ÖL


Öl ist ein ambivalenter Stoff. Bekannt ist, dass er sich durch seine Hydrophobie (wörtlich: Angst vor Wasser) auszeichnet. Bedacht, dass Wasser als Lebenselixier gilt, müsste Öl eigentlich dem Leben selbst fremd gegenüber sein. Doch ist eben das Öl genauso Antriebsmotor des Lebens wie das Wasser. Die im Öl enthaltenen Fettsäuren sind für den Menschen lebenswichtig. Auf sie verzichten hieße, dass das Herz vor der Zeit aufhören würde zu schlagen. In diesem Sinn sind sich das raffinierte Rohöl, das in Autos sein Werk verrichtet und das gewöhnliche Speiseöl nicht unähnlich. Doch jenseits des funktionalen Charakters des Öls gibt es einen rituellen Umgang mit diesem. Zu Chanukka gedenken Juden eines Wunders, dessen symbolisches Zeugnis Jahr für Jahr bedacht wird. Man erinnert sich an den Makkabäeraufstand, wobei dieser im Lichte des Öls in den Hintergrund rückt. Die Juden hatten im Verlauf des Aufstands um 165 v. u. Z. die Seleukiden aus dem Tempel in Jerusalem vertrieben und diesen von den fremden Kulten gereinigt. Als sie jedoch die Menora anzünden wollten, fiel ihnen auf, dass nur noch eine geringe Menge koscheren Öls da war, um die Lampen zum Leuchten zu bringen. Für einen Tag, schätzten sie, würde es reichen. Sie zündeten die Lampen an und machten sich daran, neues koscheres Öl herzustellen. Acht Tage dauert dies – und acht Tage brannten die Lampen der Menora, wie durch ein Wunder, mit dem Öl, das nur für einen Tag hätte reichen sollen. Der Gedanke, nichtkoscheres Öl in die Menora zu füllen, kam den Befreiern des Tempels nicht. So war es nicht der militärische Sieg und die Vertreibung der Seleukiden aus dem Tempel, der die Makkabäer wieder zum Souverän über ihre eigene Kultstätte machte, sondern der Verzicht auf unreines Öl. Damit zeigte sich, dass Öl nicht nur ein lebenswichtiges Nahrungsmittel ist, sondern auch ein Mittel zur Erhaltung des seelischen Wohls sein kann.

 

 

«Jüdische Zeitung», Dezember 2009