Kein zurück mehr


Kantorinnen haben in Deutschlands jüdischer Gemeinschaft nach wie vor viele Widerstände zu überwinden. Eine Begegnung mit den Berlinerinnen Avitall Gerstetter, Jalda Rebling und Mimi Sheffer

 

Foto: Toblas Barniske

Sie wissen, was zu „Kol be-Ischa" („die Stimme der Frau") im Talmud steht?», fragt die Kantorin Jalda Rebling. Sie spielt auf eine Stelle im Talmudischen Traktat Sota 48a an. Übersetzt man die Textstelle ins Deutsche, heißt es dort, dass eine Frau durch ihr Singen in Anwesenheit eines oder mehrerer Männer, erotische – oder altmodisch gesprochen – unzüchtige Fantasien auslöst. Da diese beim Gebet und im Gottesdienst ablenken, war es Frauen im traditionellen Judentum lange untersagt, in der Synagoge mitzusingen. Daran, dass eine Frau das Amt des Chasans, des Kantors, ausübt, war und ist in den meisten jüdisch-orthodoxen Gemeinden der Welt bis heute nicht zu denken.

Liberale Gemeinden betrachten die Bedenken bezüglich weiblichen Gesangs im Gottesdienst als überholt und in der modernen Gesellschaft als nicht mehr zeitgemäß. Männer und Frauen gelten als gleichberechtigt und so dürfen auch Frauen in der Synagoge mitsingen, müssen nicht mehr auf der Empore sitzen, dürfen auch das Amt der Rabbinerin oder eben das der Kantorin bekleiden. In den USA hat sich diese Selbstverständlichkeit seit den 1970er Jahren etabliert. In Deutschland, das vor der Schoa als Vorreiter in der jüdischen Frauenbewegung galt, gibt es jedoch erst seit 2001 eine fest bei einer jüdischen Gemeinde angestellte Kantorin.


Verzögerte innerjüdische Gender-Debatte

Warum es hier solange dauerte, bis eine Frau Kantorin werden konnte, liegt auf der Hand. Durch die Schoa wurde nicht nur das jüdische Leben in Deutschland zerstört, sondern mit ihr gingen auch die Reformbemühungen unter oder verlagerten sich in die Exilländer. Viele Jahre hat es gedauert, bis sich das jüdische Leben in Deutschland wieder einigermaßen entfalten konnte. Auch der Wandel der jüdischen Gemeinden, der sich mit den Zuwanderern aus den ehemals sowjetischen Ländern vollzogen hat, verzögert die innerjüdische Debatte um die Gender-Problematik. Inzwischen sitzt mit Charlotte Knobloch an der Spitze des Zentralrats der Juden eine Frau, weibliche Vorsitzende und Rabbinerinnen arbeiten in den Gemeinden. Und auch das Amt des Chasans ist kein ausschließlich männlicher Beruf mehr.

In Berlin leben derzeit drei Kantorinnen: Avitall Gerstetter, Jalda Rebling und Mimi Sheffer. Doch nur eine von ihnen, nämlich Avitall Gerstetter, arbeitet seit Ende der 1990er Jahre auf einer festen Stelle in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Sie teilt ihr Amt zurzeit mit sieben männlichen Kollegen. Jeder von ihnen betreut eine oder mehrere Synagogen. Avitalls Einsatzorte sind die Oranienburger Straße und der Hüttenweg. Beide Synagogen gelten als egalitär ausgerichtet, was bedeutet, dass Frauen und Männer als gleichberechtigt angesehen werden. Frauen werden somit zum Minjan, dem für einen jüdischen Gottesdienst notwendigen Qurom von zehn oder mehr im religiösen Sinne mündigen Juden, gezählt. In der Oranienburger Straße amtiert inzwischen mit Gesa Ederberg auch eine Rabbinerin.

Avitall Gerstetter, die zierliche Person mit dem roten Haar und der ausdrucksstarken Stimme, erzählt begeistert von ihrer Arbeit als Kantorin. Sie empfindet diese als Berufung. Auch wenn sie aus einer musikalischen Familie stammt und seit jeher gerne selbst Musik gemacht hat, wäre sie nie auf die Idee gekommen, Kantorin zu werden. «Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine Frau dieses Amt bekleiden kann», fügt sie lächelnd hinzu. Doch 1998 kam die Jüdische Gemeinde auf Avitall zu und fragte sie damals, ob sie sich vorstellen könne, Kantorin zu werden. Um sich auszuprobieren, übernahm die Berlinerin nach anfänglichem Zögern Teile des Gottesdienstes.


Hickhack um eine feste Stelle in der Gemeinde

«Ich erinnere mich genau an den Augenblick als ich das erste Mal den Tallit trug. Das war überwältigend.» Danach gab es kein Zurück mehr. Die Gemeinde bezahlte die Ausbildung, die sie 2001 in New York abschloss und anschließend begann der Kantorinnen-Dienst in den besagten Gemeinden. Man glaubt Gerstetter, dass sie große Freude an dieser Arbeit hat, wenn man ihr zuhört. Überhaupt steckt sie voller Ideen und Tatendrang. Zurzeit steht sie der Gemeinde allerdings nur in Ausnahmefällen zur Verfügung, da sie sich zu Hause um ihre beiden kleinen Söhne kümmert. Auch von ihrem neuesten Projekt, einer limitierten Serie der Königlichen Porzelan-Manufaktur Berlin (KPM), die sie zugunsten ihres visionären interreligiösen Zentrums «Ahawah» verkauft, erzählt sie. Was sie nicht erzählt, ist die Tatsache, dass die Gemeinde ihr 2005 kündigte.

Eine paradoxe Situation, dass ausgerechnet die Gemeinde, die ihre Ausbildung finanziert hatte, sie vier Jahre später entließ. Da es sich in Berlin – wie fast überall in Deutschland üblich – um eine Einheitsgemeinde handelt, zu der sowohl Orthodoxe als auch Progressive zählen, kamen von traditioneller Seite zunehmend Widerstände gegen einen weiblichen Kantor. Gerstetter ließ sich davon nicht entmutigten. Das Arbeitsgericht befand die Kündigung als unrechtmäßig und so arbeitet sie bis heute für die Gemeinde. Von Resignation oder gar Verbitterung über den unschönen Arbeitskampf ist in Gerstetters Schilderungen nichts zu spüren. Sie ist stolz auf ihre Position. Und sie weiß, dass viele ihre Arbeit und ihren Gesang sehr schätzen. Auf die Frage, warum in den deutschen jüdischen Gemeinden keine weiteren Kantorinnen eingestellt sind, erklärt Gerstetter nüchtern, dass insgesamt wenige Stellen existieren und es ohnehin schwierig ist, eine Festanstellung zu erhalten.


Auf der Suche nach der verlorenen Freude

Diese Erfahrung musste auch ihre Kollegin Jalda Rebling machen. 2007 schloss...

 

Von Friederike Neubert

 

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«Jüdische Zeitung», Dezember 2009