Aufklärung zwecklos?

Zu «Die Anderen sind schuld» und «Ein promovierter Selbstgerechter», Leserforum JZ Dezember 2009


Sicher hat der «Historische Revisionismus» nicht erst mit der «JZ»-Ausgabe vom Dezember 2009 eingesetzt. Nicht desto trotz enthalten die erschienenen Leserbriefe von Professor Rolf Verleger und von Abraham Melzer - als Reaktion auf meinen Text vom November - eine paar Passagen, die unmöglich unkommentiert bleiben können. Dabei nehme ich auch das Risiko in Kauf, es am Ende mit Professor Wolfgang Benz (ZfA Berlin) halten zu müssen, der in seinem Artikel über Verschwörungstheorien in der neuesten «David»-Ausgabe schreibt: «Aufklärung dagegen ist in der Regel zwecklos, weil das Konstrukt ins Weltbild derer passt, die daran glauben wollen.»
Professor Rolf Verleger hat ein Problem damit, dass ich seine Historiographie erst im Jahre 1948 beginnen sehe. Nun macht er eine offensichtliche Kehrtwende und schreibt: «Selbstverständlich hat die Geschichte Palästinas nicht 1948 angefangen.» In  der Oktober-Ausgabe schrieb er immerhin «Solche Konflikte sind beispielsweise, dass der jüdische Staat 1). 700,000 Palästinenser 1948 aus Israel vertrieb, 2.) ihren Grundbesitz und beweglichen Besitz ohne Entschädigung an sich riss». Wenn Nummer 1 und 2 seiner Konflikt-Argumente mit 1948 beginnen - und Nummer 3 dann mit 1967 -, scheint es wohl legitim fragen zu dürfen, ob er einen zusätzlichen historischen Kontext für die Geschehnisse von Mai 1948 braucht.
Rolf Verleger plädiert - und das ist sein gutes Recht - für ein moralisches (und daher wohl unpolitisches) Judentum. Für einen Moralphilosophen mag das stimmig sein, und «Wishful Thinking» hat in der Tat etwas Positives. Gleichwohl wissen wir, dass Feindschaft zwischen einige Juden und einige Muslimen (nicht allen!) schon viel, viel weiter zurückdatiert - man kann und sollte das nicht ignorieren oder als irrelevant abtun. In anderen Fragen ist er scheinbar weniger sattelfest, zum Beispiel wenn es um das unkomplizierte Kooperieren von jüdischen Gemeinden in Lübeck und Schleswig-Holstein ging und er - als Vorstandsmitglied - doch eigentlich Entscheidungskompetenz zeigen müsste.
Herr Melzer ist Herausgeber einer Zeitschrift namens «Der Semit». Jenes Exemplar, das ich davon einst in Händen hielt, wäre wohl eher durchgegangen als «Der Anti-Semit». Rolf Verleger sitzt übrigens im Beirat des «Semit» (Siehe Seite 3 «Der Semit» 5/2009), und beide kooperieren prächtig. Geht es um Propaganda, um persönliche Abrechnungen? Auszuzeichnen scheint sich die Webseite des «Semit» gerade durch seinen obsessiven, beinahe psychopathischen Kreuzzug gegen Henryk M. Broder - nun bleibt spannend, wer noch so alles auf der Anklagebank Platz nehmen darf.
Doch zurück zur Geschichte und den eigentlichen Streitpunkten: Herr Melzer liebt Statistik, auch wenn er es mit der Genauigkeit im Detail nicht unbedingt so hat. Warum ich eine Zäsur im Jahre 1922 setze, beschäftigt ihn sehr. Die Antwort ist mehr als einfach: Zu diesem Zeitpunkt begann die Britische Mandatsmacht bessere Statistiken zu führen als seinerzeit die Osmanen. Viele Juden wurden während des Ersten Krieges von den Osmanen vertrieben, aber von den früher 1920er Jahren an kann man ein relativ konkretes Bild gewinnen. Und das versucht Melzer dann auch, obwohl er schreibt: «Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten in Palästina mehr als eine halbe Million Palästinenser und nur zehn Prozent von ihnen waren Juden.»
Welchen Quellen gibt er eigentlich den Vorrang? Und was meint Herr Melzer mit «Palästina»? Schließt es für ihn auch Transjordanien ein, welches 1922 vom restlichen Mandatsgebiet abgetrennt wurde? Wie auch immer: nach der Melzerschen Version bildeten die Juden im Jahre 1922 rund 11,1 Prozent der Bevölkerung «Palästinas», das heißt, unter 668.258 Arabern lebten 83.790 Juden. (Wie viele von diesen Araber waren eigentlich Muslime, und wie viele Christen?) Und weiter: Im Jahre 1931 lebten dann 858.708 Araber und 174.606 Juden im Land, der jüdische Anteil wäre nun bei 16,9 Prozent gewesen.
Fünf Jahre später, im Jahre 1936, lebten 982.614 Araber und 384.078 Juden in Palästina, der jüdische Bevölkerungsanteil war demnach auf 28,1 Prozent geklettert. Melzer kommentiert: «Die Zahl der Juden hat sich mehr als verdoppelt, während die der Araber gerade eben um 15 Prozent stieg.» Hier rechnet er nur den Anstieg seit 1931, aber nicht seit 1922! Nimmt man auch hier die Spanne seit 1922, sind es gleichfalls fast 50 Prozent Zuwachs auf der arabischen Seite. Schließlich kommt Herr Melzer auf das Jahre 1945 - das Ende des Zweiten Weltkrieges. Hier führt er 1.255.708 arabische und 554.329 jüdische Bewohner auf und schlussfolgert: «Der Anteil der Juden stieg auf 30,6 Prozent». Anhand der letzten Zahlen will er den Beweis führen für jeden, der «hier die Augen nicht verschließt», dass «diese Verdreifachung der jüdischen Bevölkerung in den Jahren der Naziherrschaft eben mit dieser Schreckenherrschaft etwas zu tun hatte...»
Aber just an diesem Punkt wird es sehr, sehr eng mit den Melzerschen Argumenten. Denn in den Jahren des Krieges steigt der prozentuale Anteil der jüdischen Bevölkerung gerade mal von 28,1 Prozent auf 30,6 Prozent nicht zuletzt bedingt durch die strategisch bedingte, eiskalte britische Weigerung, den um ihr Leben kämpfenden europäisch-jüdischen Flüchtlingen ein Asyl zu bieten. Und auf der anderen Seite? Von 1922 bis 1945 hat sich die arabische Bevölkerung fast verdoppelt. Von wo stammten diese neuen arabischen Bewohner? Sicherlich hatten die politischen Entwicklungen in Europa nicht den größten Einfluss. Könnte es sein, dass die neuen arabischen Bewohner in beträchtlichem Maße ebenfalls Zuwanderer waren, weil die ökonomischen Verhältnisse sich in Palästina einfach enorm verbessert hatten? Und wenn ja - welchen originären Anspruch auf einen «historischen palästinensischen Staat» konnten sie nun geltend machen?
Richtig sarkastisch wird es beim Unabhängigkeitskrieg 1948. Melzer will ihn nicht als «Bürgerkrieg» gelten lassen, weil «ein Drittel der Bürger die anderen zwei Drittel vertrieben» habe. Vertrieben von wo? Aus einem Teil des Landes - vielleicht einem Drittel sogar - aber nicht aus Ramallah, nicht aus Jenin, nicht aus Jericho, nicht aus Rafah und Gaza, und 1948 auch nicht aus Jerusalem. Ganz im Gegenteil. Wie wir alle wissen, haben die Juden ihren Teil der Altstadt verloren, nach erbittertem und am Ende erfolglosem Kampf. Araber blieben in Jaffo, Haifa, Akko, während Juden - wie ich erwähnt habe - Territorium südlich vom Jerusalem oder bei Kallia verloren.
In Melzers Darstellung liest es sich so, als ob die Juden keine Opfer hatten und die arabischen Palästinenser nur wehrlose Unschuldige waren. Ganz so, als ob keine Juden niedergestochen oder erschossen worden wären und die arabische Seite keine Unterstützung von der Arabischen Legion, der irakischen und ägyptischen Armee und anderen Truppen aus Nachbarländern erhalten hätten. Die Vereinten Nationen hatten im Jahre 1947 einen Teilungsplan erarbeitet, wonach jede Bevölkerungsgruppe jeweils nur einen bestimmten Teil des Territoriums erhalten sollte. Die Juden haben den ihren erkämpfen müssen, und sie bezahlten dies mit dem Verlust von einem Prozent der damaligen Yishuv-Bevölkerung. Dass die Palästinenser im Jahre 1948 überhaupt nichts bekommen haben, nur weil die Ägypter, Jordanier und Syrier ihren Teil besetzt haben, erwähnt Herr Melzer nicht. Stattdessen gibt er die ganze historische Schuld an «die Juden» ab. Das ist reichlich selektiv, es ist im Prinzip «Historical Revisionism».
Aber den eigentlichen Vogel schießt Herr Melzer schließlich mit seiner «Neukonstruktion» des jüdischen Volkes ab. Der geneigte Leser erfährt mit Staunen, dass «die echten und wahren Juden» jene sind, die nach dem Jahr 70 n.d.Z. im Land geblieben sind, zum Christentum konvertierten und später noch zum Islam. Woraus Herr Melzer dann schließt: «Die wahren Juden sind also die Palästinenser»!!! Masal Tow! Wenn das so ist, ist Herr Melzer genau so wenig ein Jude wie ich! Aber die Rabbiner in Mesopotamien, die den babylonischen Talmud zusammengefasst haben - zählen die nun zu den «echten» und «wahren» Juden oder nicht? Und was ist mit den Juden, die in Nordafrika oder im Jemen lebten? Oder in Sepharad? Haben sie auch keinen Anspruch auf ein Heimatland? Wie viele Israelis sind gekommen, weil sie gerade aus arabisch-muslimischen Ländern vertrieben wurden? Haben die auch keine Rechte?
Vielleicht ist Herr Melzer mit diesen akrobatischen Konstruktionen glücklich und im Frieden mit sich selbst. Wenn die muslimischen Palästinenser heute wirklich «die echten und wahren Juden» sind, dann haben sie viel Rückenwind: Wenn auch unbewusst, können sie sich der Unterstützung von zahllosen Judenhassern und Antizionisten sicher sein, einschließlich der von Herrn Melzer und seines Editorial Teams, und nicht zu vergessen, natürlich auch der von einigen militanten muslimischen Staaten und der Vereinten Nationen. Komisch nur, dass die «neuen Juden» noch nicht begriffen haben, dass sie eigentlich die «echten» sind, und es offenbar noch immer brauchen, gegen die «anderen» Juden, die sich dummerweise weiterhin als Juden ausgeben, brutal anzukämpfen. Haben sie denn nie von dem «Palästinensischen Talmud» gehört?
Dankbar bin ich aber für den ganz persönlichen Ratschlag im Leserbrief von Abraham Melzer. Als «promovierter Rabbiner» sollte ich mich lieber mit jüdischer Ethik (als mit Geschichte) beschäftigen. Nun, dem komme ich gern nach, und zitiere für meinen Kritiker auch umgehend Talmud Berachot 58a, basierend auf einer Interpretation von Exodus 22:1 (auch in Mishnah Sanhedrin) - eine Stelle, in der es um Blutschuld geht, wenn man angegriffen wird. Die Rabbiner sagen dazu: «Wenn jemand kommt um dich zu töten, stehe auf und töte ihn zuerst.» Das ist, Herr Melzer, auch ein Teil jüdischer Ethik - ob Sie das mögen oder nicht.

Walter Rothschild, Berlin

«Jüdische Zeitung», Januar 2010