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Motive und Formen der Erinnerung
Zum Umgang mit dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar
Wenn der Literatur-Nobelpreisträger Imre Kértesz am 29. Januar in der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages im Plenarsaal spricht und anschließend zusammen mit Bundestagspräsident Norbert Lammert mit Jugendlichen diskutiert, dann ist diese zentrale Gedenkveranstaltung gleichsam der Schlusspunkt der bundesweiten Aktionen zum Internationalen Holocaust-Gedenktag. Imre Kértesz wurde 1944 wegen seiner jüdischen Abstammung erst nach Auschwitz, dann in das Konzentrationslager Buchenwald und in dessen Außenlager Tröglitz/Rehmsdorf bei Zeitz verschleppt. Seine Erfahrungen dort hat Kértesz in seinem autobiografischen «Roman eines Schicksallosen» beschrieben; sein literarisches Lebenswerk ist exemplarisch für die Auseinandersetzung mit der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. «Völkerverständigung durch Aufklärung, das ist es, was wir Imre Kertész verdanken», befand die Präsidentin des Goethe-Instituts, Jutta Limbach, dazu.
Der Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 wurde 1996 auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum offiziellen deutschen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt und soll als «nachdenkliche Stunde inmitten der Alltagsarbeit» begangen werden 2005 machten die Vereinten Nationen diesen Tag auf Initiative von Australien, Israel, Kanada, Russland und den USA zum weltweiten Holocaust Memorial Day. In Deutschland wird der Tag der Befreiung auf sehr vielfältige Weise gestaltet: In Köln ist er beispielsweise auch Jugend- und Schüler-Gedenktag unter dem Motto «Erinnern - eine Brücke in die Zukunft», und in der Maas-Rhein-Region organisiert seit 1997t ein breites Bündnis von Erwachsenenbildungsorganisationen, kirchlichen Einrichtungen und Opferverbänden eine grenzübergreifende Veranstaltung. Dieses Jahr treffen dort unter dem Titel «Damals verfolgt - heute vergessen» Schüler und Pädagogen im generationenüberschreitenden Dialog mit Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zusammen. Andernorts gibt es Konzerte und Ausstellungen, in Berlin etwa ein Benefizkonzert zugunsten von AMCHA und Aktion Sühnezeichen Friedensdienst (ASF) im Berliner Dom oder die Eröffnung der Ausstellung «Wir waren Nachbarn - 102 Biografien jüdischer Zeitzeugen» im Schöneberger Rathaus.
Stille Helden
Auch eindrückliche Beispiele von Zivilcourage stehen auf dem Programm, etwa Franz Jägerstätters Verweigerung gegenüber Nationalsozialismus und Hitlers Krieg. «Denn Gott müssen wir mehr gehorchen als den Menschen», lautete der simple Grundsatz des Bauern Franz Jägerstätter aus dem österreichischen St. Radegund. Jägerstätter ist eine der herausragenden Gestalten christlich-katholischer Verweigerung gegen den Nationalsozialismus, aber doch so gut wie unbekannt, und eine Seligsprechung liegt offenbar noch fern. Als Einziger in seinem Dorf stimmte Jägerstätter 1938 gegen den «Anschluss» Österreichs an das Deutsche Reich; als einer von ganz wenigen Katholiken verweigerte er die «Dienstpflicht» in der Wehrmacht - im klaren Wissen um die Konsequenzen. Jägerstätter lehnte jede Unterstützung der NSDAP ab, auch das Mitkämpfen in dem von Deutschland begonnenen Krieg. Im März 1943 verhaftet, führte sein Weg bis vor das Reichskriegsgericht in Berlin. Am 9. August 1943 wurde der Vater dreier kleiner Töchter in Brandenburg/Havel enthauptet. Erst 1997 hob das Berliner Landgericht das Todesurteil auf. Jägerstätters Handeln ruft bis heute widersprüchliche Reaktionen hervor: Bewunderung für seine Gewissensentscheidung, Vorbehalte gegenüber seiner politischen Einstellung, auch Unverständnis hinsichtlich seiner vermeintlichen Rücksichtslosigkeit gegenüber Frau und Kindern. Ein «Gedenk-Konzert» am 28. Januar im Mainzer Dom zeichnet das Kämpfen und Leiden Franz Jägerstätters nach. Die Ausstellung im Dom und ein Gesprächsabend zum Film «Der Fall Jägerstätter» bieten auf Initiative der «AG Gedenktag 27. Januar» des Bischöflichen Ordinariats Mainz und des Katholischen Dekanats Mainz-Stadt weitere Gelegenheiten zur thematischen Auseinandersetzung mit den «stillen Helden».
Erinnerungsarbeit in Göttingen...
Ein Beispiel für die dezentrale Erinnerungsarbeit sind etwa auch Veranstaltungen in Göttingen. So findet am 26. Januar im Zentralen Hörsaalgebäudes der Universität Göttingen ein Vortrag von Professor Omer Bartov (Brown University, USA) unter dem Titel «Der Untergang von Buczacz. Die Zerstörung einer multi-ethnischen Stadt in Galizien» statt. Während der Verlauf der Schoa in Ostgalizien in groben Umrissen bekannt ist, beschäftigt sich Bartov auf mikrohistorischer und mikrosoziologischer Ebene mit der Dynamik der Prozesse, die eine durch Kontakte und Zusammenarbeit, oder zumindest friedliches Nebeneinanderleben über Jahrhunderte hinweg geprägte Gemeinde in eine Gemeinde umwandelten, in der Genozide und Vertreibungen an die Tagesordnung gesetzt wurden. Bartov befasst sich hauptsächlich mit den kulturellen Kontexten, Ursachen, der Genese, der Durchführung und den Folgen der Genozide und anderer Verbrechen gegen die Menschheit in modernen Gesellschaften: Fragen, die nach wie vor aktuell sind. Das Göttinger Bündnis zum «Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus» veranstaltet zudem am 27. Januar 2007 um 20 Uhr im Alten Rathaus eine szenische Lesung von Texten der israelischen Autorin Lizzie Doron. In dem Erzählband «Warum bist Du nicht vor dem Krieg gekommen?» schildert Lizzie Doron (Jahrgang 1953) 20 Episoden aus dem Leben ihrer Mutter, die als Holocaust-Überlebende nach Israel auswanderte. Voller Wut und Trauer sind diese Erinnerungen einer Tochter an ihre Mutter, eine eigenwillige, kämpferische Frau, die mit viel Einfallsreichtum im jungen Israel ein neues Leben aufzubauen versucht - «trotz allem». Für die musikalische Umrahmung der Lesung von Schauspielern des Deutschen Theaters Göttingen sorgt das Gold-Quartett der Jüdischen Gemeinde Göttingen.
...und Theaterball in Regensburg
«Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist», mag einen mit Blick auf den dies-jährigen Theaterball in Regensburg in den Sinn kommen. Der 27. Januar fällt nun mal auf einen Faschingssamstag, und so lädt Intendant Ernö Weil zu einem der größten gesellschaftlichen Ereignissen der Oberpfalz, zu «einer langen üppigen Ballnacht, bei der nach Herzenslust getanzt und geschlemmt werden darf.» Schirmherr ist Oberbürgermeister Hans Schaudinger, Sponsor die Regensburger Niederlassung von Mercedes Benz. Rückfragen wegen dieser eigentümlichen Terminwahl weist Intendant Weil als «Anwürfe» entschieden zurück: «Das Theater Regensburg und ich persönlich sehen uns in keinerlei Erklärungsnot. Das Theater gedachte schon des Holocaust, lange bevor 1996 der 27. Januar zu dessen Gedenken gegen das Vergessen festgelegt worden ist. (...) Das Theater gedenkt, mahnt, erinnert und hält wach durch seine Arbeit, einen Spielplan. Das Theater Regensburg und mein persönliches Engagement haben jüdische Schicksale und Literatur immer wieder als Schwerpunkt in den Spielplänen vrankert, sei es zuletzt zum Beispiel mit «Freunde, das Leben ist lebenswert», «Mein Kampf», «Anne Frank» etc. ... Dass das Theater Regensburg als eine der ersten Institutionen Zwangsarbeiter des Dritten Reichs empfangen und persönlich zu öffentlichen Gesprächen eingeladen hat, sei ebenso am Rande bemerkt, wie eine Gedenkfeier für Simon Oberdorfer, den Erbauer des Velodroms, das wir heute als Spielstätte nutzen. (...) Ihre Sorge, dass mit dem Gedenken an den Holocaust und dessen Opfer nicht würdig umgegangen wird, sollte dann nicht in eine Anfrage an das Theater Regensburg münden, sondern ein Aufschrei über eine bundesweite Programmatik, angefangen von Kino, Event und Tanzveranstaltung bis hin zur Fernsehprogrammgestaltung.»
Mangelndes öffentliches Bewusstsein?
Dass der Regensburger Intendant die unglückliche Terminwahl mit seinem anderweitigen Engagement aufrechnet, ist eine Sache, dass der Gedenktag selbst womöglich kaum in den Köpfen der breiten Bevölkerung verankert ist, eine andere. Die Regensburger CSU-Fraktion bedauert es allerdings sehr, dass «der Theaterball mit dem Holocaust-Gedenktag zusammen trifft. Uns ist bewusst, welchen Stellenwert das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus einnimmt, und wie wichtig dieses Erinnern gerade auch für die Gestaltung der Zukunft unserer Gesellschaft ist. Im Einklang mit der Jüdischen Gemeinde in Regensburg können wir aber auch feststellen, dass der Holocaust-Gedenktag immer in angemessener Weise von der Stadt Regensburg begangenen worden ist. Die Stadt bekam dafür auch die Anerkennung der Jüdischen Gemeinde.»
Hartmut Bomhoff
Information:
Margit Kunc,
die Stellvertretende Fraktionsvorsitzende in der Regensburger Stadtratsfraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN, kommt zu einem Schluss, der über Regenburg hinaus Gültigkeit hat: «Was uns sehr stört, ist die Tatsache, dass auch fast 11 Jahre nach Erklärung des Holocaustgedenktages zum nationalen Gedenktag, in kaum einem deutschen Kalender ein Hinweis darauf zu finden ist. Dies wäre ein kleiner, aber wirksamer Beitrag, um eine breite Bevölkerung immer wieder und dauerhaft an den Holocaust zu erinnern.»