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| Foto: Archiv |
Gemeinsam mit dem Dirigenten Daniel Barenboim rief der US-amerikanisch-palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said das Orchester 1999 in der damaligen Kulturhauptstadt Weimar ins Leben. In dem 2002 erschienenen Buch «Parallelen und Paradoxien» erinnert sich Said: «Wir glaubten, dieses Projekt könne auf eine ungewöhnliche Art und Weise dazu beitragen, miteinander Frieden zu schließen.» Schon vorher hatte es in Deutschland Versuche gegeben, Musiker aus arabischen Ländern und Israel zusammenzubringen, die gemeinsam proben und Konzerte geben sollten. An dem Experiment in Weimar war jedoch besonders, dass das Projekt mit einem Aufgebot an musikalischer Prominenz und Edward Said als intellektueller Ikone der Palästinenser aufgewertet werden konnte.
Politische Diskussionen begleiteten schon zu Beginn die musikalischen Workshops und konfrontierten die 18- bis 25-jährigen Teilnehmer mit ungewohnten Fragestellungen. Durch aufwendig organisierte Probespiele in ihren arabischen Herkunftsländern und in Israel waren sie im Vorfeld nach Motivation und Können ausgewählt worden. «Eine Gruppe kam aus Syrien, eine aus Jordanien, ein Musiker aus den Palästinensergebieten, andere aus Israel, Ägypten, dem Libanon und vielleicht noch aus ein oder zwei anderen Ländern,» berichtet Said in «Parallelen und Paradoxien» über die Anfänge der Orchesterarbeit.
So spannungsgeladen die Zusammensetzung des Klangkörpers, so bedeutungsträchtig war auch der Ort, an dem das künstlerische Experiment seinen Anfang nahm: Weimar. Mit dieser Stadt assoziiert sich das Erhabenste und Niederträchtigste deutscher Geschichte: Goethe, Schiller, Bach und Liszt lebten und arbeiteten hier, in unmittelbarer Nähe liegt das ehemalige Konzentrationslager «Buchenwald». Auch der Namen des Orchesters war bei dessen Gründung Programm. Barenboim und Said lehnten sich an Goethes Gedichtsammlung über das ganz «Andere», den «West-östlichen Diwan» an. «Als Goethe mit seinen Gedichten in die Welt des Hafis eintauchte, ließ er sich von derselben Idee leiten, die auch unserem Versuch, arabische und israelische Musiker zusammenzubringen, zugrunde lag: nämlich eine Brücke zwischen zwei Kulturen zu schlagen,» schreibt Barenboim in seiner 2007 erschienenen Monographie «Klang ist Leben» über die Namensgebung. Von Beginn an sollten sich die Musiker trotz unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft auf Augenhöhe begegnen. Die Doppelspitze Barenboim-Said unterstrich diesen Grundsatz.
Im Laufe der Jahre wuchs die Teilnehmerzahl auf etwa einhundert, verbesserte sich der Klang der musikalischen Einheit. Besonders das harmoniebedürftige europäische und nordamerikanische Publikum schätzt die symbolische Kraft, die das Orchester bei seinen Auftritten ausstrahlt. Doch das positive Image im Westen entschärfte keineswegs automatisch die politischen Umstände, unter denen sich die Musiker Jahr für Jahr zusammenfinden. Bereits im Sommer 2000, ein Jahr nach der vielversprechenden Gründung, stand das Orchester vor der ersten Zerreißprobe. Die Zweite Intifada (ab September 2000) verschlechterte die politischen Beziehungen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarländern drastisch; bis heute ist das anvisierte Ziel, in allen Herkunftsländern der Musiker zu konzertieren, ein ersehnter Wunsch geblieben. Israel verweigert nach wie vor vielen arabischen Musikern eine Einreisegenehmigung, während unter anderem die syrische und die libanesische Regierung den Aufenthalt der israelischen Orchestermitglieder in ihren Ländern verbieten. Es herrscht offiziell Kriegszustand.
So kam auch der Nahe Osten nie als fester Probenort des Orchesters in Frage. Fanden die ersten Proben des «West-Eastern Divan» noch in Weimar und Chicago statt, konnte im Jahr 2002 Sevilla als fester Sitz gewonnen werden. Seitdem unterstützt die autonome andalusische Regierung das Projekt – und das nicht zufällig. Die staatliche Förderung möchte an die mittelalterliche Epoche in Spanien anknüpfen, in der Juden, Muslime und Christen über Jahrhunderte einträchtig und schöpferisch zusammen lebten. Der neue Ort wirkte sich in der Tat positiv auf das Probenklima aus: Wie eine große Familie treffen sich die jungen Musiker in Sevilla, spielen, diskutieren und feiern gemeinsam.
Die produktiven Zusammenkünfte wurden immer wieder durch Schicksalsschläge unterbrochen. Im Jahr 2003 starb Edward Said an Krebs. «Er fehlt uns,» sagt der Geiger Asaf Maoz heute. «Said hatte die Gabe alles zu analysieren und zu hinterfragen.» Als Gegenpart zum Musiker Barenboim schätzte Maoz besonders die philosophischen Anregungen, die ihm Said in den Diskussionsrunden gab. In der Öffentlichkeit spekulierte
Von Saro Gorgis