Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Neuerscheinungen
Es ist immer wieder verblüffend, mit welch schöner, erfreulicher Regelmäßigkeit man auch im 21. Jahrhundert immer noch auf Autoren des 20. Jahrhunderts stößt, die in ihrer Zeit kaum das Glück hatten, noch von ihren Zeitgenossen die verdiente Anerkennung für ihre Werke ernten zu dürfen. Das trifft in ganz besonderem Maße auf das lyrische Werk des
Es ist ein Leichtes, sich über die wundersamen Sichtungen von Schutzengeln oder sonstigen hilfreichen spirituellen Kräften lustig zu machen, wie sie nicht nur zuhauf in christlichen Heiligengeschichten und in alten chassidischen Legenden vorkommen, sondern sich auch zunehmend in einem neuen esoterischen, von vorgeschobener Ironie kaum überzeugend kaschierten Volksglauben breitmachen. Unser durch und durch rationales, aufgeklärtes, wissenschaftliches Weltbild scheint diese Berichte mit Fug und Recht ins Reich der literarischen und religiösen Fiktion zu verweisen. Dass die Idee vom «Schutzengel» als psychologisches Phänomen durchaus zukunftsträchtig und von großem Interesse für neue Zweige der Wissenschaft, insbesondere für die Hirnforschung sein kann, beweist der Journalist, Schriftsteller und Abenteurer John Geiger (geboren 1960 in Ithaka/New York) in seiner faszinierenden neuen Buchreportage «Der Schutzengel-Faktor», in dem er erstmals auf breiter, sorgsam recherchierter Basis zahlreiche glaubhafte Augenzeugenberichte aus der Moderne über ein von der Öffentlichkeit bislang kaum wahrgenommenes Phänomen vorstellt, das die Wissenschaft unter dem Fachbegriff «Dritter-Mann-Syndrom» oder «Gespürte Präsenzen in extremen Umgebungen» kennt. Schon Sir Ernest Shackleton behauptete nach seiner wundersamen Errettung aus dem antarktischen Eis, eine deutlich spürbare Präsenz, ein schattenhafter «dritter Mann» habe ihn und seine Gefährten aus dem drohenden Verderben herausgeführt, eine Beschreibung, die sich mit der Wahrnehmung vieler anderer, teils prominenter Überlebender von Extremsituationen deckt, ob es sich dabei um Astronauten, Tiefseeforscher, Bergsteiger, Schiffbrüchige, Soldaten oder etwa um jene Menschen handelt, die am 11. September 2001 aus den New Yorker Zwillingstürmen entkamen. Sie alle spürten in Situationen absoluter Lebensgefahr, zumindest aber in jenen Momenten, die über Leben oder Tod entschieden, entscheidende Ermutigung oder Anleitung von einer unbekannten außerkörperlichen Präsenz. Was das Phänomen sogar noch verblüffender macht, ist die erstaunliche Tatsache, dass diese Präsenz oft sogar von unterschiedlichen beteiligten Personen gleichzeitig wahrgenommen wurde. John Geiger hat im Verlauf von fünf Jahren zahlreiche relevante Expeditionsberichte und sonstige Memoiren auf das Phänomen des «dritten Mannes» hin überprüft und darüber hinaus unzählige Interviews mit Überlebenden geführt, was sein Buch zu einer überaus fesselnden Sammlung von höchst erstaunlichen Geschichten macht. Während sich in vielen Details dieser Geschichten, insbesondere in dem Motiv der wundersamen Errettung aus höchster Gefahr, sich eine bemerkenswerte Nähe zu den hinlänglich bekannten religiösen Mythen und Legenden konstatieren lässt, wäre Geigers Ehrgeiz nur unzureichend charakterisiert, wenn er lediglich erbauliche Geschichten erzählen wollte. Tatsächlich beschreiben die meisten Überlebenden die von ihnen außerkörperlich wahrgenommene Präsenz paradoxerweise gleichzeitig als «aus ihnen selbst kommend», und Reinhold Messner ist sich sicher «alle Menschen hätten dieselben oder ähnliche Empfindungen, wenn sie sich solch gefährlichen Situationen aussetzen würden». Die moderne Hirnforschung hat bereits das Areal lokalisieren und im Versuch mit menschlichen Testpersonen solcherart stimulieren können, dass die Probanden ebenfalls eine Präsenz spüren konnten. Wie der menschliche Organismus aber diese erstaunlichen Ressourcen in Extremsituationen derart zielgesteuert einzusetzen vermag, muss zunächst weiterhin ein Rätsel bleiben. Man könnte auch sagen: ein Wunder.
Die phantastische Literatur im klassischen Sinne hat immer auch die Grenzbereiche zwischen scheinbarer Normalität und dem Wahnsinn auszuloten versucht. Dem unmittelbar Sichtbaren und der vermeintlichen strukturellen Klarheit des menschlichen Schaffens haben klassische Autoren des Genres in ihren Romanen, Erzählungen und Schauergeschichten immer wieder das Unsichtbare, Unwägbare, Zwiespältige des komplizierten menschlichen Geistes gegenübergestellt – das Misstrauen des Individuums gegenüber den eigenen Empfindungen und Sinneseindrücken ist in vielen ihrer Werke Programm. So hat gerade auch das fundamentale Leiden an den Lebensbedingungen im industriell hochgerüsteten, sozial und politisch verrohten Europa des frühen 20. Jahrhunderts einige der interessantesten Werke der phantastischen Literatur hervorgebracht. Kennzeichnend für diese Epoche ist allerdings auch der übergroße, aus dem Blickwinkel unserer überironisierten Zeit kaum begreifliche literarische Ernst, der die meisten an der Lebensrealität ihrer Zeit leidenden Autoren bis hin zu Hermann Hesse kennzeichnet. Und nur allzu gern möchte man bei mancher, allzu distanzlos schwermütiger Lektüre der schönen, leider nicht verbürgten, jedoch gern kolportierten Anekdote Glauben schenken, Kafka und «seine Kumpels» hätten sich in den Wirtshäusern Prags regelmäßig getroffen, um sich gegenseitig ihre Texte vorzulesen – und sich über deren Inhalt königlich zu amüsieren. Innerhalb der höchst renommierten, der Pflege vor allem des modernen literarischen Erbes verpflichteten Bibliothek Suhrkamp ist nun, 100 Jahre nach der Erst- und vierzig Jahre nach der letzten lieferbaren Ausgabe ein Klassiker der phantastischen Literatur erstmals wieder neu erschienen, der auf exemplarische Weise sowohl die überaus faszinierenden als auch die problematischen Aspekte des Genres in sich vereinigt. Der österreichische Maler und Grafiker Alfred Kubin (1877-1959), mit seinen nervösen, düsteren Federstrichzeichnungen einer der bedeutendsten Illustratoren des 20. Jahrhunderts, ist zeitlebens von teils schweren neurotischen Schüben begleitet worden, und man mag zu Recht davon ausgehen, dass die Malerei – ein Glück für ihn – immer wieder sein wesentliches Mittel zur Bewahrung seiner psychischen Integrität gewesen ist: Viele seiner bedeutendsten Blattserien schuf Kubin innerhalb nur weniger Wochen in oft wilder, genialischer Schaffenswut. Sein einziges literarisches Werk, den phantastische Roman «Die andere Seite», der seinerzeit von so unterschiedlichen Autoren wie Stefan Zweig, Franz Kafka und Ernst Jünger gleichermaßen gelobt wurde, ist auf vergleichbare Art und Weise entstanden, als eine schwere künstlerische Schaffenskrise ihn monatelang von seiner zeichnerischen Betätigung abhielt. Kubin erzählt darin in einer mit seiner Person identisch scheinenden Ich-Form von einem Zeichner, der eines Tages von Agenten seines Schulfreundes Claus Patera eingeladen wird, jenen in dem von ihm geschaffenen «Traumreich» im Himalajagebiet zu besuchen. Von einer beträchtlichen monetären Zuwendung des Freundes vom Wahrheitsgehalt der mysteriösen Botschaft überzeugt, bricht er zusammen mit seiner Frau auf die beschwerliche Reise nach Indien auf. Was sie in Perle, der ewig wolkenverhangenen Hauptstadt des Traumreichs erwartet, hat zwar zunächst einen gewissen skurrilen Charme, erweist sich aber bald als Weg in den Wahnsinn, dem die geliebte Frau des Protagonisten zuerst erliegt. «Die andere Seite» ist ein in hohem Maße beunruhigendes, gleichwohl faszinierendes Stück Literatur aus den Grenzbereichen der menschlichen Seele, auf das man sich nur mit gefestigter Psyche einlassen sollte.
Charles Lewinsky ist ein literarisches Genie! Seit der für ihn im Alter von immerhin sechzig Jahren erst relativ spät eingetretenen, gleichwohl hochverdienten internationalen Anerkennung infolge des Erscheinens seiner bisher in zehn Sprachen übersetzten grandiosen deutsch-jüdischen Familienchronik «Melnitz» (2006) hat der langjährige erfahrene Fernseh- und Theaterautor, Texter von Couplets und Ghostwriter aus Zürich mit jedem seiner weiteren Werke nicht nur eine fabelhaft umtriebige schöpferische Fantasie an den Tag gelegt, sondern immer wieder auch eindringlich bewiesen, dass er sich auf geradezu virtuose Art und Weise in nahezu jede literarische Gattung einzufühlen vermag, um jeweils höchst überzeugende «wahre» literarische Abbilder der unterschiedlichsten Lebensrealitäten zu schaffen. Wer kann schon von sich behaupten, in China mit dem kurioserweise alljährlich vergebenen Preis für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres ausgezeichnet worden zu sein? Charles Lewinsky ist sicherlich kein bescheidener Autor, aber er hat auch absolut keinen Grund dazu: er weiß genau, was er kann, und sein schriftstellerisches Talent ist so offensichtlich, dass er getrost über seine hohen Ambitionen sprechen darf, ohne als Aufschneider gelten zu müssen, etwa wenn er in der kurzen Vorrede zu seinem neuen Roman «Doppelpass» bemerkt, die Form des Fortsetzungsromans habe ihn «gereizt, weil sie schön schwierig war. [...] Und weil sich eine ganze Menge großer Vorgänger auch schon mit dem gleichen Problem herumgeschlagen haben: Charles Dickens, Alexandre Dumas oder Arthur Conan Doyle – das ist doch eine ehrenwerte Ahnenreihe.» Das anachronistisch wirkende Angebot, einen Fortsetzungsroman klassischen Zuschnitts zu schreiben, kam von der renommiertesten Schweizer Wochenzeitschrift «Die Weltwoche»; dort erschien der in der soeben nachgelegten Buchausgabe 320 Seiten umfassende Roman «Doppelpass» im Verlaufe des letzten Jahres in insgesamt fünfzig Folgen. Wenn Zeitungen – was auch heute noch durchaus üblich ist – ihren Lesern Fortsetzungsromane anbieten, sind das in aller Regel konventionelle, bereits vollständig und gedruckt vorliegende Romane, die von der jeweiligen Redaktion um der Fortsetzungsform willen nachträglich in homogene Teile zerlegt werden. Der ebenso ehrgeizige wie experimentierfreudige Charles Lewinsky hingegen hat vollkommen nach klassischem Vorbild gearbeitet und jede einzelne Woche des Jahres ein vollständiges Kapitel von 10.000 Zeichen abgeliefert, wobei er sich zu Beginn seines Textes über wenig mehr als das ungefähre Gerüst der Handlung im Klaren war. Man mag darüber streiten, ob die Veröffentlichung eines Buches, deren Protagonist ein Fußballprofi ist, nach den Ereignissen des letzten Monats großen Anklang beim Lesepublikum finden wird. Die Lektüre von «Doppelpass» ist jedoch ein überaus humorvolles, geistreiches und kurzweiliges – ja absolutes Lesevergnügen, was ohne Frage nicht zuletzt der besonderen literarischen Form geschuldet ist, die ähnlich wie amerikanische Fernsehserien einen Cliffhanger am Ende jedes Kapitels sowie eine überraschende Auflösung am Beginn des folgenden Abschnitts bedingt. Doch auch in sich sind die einzelnen Kapitel kleine scharfsinnige Meisterwerke der satirisch-philosophischen Alltagsbetrachtung. «Doppelpass» ist die Geschichte des gefeierten schwarzafrikanischen Fußballstars Tom Keita und seiner ehrgeizigen, publicitysüchtigen Model-Verlobten Ilona, seines Cousins Mike, der eines Tages als illegaler Einwanderer vor seiner Tür steht, sowie die Geschichte des populistischen Politikers Eidenbenz, Präsident von Keitas Fußballklub.
Es hat selten eine literarische Versuchsanordnung zum ehrgeizigen Thema der jüdisch-deutschen Beziehungen nach der Schoa gegeben, die so wenig nach bloßem gedanklichen Experiment geklungen hat wie Ulrike Kolbs sensibler neuer Roman «Yoram»: «Wenn ich doch nur die Jahre einfangen könnte, die Augenblicke, die Bilder, die Geräusche, die Düfte... aber sie vergehen wie die Zeit, gleichgültig gegen jedes Verlangen, festzuhalten, was nur wir beide wissen, sie sind flüchtig wie das Licht, das mit uns sein Spiel treibt, uns in Schwermut versetzt oder in Euphorie... das aufstrahlende Licht nach dem Regen und die winzige Lerche, die in die Höhe jagt, bis wir sie aus den Augen verlieren und nur noch ihr Zwitschern in der Ferne hören...» Im lyrischen Beginn des Romans liegt in poetischer Andeutung bereits der gesamte Gang der Handlung verborgen, die sich konzentriert, plausibel und unaufdringlich vor dem Leser entfaltet. Die junge deutsche Erzieherin Clara, Mitglied der Studentenbewegung, reist Anfang der 1970er Jahre nach Israel, weil sie sich aus der Kibbuzerziehung neue Anregungen für ihre Arbeit erhofft: «Nie wieder soll eine Generation so autoritätshörig gemacht werden wie die Nazigeneration!» Schon am Tag ihrer Ankunft lernt sie Yoram kennen, einen Frankfurter Juden israelischer Abstammung, der sich in Israel aufhält, um den Tod seines Vaters zu verarbeiten. Aus einer leidenschaftlichen ersten Nacht entwickelt sich bald eine ernsthafte Liebe, die Clara und Yoram gegen alle Widerstände und Unterschiede in ihren Familiengeschichten offen miteinander zu leben beschließen, zunächst in Israel, und als eine gemeinsame Tochter, Vered, unterwegs ist, in Frankfurt. Yorams Eltern haben den Krieg in Palästina überlebt, während ihre Verwandten in Europa ermordet wurden; sein Vater vertrat später Überlebende der Schoa als Rechtsanwalt. Claras Mutter hingegen hegt noch bis zu Vereds Geburt ein irrationales Misstrauen gegenüber allem Jüdischen, ihr Vater war möglicherweise Lagerarzt in Auschwitz, wie die sich ihrem ursprünglichen sozialen Umfeld langsam entfremdende Clara im Verlauf der weiteren Handlung aufgrund verschiedener Indizien vermuten muss. Was in einer gerafften Zusammenfassung willkürlich, fast aufdringlich im Sinne einer bloßen Zurschaustellung des reinen familiären Konfliktpotenzials erscheint, erzählt Ulrike Kolb mit soviel Empathie, diskreter Einfühlungsgabe und Talent zur eleganten Umschiffung aller gängigen deutsch-jüdischen Klischees, dass man zu keinem Moment das Gefühl hat, hier würde nicht auch das Leben selbst in all seinen Möglichkeiten abgebildet. Es gibt in der Beziehung zwischen Clara und Yoram wunderbare Versöhnungsszenen, Momente großer Zärtlichkeit sowie ehrlich und unaufdringlich geschilderter Erotik. Dennoch kommen wie in jeder Beziehung neben dem historischen Konfliktpotenzial natürlich auch die persönlichen, zwischenmenschlichen Konflikte zum Tragen, mit denen jede Liebesbeziehung zwangsläufig zu kämpfen hat. Nach einem Besuch von Auschwitz erleidet Clara einen Nervenzusammenbruch, Yoram hat schon seit einiger Zeit eine Geliebte. Doch auch wenn diese große Liebe, die auch in die Zukunft weisen sollte, letztlich an ihrem eigenen Ideal scheitert, erweist sich am Schluss, dass es in der bloßen Existenz der folgenden Generation eine zarte Hoffnung auf völlig neue Sichtweisen, möglicherweise sogar auf Meisterung der unterschiedlichen Familienschicksale gibt. Denn die letzten Worte des Romans gehören der werdenden Mutter Vered, deren Sohn David in noch höherem Maße die Lerche aus dem Prolog symbolisiert als sie selbst...
Wenn man einmal die weltanschaulich irritierende Tatsache akzeptiert hat, dass in Zeiten grassierender wirtschaftlicher und sozialer Ungewissheit ausgerechnet das nicht ganz zu Unrecht im Ruf allzu seichter Unterhaltung sowie im Verdacht des reinen Eskapismus stehende Genre der Fantasy offensichtlich die erfolgreichste literarische Gattung der Stunde ist, kann es durchaus interessant sein, einmal genauer zu beobachten, welche neuen Subgenres die Populärkultur unter dem Druck des wachsenden Marktes im Verlaufe nur weniger Jahre hervorgebracht hat. Tatsächlich ist das während vieler Jahrzehnte recht statisch gebliebene Genre gerade in den letzten zehn Jahren mit ausgesprochen frischen, innovativen neuen Ideen wiederbelebt worden, die diesen erstaunlichen Aufschwung erst möglich machten, indem sie ihm neue jugendliche Leserschichten zu erschließen vermochten. Bis dahin waren es vor allem an dem verschrobenen Pseudomystizismus von Tolkien eingenordete, von kuriosen Zauberwesen wie Feen, Elfen und Zwergen bevölkerte pseudomittelalterliche magische Fantasiewelten, die dem typischen Fantasy-Leser eine Art fantasievolleren Spiegel der eigenen spießbürgerlichen Lebensrealität vorhielten. Die Endlos-Buchserien, die dieses Bedürfnis am erfolgreichsten bedienten, waren literarisch meist genauso langweilig, pedantisch und gleichförmig, wie die nüchterne Realität ihrer Leser, die sie zu fliehen versuchten. Wenn man sich allerdings die großen Fantasy-Erfolgsbücher der letzten Jahre anschaut, wird man feststellen, dass etwa der erste Band von Stephenie Meyers Twilight-Serie auf durchaus charmante und virtuose Art und Weise die von zahllosen Hoffnungen und Ängsten überlagerte Ungewissheit der ersten Liebe abbildet oder der russische Bestsellerautor Sergej Lukianenko im ersten Band seiner im modernen Moskau angesiedelten, von Vampiren, Werwölfen und anderen zwielichtigen Gestalten bevölkerten Wächter-Reihe absolut überzeugende, so noch nie da gewesene Metaphern für die Einsamkeit und Entfremdung moderner Großstadtmenschen findet. Der deutsche in 27 Sprachen übersetzte Bestsellerautor Kai Meyer hat mit seiner kürzlich abgeschlossenen Sturmkönige-Trilogie ein weiteres neues Subgenre geschaffen, dessen Konzeption rückblickend allerdings so naheliegend war, dass man sich fragen muss, warum nicht schon vorher jemand auf diese dankbare Idee gekommen ist. Angeregt von den Märchen aus «Tausendundeiner Nacht» und den auf grandiose Art und Weise misslungenen Sindbad-Verfilmungen der 1960er und 1970er Jahre ist diese Trilogie im mittleren Orient des Jahres 800 angesiedelt, wo ein leidenschaftlicher Krieg zwischen den sogenannten Dschinnen, zaubereibegabten Wesen, sowie der Menschheit um die verlorengegangene, apokalyptisch geballte Wunschmacht entbrannt ist, die über die Zukunft sowie die Natur der Welt zu entscheiden vermag: Die erbitterten Opponenten des Wunschkriegs wollen sich gegenseitig vom Antlitz der Erde tilgen. Kai Meyer gelingt es auf faszinierende Art und Weise interessante, mit allen menschlichen Affekten ausgestattete Charaktere zu schaffen, und gleichzeitig Figuren, die in der Märchenliteratur nur grob skizziert werden, mit neuem literarischem Leben zu füllen. Die philosophische Herleitung seines magischen Orients ist so überzeugend, dass man sie nur mit den Schöpfungen so begabter, genialer Autoren wie Philip K. Dick vergleichen kann. Der eigentliche Reiz der überaus unterhaltsamen, leider nicht ganz jugendfreien «Sturmkönige-Trilogie» kommt allerdings erst in der von Drei-Fragezeichen-Sprecher Andreas Fröhlich kongenial interpretierten Hörbuch-Fassung zur vollen Geltung, indem ein reizvoller gedanklicher Bogen zum Vorbild aller orientalischer Märchen geschlagen wird. |