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| Foto: Shani Bar-on |
Mein Großvater, der Schriftsteller Erwin Rennert, wurde 1926 in Wien geboren und überlebte den Holocaust als jugendlicher Flüchtling in den USA. Doch seine Eltern sowie auch die meisten Verwandten in der Bukowina waren nicht so glücklich und wurden in der Schoa ermordet. Die Erzählungen über die ehemals so schöne jüdische Bukowina waren aber trotz Holocaust, Eisernem Vorhang und Kommunismus nie verstummt. Und so ist es wohl nicht verwunderlich, dass ich selbst auf die Suche gehen wollte. Was suchte ich? Waren es die Gräber meiner Familie? Waren es Menschen, die meine Vorfahren gekannt hatten oder von Ihnen gehört hatten und mir von Ihnen erzählen konnten? Vage waren die Überlegungen und Hoffnungen, die mich in das Land der verfallenen Synagogen und verwachsenen Friedhöfe führte.
Czernowitz. Die Hauptstadt der Bukowina liegt im nördlichen Landesteil, der heute Teil der Ukraine ist. Anlässlich des 600. Jubiläums der Stadt wurde Czernowitz letztes Jahr vollkommen renoviert und herausgeputzt. Straßenzüge wurden rundum erneuert, historische Plätze wurden restauriert und fast alle Fassaden neu gestrichen. Wenn man nach einer beschwerlichen Reise in Czernowitz ankommt, fühlt man die frischen Impulse sofort. Wenn man spazieren geht, könnte man fast glauben, man wandelte durch Wien oder Prag. Das Zentrum der Stadt besteht praktisch nur aus alten Gründerzeitgebäuden. Man könnte fast glauben, in ein altes Schwarzweißfoto des jüdischen Czernowitz hineingestiegen zu sein und irgendwer habe alle Häuser bunt angemalt.
Czernowitz war einst Stadt vieler Volksgruppen, Sprachen und Kulturen. Ukrainer, Rumänen, Deutsche, Polen, Roma, Huzulen, Armenier und Juden lebten hier größtenteils friedlich neben- und miteinander. Verglichen mit anderen Teilen Europas war die Bukowina ein relativ liberales, fortschrittliches und aufstrebendes Kronland der österreichischen Monarchie. In Czernowitz machte die jüdische Bevölkerung die Mehrheit aus. Die Stadt hatte schon sehr früh einen jüdischen Bürgermeister.
Die Bukowina im Allgemeinen und Czernowitz im Speziellen verfügten über eine ganz besondere Anziehungskraft. Zu Zeiten der Donau-Monarchie kamen Juden aus allen Winkeln des Vielvölkerstaates und Osteuropas nach Czernowitz. Es hatte sich herumgesprochen, dass die Bukowina ein guter Ort für Juden war. Jüdische Schulen, jüdische Parteien und jüdische Zeitungen machten sie zu einem bedeutenden Mikrokosmos jüdischer Emanzipation in Europa. Die vielen um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert errichteten Gebäude zeigen, welcher Wohlstand hier erwirtschaftet wurde.
Die jüdische Epoche war zweifellos die Blütezeit dieser Region. Es existierte eine Vielzahl von Wiener Caféhäusern und es wird berichtet, dass manche von ihnen bis zu hundert verschiedene Tageszeitungen aus ganz Europa aufliegen hatten. Der imposante Bahnhof am Fuße der auf Hügeln gebauten Stadt vernetzte Czernowitz mit weiten Teilen Europas. Diese, wie Joseph Roth schrieb, «östlichste Garnisonstadt der K&K Monarchie» war nicht irgendeine vergessene Stadt an der Peripherie der ehemaligen Sowjetunion. Nein, etliche Staaten unterhielten hier Konsulate.
Ein ganz besonderes Flair hat sich in den alten Häusern bewahrt, deren Jugendstilfassaden wie stumme Zeugen auf uns herabblicken. Denn auch wenn im Zentrum die Häuser aus dieser Zeit fast allesamt noch stehen, sind die Menschen, die in ihnen heute wohnen, ganz andere. Spricht man mit ihnen, hat man nicht das Gefühl, dass heute jemand wissen will, dass ihre Stadt ihre Schönheit der ehemals so großen jüdischen Bevölkerung zu verdanken hat. Als ich einen alten Antiquitätenhändler nach der nahe gelegenen jüdischen Schule frage, wirft mich der zuvor freundlich blinzelnde Greis fast aus dem Geschäft. In den Augenwinkeln sehe ich, dass er selbst verstaubte Menoras zum Verkauf anbietet. Jüdische Verlassenschaften und Raubgut gibt es in der Bukowina zuhauf.
Von vormals über siebzig Synagogen in Czernowitz wird nur mehr eine regelmäßig als Bethaus genützt. Alle anderen wurden entweder zerstört oder, in den meisten Fällen, zweckentfremdet. Der Große Tempel von Czernowitz wurde architektonisch der Synagoge in der Oranienburgerstraße in Berlin nachempfunden. Die Kuppel wurde 1941 von den Nazis und rumänischen Faschisten niedergebrannt; unter kommunistischer Herrschaft wurde der Tempel zum Kino umfunktioniert. Um Einlass zu bekommen, musste ich eine Karte für Harry Potter auf Russisch kaufen. Auch die große, weiße Synagoge in der ehemaligen Synagogengasse sieht traurig aus. Sie beherbergt heute eine Holzfabrik. Pin-up-Kalender mit nackten Frauen säumen die Wände. Am augenfälligsten wird der unsentimentale Umgang mit der Geschichte vielleicht angesichts der großen Synagoge in der Nähe des Justizpalastes: Hier hat sich ein ukrainischer Boxclub eingerichtet. Statt Tora-Schrein findet man einen Boxring und vom Balkon der Frauen kann man sich die blutigen Kämpfe ansehen.
Von Emil Rennert