Wenn böse Menschen jüdisch sein wollen


Der liberianische Ex-Diktator Charles Taylor will Jude werden. Was sagen die Rabbiner dazu?

Foto: Reuters
Kann jemand zu böse sein, so dass man ihm die Konversion zum Judentum verweigern sollte? Das ist eine Frage, die sich bei den Berichten über den geplanten Übertritt des ehemaligen liberianischen Diktators Charles Taylor stellt. Taylor muss sich gerade wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag verantworten. Seine Frau Victoria sagte gegenüber der «BBC», dass ihr Mann jetzt Jude sei und den Judaismus praktiziere.

Die Authentizität von Taylors Konversion ist zumindest zweifelhaft. So gibt es weder Beweise, dass er zusammen mit einem Rabbiner studiert hat noch spricht viel dafür, dass die Bekanntmachung Taylors mehr ist als die Absicht, sich ein humaneres Antlitz zu geben. Ehefrau Victoria meinte gegenüber der «BBC» ebenfalls, dass ihr Mann weiterhin an die Göttlichkeit Jesus Christus glaube. Der ehemalige Kriegsherr scheint demnach genau so im Unklaren über die Grundsätze des Judentums zu sein, wie über die Prinzipien der internationalen Menschenrechte.

Aber was, wenn Taylor wirklich Jude werden will? Was, wenn der ehemalige Diktator – immerhin angeklagt wegen Aushebung einer Kinderarmee, die in den 1990er Jahren mordend und marodierend durch Liberia zog – es mit der Konversion ernst meint? Würde ein Rabbiner ihn als Student aufnehmen? Oder sollte er sogar?

Die Antworten sind ja, nein und vielleicht – ganz abhängig davon, wen man befragt. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse endet nicht in simpler Schwarz-Weiß-Malerei und so variieren die Meinungen unter den religiösen Führern.


Judentum ist keine Besserungsanstalt

Besonders in den USA wird das Thema Taylor heiß diskutiert. Rabbiner Mitchell Wohlberg von der «Beth Tfiloh»-Gemeinde in Baltimore, ihres Zeichens die größte modern-orthodoxe Gemeinde der Vereinigten Staaten, meint beispielsweise, dass es «genügend Herumtreiber» unter den gebürtigen Juden gebe – ein «Import» sei demnach unnötig. Zwar könne die Religion Menschen ändern und zum Besseren bekehren, aber die jüdische Gemeinschaft sei keine Besserungsanstalt.

Rabbi Robert Levine von der größten Reformgemeinde in New York meint, dass zwar bereuen und vergeben wichtige Elemente des Judentums seien, manchmal jedoch haben Menschen sich in solchem Maße Abscheulichkeiten überlassen, dass sie für immer von der Konversion ausgeschlossen sind. Für Levine gehören Monster wie Hitler, Haman oder Taylor zu jenen, die sich durch ihren vollkommenen Mangel an Moral von vornherein für die Verzahnung von Ritual und Moral im Judentum ausschließen.

Aber nicht jeder würde die Türen vor Taylor verschließen.

Rabbiner Avi Shafran, Direktor der ultraorthodoxen Schirmorganisation Agudath Israel of America, versteht die Aufgabe der Konversion darin, dass sich jemand radikal wandeln kann. Ein intelligenter Beth Din (Gerichtshof) müsse, so Shafran, schauen, wie ernst es jemandem mit dem Wandel ist. Das Verbrechen an sich lege der Konversion jedenfalls keine Steine in den Weg.

Einer der genau über die spirituelle Wandlung von Menschen mit böser Vergangenheit bescheid weiß, ist Rabbiner Michael Weisser aus Lincoln/Nebraska. Dieser wurde über lange Zeit hinweg vom lokalen Ku-Klux-Klan-Führer Larry Trapp terrorisiert. Weisser drängte immer wieder auf ein Gespräch mit dem Rassisten, das schließlich zustande kam. Die Folge: Trapp wandte sich von seinem Hass auf Schwarze, Juden und Asiaten ab und konvertierte zum Judentum. Er entschuldigte sich bei denen, die er drangsaliert hatte. In Schulen und Gruppen sprach Trapp darüber, wie er den Hass und die ablehnende Bigotterie überwunden habe. Trapp habe Buße getan, seine Sünden bereut und um Vergebung gebeten, meint Weisser.

Als Trapp erwähnte, dass er zum Judentum konvertieren wolle, vermutete Weisser, dass Schuld das Motiv Trapps gewesen sei. Aber Trapp studierte hart, las über 50 ernsthafte...


Von Jonathan Levy


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«Jüdische Zeitung», Dezember 2009