Auf die Bösen ist Verlass

Zu «Gerechtigkeit soll an ihm haften», JZ Dezember 2009


Es ist mir unbegreiflich, wie dieser Mensch 65 Jahre in Ruhe und Frieden leben konnte, ohne dass ihn die grausamen Geschehnisse im Lager verfolgten. Man sollte doch annehmen, jeder Mensch hat ein Gewissen. Aber wie sagte schon William Faulkner: «Auf die bösen Menschen ist Verlass, sie ändern sich wenigstens nicht». Warum Israel ihn in die Freiheit entlassen hat, letztendlich, obwohl die Anklage sicher nicht ohne Beweise geführt wurde, bleibt mir ein Rätsel. Dass dieser Mensch noch einen Verteidiger findet, der ihn nach eigenen Aussagen schon länger kennt, macht mich fassungslos. In einer bekannten Sonntagszeitung erschien ein Bericht von Michel Friedman, der als Prozess-Beobachter am ersten Prozess-Tag in Deutschland nur einige Meter von Demjanjuk entfernt saß. Es muss sehr schmerzlich für Michel Friedman gewesen sein, der durch die Schoa selbst 48 Angehörige verloren hat. Ihm sind nach eigenen Angaben die Tränen gekommen.
Da lässt sich dann das angeblich Kranke mit der Bahre in den Gerichtssaal fahren. Obwohl man in der amerikanischen Presse ganz andere Bilder von ihm sah. Will er bei den Richtern etwa Mitleid erwecken? Wo war sein Mitleid, als es um die Ermordung Tausender ging? Was ich zutiefst bedauere, ist, dass dieser Mensch erst jetzt in Deutschland angeklagt wird, wo ihm auf Grund seines hohen Alters ja nicht mehr viel passieren kann. Rache liegt den Juden fern, aber Gerechtigkeit sollte hier für die Überlebenden und ihre Nachkommen oberstes Gebot sein und dies sind wir auch sechs Millionen ermordeten jüdischen Mitbürgern schuldig. Der Verteidiger sagt über Demjanjuk, sein Mandant sei ja in Israel schon mit sieben Jahren Haft bestraft worden. Sieben Jahre für eventuell fast 28.000 Menschen? Das wäre für nur einen Mord schon eine lächerlich geringe Strafe. Es bleibt also dem Einzigen vorbehalten, Gerechtigkeit zu üben.

Fanny Henning, Solingen

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2010