Die Mikwe ist ein Schmuckstück. Die Gemeindeküche ist koscher, es gibt ein jüdisches Sozialwerk, einen neuen Friedhof und ab Januar werden ein Kindergarten und ein großer Synagogensaal gebaut. Die Jüdische Gemeinde Bad Segeberg ist ein Musterbeispiel für pulsierendes jüdisches Leben in Deutschland. Und sie findet sich in illustrer Umgebung wieder. Die Gemeinden des Jüdischen Landesverbandes Schleswig-Holstein sind jung, bauen und entwickeln sich, kaufen Torarollen, feiern Bar- und Bat-Mizwot, Hochzeiten und alle jüdischen Feste. Dass das jüdische Leben im nördlichsten Bundesland eine Erfolgsgeschichte ist, musste jetzt auch, mit einiger Verspätung, Charlotte Knobloch anerkennen.
Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland (ZJD) zeigte sich bei ihrem Besuch der Synagoge «Mischkan Ha-Zafon» («Synagoge des Nordens») in Bad Segeberg Anfang November begeistert. Mit Knoblochs Erscheinen wurde das bis dato eisige Verhältnis zwischen der JG Segeberg und dem Zentralrat endlich aufgetaut. Noch bis vor kurzem zeigte sich der Zentralrat alles andere als interessiert an der Entwicklung der ausgesprochen liberal geprägten jüdischen Gemeinden im hohen Norden, engagierte sich nur wenig für deren Aufbau. So kam Knobloch weder zur Grundsteinlegung des Gemeindezentrums in Bad Segeberg noch zur Weihung der Synagoge. Die war immerhin die erste völlig neu errichtete in Schleswig-Holstein.
So war das Verhältnis zwischen der JG Bad Segeberg, dem Jüdischen Landesverband Schleswig-Holstein und dem Zentralrat lange Zeit getrübt. Die fünf Gemeinden Ahrensburg, Segeberg, Elmshorn, Kiel und Pinneberg sind im Gegensatz zu den meisten JGs überdurchschnittlich jung. Ihre JG-Mitglieder sind zum Großteil russisch-jüdische Zuwanderer. Diese sind oftmals mit nichtjüdischen Partnern verheiratet. Entsprechend unkonventionell – und für den Zentralrat zu «unorthodox» – verliefen die Gründerjahre auch in der Segeberger Gemeinde. Die finanziellen Auseinandersetzungen um das den schleswig-holsteinischen Gemeinden zustehende Geld aus dem Staatsvertrag Hamburg-Schleswig-Holstein wurden erst beigelegt, als das Land Schleswig-Holstein mit seinen jüdischen Gemeinden 2004 einen eigenen Staatsvertrag schloss.
Nun, im November 2009, schien alles vergessen. Knobloch lächelte routiniert das einst schwierige Verhältnis weg. Nach einem Rundgang durch das Gemeindezentrum, das auch Sitz des Landesverbandes ist, war die 77-Jährige laut eigener Aussage «tief beeindruckt» von dem raschen und durchdachten Ausbau der neuen «Synagoge des Nordens», einer ehemaligen Gerbereimühle. «Mich begeistert die Gemeinschaft, die hier herrscht, und das hohe ehrenamtliche Engagement», so Knobloch über die Leistung der Nordlichter. Die gute Atmosphäre in der Gemeinde wirke «auch nach außen in die nichtjüdische Gesellschaft». «Dieses Zusammenwirken wünsche ich mir auch in meiner Münchner Gemeinde», sagte die ZJD-Präsidentin mit Blick auf die zerstrittenen Lager – Einheitsgemeinde und Liberale – in der bayerischen Landeshauptstadt.
Der Erfolg in Bad Segeberg ist wesentlich Walter Blender zuzuschreiben. Der JG-Vorsitzende wurde erst im April für seine Aufbauarbeit und seine Integrationsarbeit mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Blender, auch Vorsitzender des Jüdischen Landesverbandes Schleswig-Holstein und beruflich bei der Segeberger Kriminalpolizei tätig, arbeitet derzeit an der Errichtung einer Kindertagesstätte im Gemeindezentrum, Baukosten: 120.000 Euro. Anfang Januar ist Baubeginn, Gelder vom Kreis und Land sowie dem EU-Förderprojekt «Holstein Herz» sind bereits zugesagt. Jetzt erhofft sich die Gemeinde noch einen Zuschuss von 32.000 Euro aus dem Ost-West-Fond des Zentralrats. Auch für den Synagogensaal, der mit einer extra Empore auch für konservativ geführte Gottesdienste eingerichtet wird, fehlen bisher 190.000 Euro. Es ist zu erwarten, dass sich JG und Zentralrat in den offenen Punkten weiter entgegenkommen werden.