Labyrinth der Erinnerung


Die Direktorin des New Yorker Leo-Baeck-Instituts Carol Kahn Strauss will das dokumentarische Erbe der deutschsprachigen Juden nach Berlin bringen. In den USA gibt es große Widerstände gegen die Pläne

Carol Kahn Strauss betreibt bewusst eine Korrektur und Auffrischung unseres kulturellen Gedächtnisses. Sie will, 64 Jahre nach der Schoa, rund 600 Jahre deutsch-jüdischer Geschichte in ihrer Verknüpfung neu sichtbar machen. Die energische Direktorin des Leo-Baeck-Instituts (LBI) in New York möchte mit einer Zweigstelle in Berlin den heutigen Juden in Deutschland und Österreich die Zeugnisse der eigenen Geschichte zurückgeben. Beim umstrittenen Brückenschlag über den Atlantik und in die Vergangenheit sieht sie den Nutzen auf beiden Seiten: «Wer die Hand ausstreckt über Grenzen, findet einen Teil von sich selbst.» Mit diesem Plan stößt Kahn Strauss jedoch auf Widerstände. Sie formuliert nichts Geringeres als einen Paradigmenwechsel: das geografische Zentrum für die deutschsprachige jüdische Erinnerungskultur soll aus den USA zurück ins ehemalige Land der Täter.

Mit der Schoa und der Flucht der Überlebenden nach Westeuropa, Nord-amerika, Israel und anderswo hat sich die Landkarte der Pflege jüdischer Kultur und Wissenschaft nach 1945 grundlegend geändert. Für viele deutschsprachige jüdische Wissenschaftler, Ärzte und Künstler von Rang und Namen wurden die USA zum neuen Kristallisationspunkt ihres Wirkens und ihrer Netzwerke. Dort gründeten sie Gemeinden, pflegten die Spuren ihrer deutschen Herkunft. Bei vielen Juden in den USA herrscht nach der Schoa die Überzeugung vor, dass es kein Zurück nach Deutschland geben kann. Die Mitnahme und Archivierung der eigenen Zeugnisse und Dokumente, kurz, der eigenen Geschichte, ist da nur konsequent: Keine jüdische Geschichtsschreibung dort, wo die Geschichte ausgelöscht wurde!

Dass der Nachlass der in der Schoa ermordeten Juden nicht am Tatort verbleiben und nicht im ehemaligen Land der Täter archiviert werden soll, war auch die Überzeugung des Rabbiners Leo Baeck. Ab 1933 war er Präsident der Reichsvertretung der Deutschen Juden. Ab 1939 musste er, als dienstverpflichteter Vorsitzender der Reichsvereinigung der in Deutschland verbliebenen Juden, ihrer Deportation zusehen, bis er 1943 selbst nach Theresienstadt gebracht wurde, wo er die Schoa überlebte. Erst dann emigrierte Baeck nach London, wo er 1947 das «Institut zur Erforschung der Geschichte des Judentums in Deutschland seit der Aufklärung» gründete.


«In erster Linie nicht jüdische, sondern deutsche Geschichte»

Das New Yorker LBI ist Keimzelle des 1955 in Jerusalem gegründeten Leo-Baeck-Instituts mit Zweigstelle in London sowie dem Hauptarchiv und der Bibliothek in New York. In den neuen Zentren des Judentums, den USA und Israel, sollten fortan die Lebenszeugnisse, Dokumente, Manuskripte, Werke großer Jüdinnen und Juden des deutschen Sprachraums verwahrt werden. Carol Kahn Strauss stellt das jetzt in Frage: «Wo anders als an den Orten des Geschehens sollen die Spuren der Geschichte auf Dauer gesammelt, aufbereitet und den Nachgeborenen vor Augen geführt werden?» Sie will eine weitere und vielleicht die wichtigste Zweigstelle der Leo-Baeck-Institute zur Dokumentation und Erforschung der Kultur und Geschichte der deutschsprachigen Juden nach Berlin bringen.

Auf einer Veranstaltung an der Technischen Universität Dortmund Anfang November wird Kahn Strauss als eine Frau mit «ausgezeichneten Verbindungen zu einflussreichen Persönlichkeiten in den USA und in Europa» vorgestellt. Ihr Arbeitsplatz in Manhattan ist ein kommunikativer Knotenpunkt im Netzwerk von Menschen, die in Wissenschaft, Kunst und Kultur Bedeutung haben. Die LBI-Direktorin knüpft Verbindungen zu denen, die bei Namen wie Buber, Born, Einstein, Freud, Kafka, Marx, Schönberg oder Hunderten anderer deutschsprachiger Juden aufhorchen.

Juden? Kahn Strauss denkt anders. Sie meint, dass das Archivmaterial im LBI in erster Linie nicht jüdische, sondern deutsche Geschichte sei. Die Mehrzahl der Naturwissenschaftler, Mediziner, Künstler, Politiker lebte assimiliert in ihrer deutschsprachigen Umgebung, so die New Yorkerin. Fast alle arbeiteten mit nichtjüdischen Kollegen, Vorgängern und Nachfolgern zusammen. Längst nicht alle besuchten regelmäßig Synagogen. Kahn Strauss lässt durchblicken, wer oder was im Alltag des neuen Jahrhunderts im Geiste Leo Baecks einer Ehrung und Erinnerung wert sein kann: Zwei Tage später wird sie in Berlin dabei sein, wenn der Zentralrat der Juden in Deutschland den Präsidenten des Deutschen Fußballbundes (DFB) Theo Zwanziger mit dem Leo-Baeck-Preis auszeichnet. Und in Kürze vergibt Ex-US-Außenminister Henry Kissinger in New York die Leo-Baeck-Medaille an den deutschen Ex-Außenminister Joschka Fischer.

Bei ihrem Gastvortrag in Dortmund unterscheidet Carol Kahn Strauss, deren Eltern vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aus Deutschland nach New York geflohen waren, zwischen den milden Familienerinnerungen der Eltern an Dortmund, wo Vater Alfred Kahn als Rechtsanwalt und Landgerichtsdirektor zu großem Ansehen kam, und den Schrecken der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten, vor denen sie geflohen sind. Vor diesem persönlichen Hintergrund, aber auch angesichts des sprunghaften Wachstums der jüdischen Gemeinden in Deutschland durch die Integration russisch-jüdischer Zuwanderer, ist es für Carol Kahn Strauss nicht mehr undenkbar, die Dokumente und Archivalien der deutschsprachigen Juden jetzt zurückzubringen.

Ihre Argumente: Erstens, diese Dokumente sind fast ausnahmslos in deutscher Sprache verfasst und Teil der deutschen Geschichte. Zweitens, die Sammlung umfasst keineswegs nur die Zeit der Schoa, sondern eine durchaus wechselvolle Periode von bis zu 600 Jahren des Miteinanders der Christen und Juden in Mitteleuropa. Drittens werde die Gemeinde deutschsprachiger Juden in den USA immer kleiner und habe mehr und mehr Probleme, finanzielle Förderungen für die Erinnerungsarbeit einzusammeln.


LBI-Vorstand: «Dokumente sind Teil der US-Kulturgeschichte»

Mit dem Jüdischen Museum in Berlin ist für Kahn Strauss bereits ein finanzkräftiger...


Von Klaus Commer


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«Jüdische Zeitung», Dezember 2009