Don’t be frightened, Mr. Bernstein was here


Der Jüdische Kulturverein Berlin hat nach 20 Jahren Existenz seine Auflösung bekannt gegeben. Ein Rückblick

Foto: Jüdisches Museum Berlin
Was denn den tiefsten Eindruck während seiner Tätigkeit beim Jüdischen Kulturverein bei ihm hinterlassen habe, frage ich Andreas Poetke. Wir sitzen an einem regnerischen Herbsttag im Jahr 2008 in einem Berliner Café an der Jannowitzbrücke. Mein Interviewpartner, der seit Jahr und Tag die Finanzen des Vereins verwaltet, überlegt lange: «Die Sache mit Bernstein», sagt er schließlich, «Chanukka ’89». Ich bin verblüfft. Stundenlang hatte ich bereits alte Nummern des «Nachrichtenblatts der Jüdischen Gemeinden in der DDR» und der «Jüdischen Korrespondenz», der Zeitung des Vereins, durchgeblättert, Literatur über Juden in der DDR studiert und bei Michael Wolffsohn nachgelesen, dass alles, womit ich mich hier beschäftige, von Staatssicherheit, SED und Politbüro verseuchtes Terrain sei. Über Leonard Bernstein hatte ich dabei nichts gelesen.

Natürlich kenne ich die musikalischen Feiern der Maueröffnung: Mstislaw Rostropowitschs improvisierte Darbietung am 11. November, direkt am Checkpoint Charlie. Einen Tag später war Daniel Barenboim mit den Berliner Philharmonikern dran und an Weihnachten zog dann Leonard Bernstein mit seinem Berliner Gemeinschaftswerk nach. Zuerst in der Philharmonie (West) und einen Tag darauf im Konzerthaus am Gendarmenmarkt (Ost). Doch was hat das mit meinem Thema, dem Jüdischen Kulturverein, zu tun?

Ich frage also bei Irene Runge, der Vorsitzenden des Vereins an, was da gewesen sei. «Nichts», schreibt sie mir zurück, Chanukka sei ausgefallen in jenem Jahr. Ich weise sie auf das Bild von Thomas Sandberg hin, das Bernstein beim Entzünden der Kerzen in der Oranienburger Straße zeigt. Ach so, sagt sie, das sei eine merkwürdige Angelegenheit gewesen. Und dann erzählt sie mir eine dieser Geschichten, die viel sagen und wenig erklären. «Irgendwer» sei gekommen und habe sie «irgendwie» mit Leonard Bernstein bekannt gemacht. Ebenso «irgendwie» sei sie neben diesem in einer Limousine aus dem Fuhrpark der Staatsregierung gelandet, habe den Dirigenten dann von einer Probe im Konzerthaus zur Synagoge in der Rykestraße begleitet, danach noch in die Oranienburger straße. In der Synagoge hätten die anderen noch Witze darüber gemacht, dass da einer sei, der aussehe wie Leonard Bernstein. Schließlich habe der sie noch zu einer Schwulenparty «irgendwo» im Westen der Stadt mitnehmen wollen. Das habe sie nicht mehr mitgemacht, weil ihr der Weg zu weit gewesen sei.

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In einer Sitzung des Kulturvereins gibt es einige Wochen nach meinem Treffen mit Andreas Poetke Streit. Nach fast zwanzig Jahren bemerken die Beteiligten, dass Poetke den Aufruf zur Gründung des Vereins, der im Herbst 1989 in allen Zeitungen der DDR verbreitet worden war, nicht unterschrieben hatte. «Du dachtest wohl, es geht weiter», spottet Irene Runge. Er habe in seiner damaligen Funktion als Staatsanwalt eben «aufpassen» müssen, verteidigt sich Poetke leise.

«Weißt Du», sagt mir Irene am Abend nach der Sitzung am Telefon, «wenn Du da bist, dann ist das ein wenig wie beim Therapeuten: Uns fallen Sachen ein, die wir längst vergessen hatten».

Wiederum einige Wochen später kommt es zum Eklat. Ich soll Thesen über den Kulturverein vorstellen; das Buch, das ich über den Verein schreiben soll, muss bald fertig sein. Die Damen und Herren, die mich beauftragt haben, bezweifeln aber inzwischen, dass ich das schaffen werde. Und ein bisschen sorgen sie sich wohl auch, was ich wohl so alles über sie zusammentrage. Eigentlich ist ausgemacht, dass ich schreiben kann, was ich will. Aber das ist zu diesem Zeitpunkt längst vergessen. Wie dem auch sei, in einer der vorgetragenen Thesen verwende ich den Begriff «Großmythos Antifaschismus», den ich ein paar Tage zuvor bei Erhart Neubert aufgeschnappt habe und nun hier anbringe. Darauf bricht ein Sturm der Entrüstung über mich herein, Jochanan Trilse-Finkelstein, seines Zeichens Literatur- und Theaterwissenschaftler, äußert sich besonders heftig. Er bemüht sich immerhin um eine wissenschaftliche Begründung seiner Angriffe.

Dennoch wird mir bald klar, dass hier auch etwas verhandelt wird, das außerhalb meiner Reichweite liegt, sich dem wissenschaftlichen Zugriff entzieht und rein private Natur besitzt. Andere Mitglieder des Vorstands werfen mir Gröberes an den Kopf. «Unwissenschaftlich» und «ahistorisch» nennen sie meine Methode, deren Ergebnisse am Ende «keinen interessieren». Sie meinen damit, dass ich die Zeitzeugen – also sie selbst – zu wenig und die Archive zu sehr bemüht hätte. Schon auf dem Nachhauseweg wird mir klar, wozu es noch ein paar Wochen unerfreulichen Schriftwechsels braucht: Mein Auftrag ist perdu. Für mich tritt damit zugleich eine Befreiung ein. Längst war die Kluft zwischen der Selbstwahrnehmung des Vereins und der Einschätzung von außen kaum mehr zu überbrücken, geschweige denn noch zu ertragen gewesen. Vor allem, wenn mein Tonbandgerät ausgeschaltet war, fallen bisweilen klare Worte. Nicht nur seitens ehemals westdeutscher Juden und auch nicht nur von Juden, die die politischen Einstellungen des Historikers Michael Wolffsohn teilen.

Zu den meisten Interviewpartnern hatte mich der Kulturverein selbst geschickt, eine weitere positive Einschätzung seiner Arbeit erhoffend. Aber auch innerhalb des Vereins war sichtbar geworden, was von außen als Verdacht herangetragen wurde: Wo verlief die Grenze zwischen der Selbstdarstellung einer kraftvollen Vorsitzenden und einem Verein, der ihr – oft mit Murren, aber doch zuverlässig – folgte? Ohne derartiges anzusprechen, wird keiner die Geschichte des Vereins schreiben können. Irene Runges schwer erklärbare und von kaum jemandem im Verein geteilte Sehnsucht nach Geborgenheit, die sie in den Armen der ultraorthodoxen Sekte von Chabad Lubawitsch zu glauben fand, ist dabei nur ein Punkt unter vielen. Stolz ist man im Verein bis heute auf die Tausenden mehr oder weniger prominenten Gäste, die hier im Lauf der Jahre aufgetreten sind. Sie gaben dem Kulturverein den Anschein von Akzeptanz im jüdischen Berlin.

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Ein halbes Jahr später erzählt mir Irene Runge, dass eine Journalistin, die nach mir den Auftrag bekommen hatte, die Vereinsgeschichte aufzuschreiben, ebenfalls gescheitert sei. Das zu hören freut mich nicht, weil es zeigt, wie sehr sich die Vereinsmitglieder in ihren festgefahrenen Selbstbildern vergraben haben. Zu unrecht, wie ich nach wie vor meine. Denn der Jüdische Kulturverein hat Erfolge auf vielen Gebieten vorzuweisen, nicht zuletzt, was die Integration russischsprachiger Juden in Deutschland angeht. Dass dabei niemand die Verdienste des Vereins so hoch ansetzen mag, wie dieser selbst, tut dabei keinen Abbruch. Dass er zudem ein spannender Forschungsgegenstand ist, weil er das Zusammenwirken interessanter Persönlichkeiten zu einem bewegten Zeitpunkt der deutschen Geschichte widerspiegelt, macht den Verein zum schillernden Phänomen. Angesichts oftmals gebrochener Lebenswege der Protagonisten kann dabei noch weniger als an anderen Stellen hagiographisch verfahren werden, das macht das Unterfangen so schwierig. Irene Runge erzählt mir auch, dass sie sich mittlerweile dazu entschieden hat, das Buch selbst zu verfassen.

Ein anderer Fund erheitert mich mehr: Inmitten der Rechenschaftsberichte findet sich im Archiv des Kulturvereins ein Schreiben vom Mai 1999. Ein professorales Mitglied des Vereins bekundet darin dem Sprecherrat unter anderem seinen Unmut darüber, dass er zunehmend den «sachlich bestimmten Disput» in den Diskussionen vermisse: «Stattdessen greifen fast rabiate, persönlich verletzende Formen in der Auseinandersetzung um sich», schreibt er an den Vorstand. Ausgelöst wurde seine Kritik durch die Diskussion nach einem Vortrag von Wolfgang Wippermann. Wippermann ist bis heute einer der wenigen, der sich ebenso ausführlich wie ausgewogen mit dem Begriff «Antifaschismus» und seiner Verwendung in der DDR auseinandergesetzt hat.

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11. November 1989: Es muss eine denkwürdige Veranstaltung gewesen sein. Während zwei Tage nach dem Fall der Mauer draußen rund 500.000 DDR-Bürger nach West-Berlin strömten, sich zwischen Großem Stern und Brandenburger Tor auf neun Spuren die Fahrzeuge stauten, ja sogar der U-Bahn-Verkehr teilweise zusammengebrochen war, traf sich im «Klub der Kulturschaffenden» in der Otto-Nuschke-Straße, die heute wieder Jägerstraße heißt, das zweite «Kolloquium der Jüdischen Gemeinde Ost-Berlins».

«Es war ein eigenartiges, irgendwo auch schönes Gefühl», erinnert sich Andreas Poetke an die Veranstaltung. Als er aus der U-Bahn gestiegen sei, seien die Massen in Richtung Checkpoint Charlie gelaufen, nur einige wenige in die andere Richtung abgebogen. «Alles strömte zum Konsum und wir gingen zu den geistigen Dingen», erinnert sich der Mitbegründer des Jüdischen Kulturvereins an jenen Novembertag. Fürwahr erscheint es sonderbar, an einem Tag, an dem der DDR-Bank das westdeutsche Kleingeld ausgegangen...

 

Von Moritz Reininghaus

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«Jüdische Zeitung», Dezember 2009