesen sein, der ihm seine Verbrechen eingab und diese für gut befand. Das zumindest behauptet der Terrorist.

Wirft man einen Blick auf die Biographie des Menschen Jakov Teitel, so erfährt man viel über die jüdisch-israelische Gesellschaft der letzten zwanzig Jahre. Denn Teitel, ein gebürtiger US-Amerikaner, hat eine für junge Juden nicht ungewöhnliche Karriere in der radikalen Siedlerbewegung durchlaufen, die durch nationalreligiösen Fanatismus, Homophobie und Waffengewalt geprägt ist.


Neue Heimat bei der «Hügeljugend»

Geboren wurde «Jack» Teitel 1972 in Florida. Seine Eltern Mordechai (Mark) und Devorah (Dianne) waren orthodoxe US-amerikanische Juden. Teitels Vater, ein Zahnarzt, kämpfte im Vietnamkrieg. Als er Teenager war, zog die Familie nach Norfolk/Virginia. Teitel schloss ein Psychologiestudium mit dem Bachelor ab. Der bis dahin recht typische US-amerikanisch-jüdische Lebensweg erhielt Mitte der 1990er Jahre eine dramatische Wendung, als Teitel begann, regelmäßig nach Israel zu reisen. Zu dieser Zeit, dem Beginn des Oslo-Friedensprozesses, wurden die Siedlungsbemühungen im besetzten Westjordanland von Seiten der israelischen Regierung stark intensiviert. Und es fanden sich viele nationalreligiöse Jugendliche, die Kinder der ersten jüdischen Siedler der 1970er und 1980er Jahre, die, von radikalem «Pioniergeist» beseelt, begannen, sich auf Hügelspitzen eigene Vorposten zu errichten. Dieser, vom israelischen Historiker Mosche Zimmermann «Hügeljugend» benannten Gruppe schloss sich Teitel an. Er zog während seiner Israel-Besuche durch eben diese Hügelsiedlungen und begeisterte sich für die dort praktizierte ländliche Lebensführung.

Konflikte mit der palästinensischen Bevölkerung blieben dabei nicht aus. Zum ersten Mal geriet Teitel ins Visier vom Inlandsgeheimdienst «Schin Bet», als er 1997 unter Verdacht stand, die Palästinenserin Isa Machmara in der Nähe der Siedlung Carmel erschossen zu haben. Teitel wurde verhört – und gestand: Während der Untersuchung meinte er, dass er nach Israel gekommen sei, um Rache für die Selbstmordanschläge der Palästinenser zu üben. Obwohl einziger Verdächtiger im Fall Machmara und trotz der eindeutigen Äußerung –Teitel wurde freigelassen, der Fall wurde nach sechs Jahren aus Mangel an Beweisen eingestellt. Ein Beispiel für die mangelnde Strafverfolgung für Verbrechen in den besetzten Gebieten...

Von Marbert L. Wißlach


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«Jüdische Zeitung», Dezember 2009