Kantor Simon Zkorenblut  Foto: dpa

«Bund jüdischer Soldaten» gegründet

Etwa 200 Juden dienen derzeit in der Bundeswehr

Von der breiten deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, wurde die Auftaktveranstaltung bescheiden als «Bekanntgabe der Vereinsgründung» bezeichnet. Die Beschäftigung mit Heer, Luftwaffe und Marine der Bundesrepublik fokussierte sich in den letzten Wochen des alten Jahres auf die Diskussion um den weiteren Einsatz in Krisengebieten und die Vorgänge vor der Küste Israels. Unter der Schirmherrschaft des Deutschen Bundeswehrverbandes hat sich dennoch gerade in diesen Tagen der «Bund jüdischer Soldaten» gegründet.

Der offizielle Akt fand bereits Anfang September statt, die «Bekanntgabe» am Vorabend des Jahrestages der Pogromnacht, am 8. November 2006 im Gerolsteiner Rondell. Vorangegangen war eine Informationsveranstaltung eines Führungsunterstützungsbataillons zum Thema «Jüdische Soldaten in deutschen Armeen». In der Absicht, die Präsenz jüdischer Soldaten abseits der großen jüdischen Zentren zu dokumentieren, wählte der neu gegründete Bund bewusst das Eifelstädtchen Gerolstein als Veranstaltungsort.

Traditionslinien
Fast genau 68 Jahre zuvor hatte der «Reichsbund jüdischer Frontsoldaten» seine Arbeit einstellen müssen. Der Bund war in den Jahren 1919/20 als jüdischer Soldatenbund zur «Wahrung der Ehre des jüdischen Frontsoldaten» gegründet worden. Durch gezielte Aufklärung auf Kundgebungen, durch Flugblätter und Bücher, in denen über den Einsatz jüdischer Soldaten aufgeklärt wurde, setzte man ein Zeichen gegen antisemitische Propaganda in der Weimarer Republik. Zugleich bot der Bund seinen etwa 40.000 Mitgliedern soziale Unterstützungen an.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Erinnerung an die jüdischen Soldaten massiv verunglimpft. Das unmittelbar danach installierte «Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums», die Wiedereinführung der Wehrpflicht, fast ausschließlich für Arier und schließlich das zwei Jahre später in Kraft getretene «Reichsbürgergesetz» führten zum beinahe völligen Ausschluss deutscher Juden vom Wehrdienst.

Schon 1935 war die Stimmung in Deutschland derart judenfeindlich, dass an jegliche Ehrung jüdischer Soldaten des Ersten Weltkrieges nicht mehr zu denken war. Der Bund war somit der Grundlagen seiner Arbeit beraubt und musste seine Aktivitäten auf die Betreuung jüdischer Kriegsopfer beschränken. Auch wenn es dem Einfluss des Reichsbundes mit zu verdanken ist, dass die im Verlauf des Novemberpogroms 1938 verhafteten jüdischen Frontkämpfer aus Konzentrationslagern und Gefängnissen wieder entlassen wurde, konnte später auch deren Deportation nicht mehr verhindert werden.

Der Fall Milch
Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges hatte die Wehrmachtsführung im Ersten Weltkrieg hoch dekorierte jüdische Soldaten nach und nach systematisch aus ihren Reihen entfernt. Bis dahin standen vom einfachen Soldaten bis zum «halbjüdischen» Generalfeldmarschall Erhard Milch, Staatssekretär in Goerings Reichsluftfahrtministerium, Generalinspekteur der Luftwaffe und glühender Verfechter des Nationalsozialismus mit höchsten Auszeichnungen, nach Forschungen des US-Historikers Bryan Mark Rigg etwa 150.000 Juden für Hitler unter Waffen, unter ihnen auch Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt. Neben Albert Speer war Milch die zentrale Figur der deutschen Rüstungsproduktion, insbesondere der Luftaufrüstung, die er bis August 1944 als Generalluftzeugmeister leitete.

Für den Einsatz von Zwangs- und Fremdarbeitern in Rüstungsindustrie und Rüstungswirtschaft des Dritten Reiches mitverantwortlich, wurde er 1947 wegen Förderung der Zwangsarbeit und Ausbeutung von Zwangsarbeitern in Flugzeugwerken zu lebenslanger Haft verurteilt, die Strafe später auf 15 Jahre Haft herabgesetzt. Neun Jahre nach Kriegsende wurde Milch vorzeitig entlassen und fand Arbeit als Industrieberater.

Trugschlüsse
Etwa 12.000 jüdische Soldaten fielen in den ersten Kriegsjahren, dennoch wurden sie generell als «Drückeberger» verhöhnt. «Dass Männer tapfer an der Front kämpften, während jüdische Familienangehörige ermordet wurden, waren keine Einzelfälle», schreibt Rigg. «Als Teil der deutschen Gesellschaft groß geworden, standen einige in ihrem Selbstverständnis als Deutsche an den Fronten. Sie kämpften entschlossener als andere Soldaten in der Hoffnung, wieder in die Gesellschaft aufgenommen zu werden.»

Voraussetzung war eine so genannte «Deutschblütigkeitserklärung» oder eine persönliche Genehmigung Hitlers. Viele zogen auch mit falschen Papieren in den Krieg, in der Hoffnung, ihre Familien vor der Deportation retten zu können oder selbst im «sicherste Ort» dem «Rachen des Wolfes», der Verfolgung zu entgehen. Nahezu alle nicht rechtzeitig geflohenen jüdischen Soldaten wurden dennoch später in den KZ ermordet.

In einem Interview mit dem Magazin «Stern» interpretiert Rigg im Januar 2005 seine Gespräche mit 430 jüdischen Soldaten, warum Juden überhaupt in der Wehrmacht gedient hätten, die er auf der Grundlage von 30.000 Seiten Dokumenten, Briefen, Tagebüchern und Fotos zu einem Buch zusammengefasst hat: «Auch sie waren - vor allem als junge Menschen, die sie ja in der Mehrzahl damals gewesen sind - angesteckt von den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Erfolgen Hitlers. Viele von ihnen konnten die Auswirkungen der "Rassegesetze" in der ohnehin widersprüchlichen Praxis gar nicht übersehen oder wollten es nicht, weil das für sie einfach nicht vorstellbar war. Viele haben zudem versucht, ihren Familien dadurch zu helfen, dass sie sich als tapfere Soldaten bewährten. Damals konnten sie nicht wissen, dass ihre Bemühungen vielfach umsonst waren. Deportationen von Verwandten konnten zwar aufgeschoben werden, doch oftmals erst nach dem Krieg erfuhren sie, dass es auf Dauer nichts genützt hat. Viele "Mischlinge" haben nahe Angehörige verloren, während sie im Feld standen. Einige dieser Soldaten wussten, dass Juden und "Mischlinge" deportiert wurden und unauffindbar verschwanden, doch von ihrer systematischen Vernichtung erfuhren sie damals nichts.»

Hoffen auf Zuspruch
Die private Vereinigung des «Bundes jüdischer Soldaten» besteht derzeit aus zwölf Gründungsmitgliedern und hofft auf weitere Resonanz der schätzungsweise 200 Soldaten jüdischen Glaubens in der Bundeswehr. Zahlreiche Repräsentanten aus Politik, Militär, Kirchen und Gesellschaft unterstützten die Neugründung durch ihre Teilnahme an der Gründungsveranstaltung des neuen Vereins, so der Militärattaché der Botschaft Israels, Ben Zion, Landtagsabgeordnete, Generale, Kirchenvertreter sowie zahlreiche Kommunalpolitiker.

Bereits in der vorausgegangenen Informationsveranstaltung hatten der rheinland-pfälzische Innenminister Karl Peter Bruch und General Alois Bach, Kommandeur vom Zentrum Innere Führung in Koblenz, in Grußworten die Rolle der jüdischen Soldaten als wichtigen Aspekt für das eigene Verständnis von Gesellschaft und Bundeswehr hervorgehoben.Noch vor wenigen Jahren galt es als unvorstellbar, dass bei den bestehenden Ausnahmeregelungen in der Bundesrepublik sich so zahlreich jüdische Soldaten für den Dienst in der Bundeswehr verpflichten würden, um einen eigenen Bund zu gründen. Für viele Juden ist es nach wie vor undenkbar, in einer deutschen Armee zu dienen.

Oberstleutnant Gideon Römer-Hillebrecht, Kommandeur des gastgebenden Führungsunterstützungsbataillons und selbst Jude, hob bei der Gründungsveranstaltung hervor: «Wir wenigen jüdischen Soldaten in der Bundeswehr sehen nach meiner Bewertung unsere Aufgabe nicht nur darin, in den jüdischen Gemeinden ein realistisches Bild von der Bundeswehr zu zeichnen - und das ist bei allen Vorfällen rechtsextremistischer Einzeltäter ein durchweg positives -, sondern auch das Andenken an unsere Vorfahren zu erhalten.»

Kooperation mit dem Volksbund
Norbert Schelleis, Präsident a.D. des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, erklärte in seinem Grußwort, gemeinsames Ziel beider Vereine sei es, das Erinnern und Gedenken an die Toten der Kriege und der Gewaltherrschaft wach zu halten und dem Frieden zu dienen.

Der Volksbund, ebenfalls nach dem Ende des 1. Weltkriegs gegründet, habe bereits in seiner Denkschrift zur Gründung im September 1919 ausdrücklich betont, dass das Gedenken an die Gefallenen über das Trennende der religiöse Gegensätze gestellt werde und damit zu einer Versöhnung im Innern beitrage. Folgerichtig sei, dass die Gründungsurkunde des Volksbunds zahlreiche jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger gezeichnet hätten, unter ihnen Walter Rathenau.

Von den Gräbern der etwa zwei Millionen Kriegstoten, die der Volksbund inzwischen auf 827 Friedhöfen in 45 Ländern betreut, sind auch jene jüdischer gefallener Soldaten des Ersten Weltkrieges. Seit zehn Jahren gedenkt der Volksbund gemeinsam mit der Bundeswehr auf dem jüdischen Soldatenfriedhof in Berlin-Weißensee besonders der gefallenen jüdischen Soldaten. Auch andere jüdische Kriegsgräberstätten werden zunehmend vom Volksbund betreut. «Gerade diese Gräber sollen auch künftige Generationen zum Nachdenken bringen, sollen erinnern, wie das alles wirklich war. Zugleich mahnen uns alle Gräber alles zu tun, um Krieg und Gewalt künftig zu verhindern», erklärte Schelleis.

Der Landesverband Baden-Württemberg habe in den letzten Jahren mehrmals Jugendgruppen auf die Deportiertenfriedhöfe in Gurs und Rivesaltes in Südfrankreich zur Grabpflege entsenden können. Auch 2007 werde eine Schülergruppe die Gräber ehemaliger badisch-jüdischer Landsleute in Rivesaltes pflegen.

Keine Interessen-vertretung
«Der neue Bund jüdischer Soldaten wird nicht die Tradition des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten fortführen», erklärte Stabsgefreiter Norbert Kagarlizkij auf der Festveranstaltung. Der neu gegründete Verein «sieht seine Aufgabe (...) in der Bewahrung des Andenkens an die jüdischen Soldaten, die in den Armeen der deutschen Staaten, der Armee des Kaiserreichs und der Weimarer Republik dienten, die in den Kriegen des 19. Jahrhunderts und vor allem im Ersten Weltkrieg für Deutschland kämpften und ihr Leben ließen. Ein besonderes Anliegen des Vereins ist es, an das Schicksal (...) ihrer Familien in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu erinnern.»

Der «Bund jüdischer Soldaten» sei folglich keine Interessensvertretung der Juden in der heutigen Bundeswehr und beziehe daher auch keinerlei Stellung in parteipolitischen, innerjüdischen oder religiösen Fragen. Diese Aufgabe wird seit 2004 von der «Arbeitsgemeinschaft jüdischer Soldaten» wahrgenommen, die als Pendant zu den katholischen und evangelischen Soldatenverbänden mit vorrangig religiöser und aktueller Ausrichtung tätig ist. Vielmehr werde man sich der Erforschung und Dokumentation der Geschichte jüdischer Frontsoldaten, ihrer militärischen Leistungen und Schicksale während der Nazidiktatur sowie der Beschäftigung mit der Geschichte des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten widmen. Dies sei im Laufe der 50-jährigen Geschichte der Bundeswehr zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Traditionspflege geworden, so Kagarlizkij, und somit ein wichtiger Bestandteil der deutsch-jüdischen Geschichte.

Ludwig Beer

Information:

Bryan Mark Rigg:

«Hitlers jüdische Soldaten»

Aus dem Englischen von Karl Nicolai

Das Begleitwort schrieb Eberhard Jäckel

Schöningh Verlag Paderborn

3. Auflage 2006

439 Seiten mit 119 Abbildungen

ISBN 3-506-70115-0, 38,- Euro

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2007