Die Literatur und die Angst


Zwischen Dystopie und Empathie: Der niederländisch-jüdische Autor Leon de Winter

Foto: Archiv
Es ist absolut großartig, was dort gerade passiert», sagt Leon de Winter in unserem Interview am Ende der Frankfurter Buchmesse auf die Frage, warum in seinem neuen, teilweise im Israel der Zukunft angesiedelten Roman «Das Recht auf Rückkehr» der Iran keine Rolle spiele. «Das ist eine große Hoffnung für die Zukunft, man könnte sogar sagen, dass dort Hoffnung für die ganze Welt entsteht. Ich kann nicht einschätzen, was sich dort entwickeln wird.»

Erstaunliche, fast euphorische Worte für den Autor de Winter (55), der ansonsten für ein hartes, konservatives Rechtsaußen-Gehabe in seinen politischen Kommentaren bekannt ist. Leon de Winter steuert zwar provokant und bewusst einen oft groben Konfrontationsstil, der sich allzu leicht auf die machiavellistisch gedachte Seite von Macht und Gewalt stellt, ist aber auch bereit, positive Entwicklungen auf der von ihm postulierten Gegenseite freudig zu begrüßen. Das wirft ein etwas anderes Bild auf den Mann, als dessen oft vereinfachende und aggressiven, sehr stark von Islamkritik geprägten, politische Artikel und Texte suggerieren.

Tatsächlich kann man anhand seines neuen Buches feststellen, dass de Winter tief von Ängsten vor gesellschaftlichen und weltpolitischen Entwicklungen durchdrungen ist. Bram, die Hauptfigur in «Das Recht auf Rückkehr», ein erfolgreicher und liberaler israelischer Geschichtsprofessor in Princeton, verliert seinen kleinen Sohn durch eine nie geklärte Entführung, und damit vorerst jeden weiteren Halt. Aus einem an Überalterung zugrunde gehenden israelischen Reststaat der Zukunft, der nur noch rund um Tel Aviv existiert, wird in geschickten Rückblenden die Geschichte von Brams verzweifelter Suche und seinem zerstörten Leben erzählt. Bram arbeitet in Teilzeit als Sanitäter in der ständig von Anschlägen heimgesuchten, immer leerer werdenden Hochsicherheitsstadt Tel Aviv, und betreibt eine Art Detektei, die nach verschwundenen Kindern sucht.

Das Motiv der Angst, begonnen mit der wohl stärksten, die um die eigenen Kinder, zieht sich durch das ganze Buch. Die eingeschlossene Enklave voller ehemals verhandlungsgläubiger und jetzt, soweit noch nicht ausgewandert, verbitterter, alternder Israelis, wird ständig hochtechnologisch überwacht. Nur wer in einem Scan-Verfahren genetisch als Jude erkannt wird, darf dieses Rest-Israel betreten. Im Umland des Ministaates gibt es nur noch rauschebärtige Radikale, Terror und Bedrohung. Wer kann, der verlässt Israel, wandert aus. Nach Russland zum Beispiel, wo Putin anscheinend alles richtig gemacht hat, indem er einen starken und sicheren Staat gewährleistete.


Hilflosigkeit angesichts der Radikalismen

Keine Frage, de Winter kann schreiben, in jenem einfachen, klaren holländischen Stil, mitunter an Cees Nooteboom erinnernd, der immer spannend bleibt und unerwartete Wendungen der Handlung glaubhaft vorantreibt. Mehr noch, er schreibt immer dann, wenn er nahe an seinen eigenen Ängsten ist, besonders glaubhaft und intensiv. Die einfache Geschichte eines Mannes, der alles verloren hat, die de Winter angeblich nur erzählen wollte, erreicht immer wieder schmerzhafte Tiefen, wenn er die Gefühle seiner Protagonisten offenlegt. Nicht nur in den persönlichen, familiären Situationen, sondern auch, wenn er Anschläge und deren schreckliche Folgen beschreibt. Man spürt direkt, dass er und wie er Anteil nimmt.

Auch im Interview, wenn er auf die Frage, wie er auf die Idee eines entvölkerten Staates kommt, von den israelischen Freunden seines Sohnes erzählt. «Schöne, intelligente, gut ausgebildete Menschen sind das», sagt er dann, «aber keiner will nach Israel zurück, oder in Israel bleiben.» Persönliche Anteilnahme und Ängste sind die Antriebe für de Winters Schreiben. An manchen Stellen des Buches ist de Winter sogar fähig, Anteilnahme am Schicksal der Erzeuger seiner Ängste aufzubringen, oder, die Hilflosigkeit angesichts der Radikalismen beider Seiten auszudrücken...

Von Georg Klein

 

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«Jüdische Zeitung», Dezember 2009