Innenaufnahme

Mehr als nur 65 Jahre nach «Auschwitz»: Das polnische Städtchen Oświęcim setzt sich heute intensiv mit seiner 500-jährigen jüdischen Vergangenheit auseinander

 

Foto: Dirk Bleyer

Dummheit und Hass haben zwei grausame Systeme im 20. Jahrhundert kreiert, den Hitlerismus und den Stalinismus», sagt Eugeniusz Dacziński. Auf seinem Wohnzimmertisch liegt eine Bibel mit goldverziertem Einband. Auf seiner Stirn kreuzen sich eine senkrechte und eine waagerechte Furche, wie mit dem Lineal gezogen. An seinem Hinterkopf trotzt ein grauer Flaum dem Alter. Dacziński ist einer von einer Handvoll Menschen in Oświęcim, die schon vor dem Krieg hier gelebt haben. Unter ihnen ist kein einziger Jude. «Ich verstehe nicht, wie es möglich war, dass so viele Menschen starben», sagt Eugeniusz Dacziński. «Sogar als Zeuge ist es mir völlig unverständlich».
Wenn sich die Befreiung des deutschen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau im polnischen Oświęcim am 27. Januar zum 65. Mal jährt, ist nicht nur diejenige des Lagers, sondern auch die der Stadt gemeint. In Deutschland, aber auch in Polen wissen viele Menschen nicht einmal, dass es diese Stadt überhaupt gibt. «Auschwitz» ist das ehemalige Konzentrationslager, «Oświęcim» die Stadt. Sowohl in Deutschland als auch in Polen wird beides häufig gleichgesetzt. Dabei beginnt die Geschichte von Oświęcim schon lange, bevor die Nazis «Auschwitz» daraus machten. Die Geschichte von Oświęcim ist zur Hälfte eine jüdische Geschichte. Rund 8.000 jüdische Einwohner, mehr als die Hälfte der damaligen Bevölkerung, wurden 1941 deportiert. Sie wurden vor den Toren ihrer eigenen Stadt, in Auschwitz, ermordet. Heute ist die Erinnerung an sie so lebendig wie nie zuvor.
«Auf dieser schmalen Straße von der Kirche hier - dort kosteten Schuhe zwei Złoty, drei Złoty», bemüht Stefan Solarczyk seine spärlichen Deutschkenntnisse. Solarczyk schiebt seinen alten Körper mühsam mit Hilfe eines Stocks voran. Doch an das Leben vor dem Krieg erinnert sich der alte Mann genau. Der Vater seines jüdischen Klassenkameraden Frank bot die schönsten Schuhe an: «Solche für 20, 22, 40 Złoty." Die Plakate «Kauft nicht beim Juden» hat er als Kind in Oświęcim gesehen. «Aber jeder hat bei den Juden trotzdem gekauft». Noch am Morgen des 27. Januar 1945 sei er zur Arbeit in den deutschen Steinwerken gegangen, aus Angst. Solarczyk lacht.


«Die Stadt hat ihre eigene Geschichte verschlafen»

«Oświęcim war kein typisches Schtetl», urteilt der polnische Historiker Artur Szyndler. Das ökonomische und kulturelle Niveau sei sehr hoch gewesen. Rund 800 Jahre alt ist Oświęcim, dessen herzögliches Schloss sich weithin sichtbar über den Fluss Soła erhebt. Die ersten Juden siedelten sich hier vor rund 500 Jahren an. «Es war eine sehr orthodoxe Stadt, wahrscheinlich die letzte chassidische Bastion an der Westgrenze von Galizien», sagt Szynd-ler. Doch Oświęcim war eine Grenzstadt und wurde darum von verschiedenen Kulturen beeinflusst. Nach dem Untergang des Habsburgerreichs 1918 kam die Stadt zum wieder unabhängig gewordenen Polen. Viele Juden betrieben Handel im benachbarten Schlesien. Der Alkoholfabrikant Jakob Haberfeld wurde zum wohlhabendsten Industriellen der Stadt, die auf Jiddisch «Oshpitsin» hieß.
In kommunistischer Zeit interessierte sich niemand für die ermordeten Juden, im Gegenteil: Das polnische Regime verfolgte eine antijüdische Politik. Historische Forschung zu jüdischen Themen war nur eingeschränkt erlaubt. In Oświęcim waren die ehemaligen Häuser der Juden verstaatlicht worden. Hier lebten jetzt die Arbeiter der Chemiewerke. In den 1970er- und 1980er-Jahren, die Einwohnerzahl der Stadt wuchs auf über 30.000, hatten zehntausende polnischer Bewohner keine Vorstellung davon, wie viele Juden tatsächlich in ihrer Stadt gelebt hatten. Denn außer dem jüdischen Friedhof gab es keine sichtbaren Spuren mehr.
Die Historikerin Lucyna Filip arbeitet hinter vergitterten Fenstern: Ihr Büro liegt in Block 24 des ehemaligen «KL Auschwitz», drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Trotz der Gedenkstätte vor Ort waren die Juden von Oświęcim zu einer vagen Erinnerung geworden. Es war in Israel, wo Filip zu Beginn der 1990er-Jahre zufällig von ihnen hörte. «Damals gab es keine Quellen, keine Veröffentlichungen», sagt sie. Auch dank Filips Recherchen weiß man in Oświęcim heute mehr über die jüdischen Einwohner.
Die historisch größte Bedeutung hat die Berek-Joselewicz-Straße, die einstige Puls-ader jüdischen Lebens in der Stadt. Hier grenzt das Straßenpflaster an eine einzige, grasüberwucherte Fläche, die sanft zum Ufer der Soła hin abfällt. Fast alle Häuser wurden in den 1990er-Jahren abgerissen. «Der Grund ist Vernachlässigung», behauptet Hobbyhistoriker  Mirosław Ganobis. «In den Häusern waren auch Läden, die Miete zahlten». Dieses Geld hätte die Stadt seiner Meinung nach für den Erhalt der Gebäude verwenden müssen. «Die Stadt hat leider ihre eigene Geschichte verschlafen», ärgert sich Ganobis. Praktisch von jedem der noch intakten, aber sichtbar vom Verfall bedrohten Bürgerhäuser der Altstadt weiß er, welche jüdische oder christliche Familie es vor dem Krieg bewohnt hat. Für einige Gebäude sei heute «Last Call»: Wenn sie jetzt nicht saniert würden, müsse man sie wegen Baufälligkeit genauso abreißen wie praktisch die gesamte Berek-Joselewicz-Straße.


Vom Teppichgeschäft zum Jüdischen Zentrum

Im Rathaus von Oświęcim kennt man das Problem. Im vergangenen Jahrzehnt habe man eine falsche Politik gemacht, sagt Stadtpräsident Janusz Marszałek. Seine Aufgabe heute sei es, «Investoren zu motivieren». Was an Bestand noch da ist, möchte er erhalten, gleichzeitig will er Oświęcim für Bewohner und Touristen attraktiver und moderner machen. Im neuen Gesicht der Stadt verlieren sich die letzten Spuren der jüdischen Gemeinde: Wo am Ufer der Soła einst die Mikwe, das jüdische Ritualbad, stand, befindet sich heute ein frisch angelegter Parkplatz. In der Berek-Joselewicz-Straße, in der sich einst die «Große Synagoge» erhob, soll der «Soła-Boulevard» entstehen: Ein neues Rathaus mit Hotel und Shoppingcenter.
Zur Erinnerung bleibt das Museum: In der Ethnografischen Sammlung mit Sitz im herzöglichen Schloss wird derzeit eine jüdische Abteilung aufgebaut. «Die Sammlung zeigt Oświęcim vor dem Krieg», sagt Kuratorin Dorota Mleczko. Bei der Ausstellung habe man berücksichtigt, dass die Bevölkerung sowohl polnisch als auch jüdisch gewesen sei, «deshalb die zwei Räume, ein katholischer und ein jüdischer». Der «jüdische Raum» zeigt den Alltag mit auswärts gekauften oder geliehenen Objekten: Ein Schachbrett, eine Nähmaschine, Kultobjekte. Das Fenster des Raumes geht hinaus auf die leere Berek-Joselewicz-Straße.
Wenige Fußminuten weiter steht die Synagoge von Oświęcim. Vielerorts in Polen sind Synagogen verlassen. Aber in der von Oświęcim wird wieder gebetet. Das Gebäude wurde nach dem Krieg als Teppichgeschäft genutzt. Es ist die einzige von zahlreichen Synagogen in der Stadt, die die Deutschen nicht zerstört hatten. «Die Mishnajot-Synagoge war die erste jüdische Angelegenheit, die in Warschau verhandelt wurde», berichtet Dorota Wiewóra. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Bielsko-Biała hat die Rückgabe des Gebäudes erstritten und es an eine Stiftung übergeben. Heute ist die Synagoge dem «Jüdischen Zentrum von Auschwitz» angegliedert, das wiederum zum New Yorker Museum für Jüdische Geschichte gehört. Jüdische Auschwitz-Besucher finden heute in der Synagoge einen Ort der Andacht. In der Ausstellung über die jüdische Gemeinde von Oświęcim finden sie auch eine Spur des jüdischen Lebens.
Die beiden hübsch sanierten, aneinander angrenzenden Gebäude des Jüdischen Zentrums und der Synagoge liegen schräg gegenüber der Pfarrkirche von Oświęcim. Keine hundert Schritte sind es von der Pfarrkirche zur Synagoge. In ihrem lichten Inneren herrscht Stille. «Im Jahr 2000 haben wir Bedenken gehabt, wie die Bewohner von Oświęcim reagieren würden, ob sie nicht in der Synagoge Schaden anrichten würden», erinnert sich Wachmann Roman Sznurowski an die Eröffnung des Jüdischen Zentrums. «Aber bis jetzt sei alles gut gegangen. An dem Gebäude sind auch Überwachungskameras angebracht».


Für ein positiveres Image der Stadt

«Natürlich haben sie ihre Überwachungskameras. Aber wenn sie Angst gehabt hätten, wären sie nicht gekommen», urteilt Manfred Deselaers über die Initiatoren des Jüdischen Zentrums. Der deutsche Theologe hat sein Büro im christlichen «Zentrum für Dialog und Gebet», das   unweit vom «KL Auschwitz» liegt. Deselaers wurde vom «Polnischen Rat der Juden und Christen» als «Mensch der Versöhnung» ausgezeichnet. Wenn jemand erklären kann, warum eine jüdische Institution in Polen Vertrauen brauche, dann er:
Im Jahr 1984 sei unmittelbar am Stammlager Auschwitz der Bau eines Klosters geplant worden. Gegen diese Pläne hätten jüdische Organisationen protestiert, aus Sorge, dass Auschwitz als christlicher Wallfahrtsort vereinnahmt werden würde. Die Angelegenheit hätte eine religiöse Dimension im Umgang mit der Gedenkstätte geschaffen und Auschwitz zum politischen Zankapfel zwischen Christen und Juden werden lassen, erklärt Deselaers. «Aus meiner Dialogperspektive bin ich dankbar, dass es das Jüdische Zentrum gibt», sagt er. Er kennt die Stereotypen in den Köpfen. Vereinfacht gesagt setzten viele Polen Juden generell mit den verhassten Kommunisten der Nachkriegszeit gleich; viele Juden halten Polen für notorische Antisemiten. Deshalb betont der Geistliche: «Dass Polen das Land jüdischen Todes ist, hat nichts mit polnischem Antisemitismus zu tun, sondern mit deutschem.»
Die Idee, durch das Jüdische Zentrum die Erinnerung an das jüdische Leben in Oświęcim lebendig zu halten, scheint aufzugehen. Für die Einwohner von Oświęcim wird es nach und nach «normal», vor Ort eine Synagoge zu haben. Zur Eröffnung der Ausstellung «Neues Leben» kam eine israelische Besuchergruppe nach Oświęcim. «Es gab also wirklich so etwas wie eine erneuerte Verbindung zwischen Menschen, deren Wurzeln in dieser Stadt liegen, und den Menschen, die heute hier leben», freut sich Thomasz Kunczewicz, Direktor des Jüdischen Zentrums.
Jüdisches Leben hat in Oświęcim eine politische Bedeutung; anders als in Krakau, wo es sich vor allem in Folklore und Kitsch ausdrückt. Dialog, Information und Toleranzerziehung bilden den Rahmen für das Programm des Jüdischen Zentrums. Kunczewicz glaubt, dass Oświęcim vom Jüdischen Zentrum profitiert: «Erstmal hilft es, zwischen der Stadt und den ehemaligen Lagern zu unterscheiden. Und es hilft auch, ein positiveres Image der Stadt zu verbreiten.»


«Lebst du da in den Baracken?»

Wie in Deutschland «Auschwitz» für die Stadt in Gebrauch ist, ist es in Polen «Oświęcim» für die ehemaligen Lager. «Wir sind enttäuscht, wütend und so genervt!», kommentieren zwei jugendliche Radfahrer den Spott, den sie sich in Polen oft gefallen lassen müssen. Deutschlehrerin Halina Świderska bekam als Reaktion auf «Oświęcim» als Herkunftsstadt von ihren Schülern erzählt: «Was? Ist da eine Stadt? Lebst du da in den Baracken?»
Nicht deswegen hatten die heute frisch pensionierten Pädagogen Halina und Wisław Świderski mit ihren Schülern einen Film über die jüdische Stadtgeschichte gedreht. Aber die Beschäftigung mit den jüdischen Biografien habe ihren Schülern ein neues Selbstbewusstsein verliehen, glaubt Halina Świderska: «Das waren Menschen, jeder mit seiner eigenen Geschichte. Aber ja; das war eine tolle Stadt!» Die Schüler hatten in Oświęcim nach Spuren gesucht, mit Zeitzeugen gesprochen und Interviews mit Überlebenden geschnitten, die das Jüdische Zentrum zur Verfügung gestellt hatte. Ihr Film gelangte bis ins regionale polnische Fernsehen und wurde auf Englisch übersetzt. Bei der Premiere im Jüdischen Zentrum seien 150 Gäste erschienen, freut sich Wisław Świderski.
Von ihrem Balkon im Stadtteil Zasole blicken die Świderskis auf die Baracken von Auschwitz. «Eigentlich brauchte ich nicht mehr darüber zu lernen», beschreibt Halina Świderska ihre Haltung, bevor sie das Filmprojekt angestoßen hatte. Aber dann hatte ein israelischer Besucher sie «aus dem Schlaf» gerissen. Er hatte sie gefragt, was sie tun würde um zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederhole. Hieraus entsprang die Motivation für das Filmprojekt über die jüdische Geschichte. Jetzt seien die Schüler den Fragen internationaler Gäste besser gewachsen, sagt Wisław Świderski: «Man kann besser verstehen, was passiert ist in Oświęcim, wenn man auch die Geschichte kennt.»

 

Lucyna Filip: Juden in Oświęcim 1918 - 1941. Deutsche Ausgabe: Verlag Scientia, Oświęcim 2005.

Provinz mit Format

Die polnische Historikerin Lucyna Filip beschreibt das jüdische Leben Oświęcims zur Zwischenkriegszeit

65 Jahre nach Kriegsende zeigt die historische Forschung über Juden in Polen immer noch Lücken. Dabei war dieses Land mit 3,5 Millionen Juden, die vor dem Zweiten Weltkrieg dort lebten, einst das Zentrum des europäischen Judentums. Auch in der Stadt Auschwitz oder polnisch: Oświęcim blühte vor dem Krieg jüdisches Leben. Dieser Ort, dessen deutscher Name durch das benachbarte Konzentrationslager weltweit als Symbol der Schoa gilt, war sogar zur Hälfte jüdisch. Der Erinnerung an die jüdische Gemeinde ist hier von hoher politischer Bedeutung und aktueller denn je. Lucyna Filip, Historikerin an der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, hat mit ihrem 2003 auf polnisch erschienenen Buch die erste detaillierte Darstellung der jüdischen Gemeinde von Oświęcim vorgelegt.

 

In sechs Kapiteln, unter anderem mit den Schwerpunkten politisches, kulturelles und wirtschaftliches Leben, schildert die Wissenschaftlerin die Geschichte und das Wesen der jüdischen Gemeinde - bis zur Deportation ihrer Mitglieder, mehr als 7.000 Menschen, im Jahr 1941. Fast alle sind vor den Toren Oświęcims, im Konzentrationslager Auschwitz, ermordet worden.

 

Exemplarisch für das ehemalige Galizien verbinden sich in Oświęcim jüdische, polnische und deutsche Geschichte. Die ersten Juden siedelten sich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Oświęcim an. Als im polnisch-schwedischen Krieg ein Brand die Stadthäuser zerstörte, leisteten die Juden bedeutende Hilfe zum Wiederaufbau. Im Jahr 1765 war rund jeder sechste Einwohner von Oświęcim mosaischen Glaubens. Oświęcim wurde nach der ersten polnischen Teilung 1772 als Teil von Galizien den Habsburgern zugeschlagen. Vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914 hatte der Anteil der jüdischen Bevölkerung schon mehr als 50 Prozent erreicht. Die jüdische Gemeinde agierte weitgehend selbstverwaltet. Es gab zahlreiche kulturelle, religiöse und philanthropische Gesellschaften sowie mehrere Rabbiner in der Stadt.

 

Der Schwerpunkt des Buches von Lucyna Filip liegt allerdings auf der Zwischenkriegszeit. Die Lage an der Grenze zu Schlesien und der nah gelegene Bahnhof von Brzezinka (Birkenau) taten das ihre, um diverse kulturelle Einflüsse in die Stadt zu bringen und die Wirtschaft kräftig anzukurbeln. Die wieder erlangte polnische Unabhängigkeit stellte die jüdische Bevölkerung vor völlig neue Bedingungen, was rege politische Aktivität auslöste. Im Vorfeld der Sejm-Wahlen 1922 lieferten sich orthodoxe, zionistische und sozialistische jüdische Organisationen einen hitzigen Wahlkampf. Als einer von 35 jüdischen Abgeordneten wurde ein Bürger aus Oświęcim in den Sejm gewählt. Auf lokaler Ebene stellte die jüdische Gemeinde traditionell den stellvertretenden Bürgermeister. Sie sandte Mitglieder in den Stadtrat und verschiedene Ausschüsse. Jüdische Industrielle unterhielten Fabriken und fungierten als wichtige Brotgeber. So wurde das Oświęcim der Zwischenkriegszeit zur Provinz-Stadt mit überdurchschnittlichem gesellschaftlichen Format. Viele kleine religiöse Organisationen besaßen eine eigene Synagoge, sodass aus der Vorkriegszeit rund zwanzig Gebetshäuser bekannt sind. Räumlich beschränkte sich das jüdische Leben nicht auf ein bestimmtes Viertel, sondern verteilte sich über die gesamte Innenstadt.

 

Diese Blüte vernichteten die Deutschen in den Jahren 1939 bis 1941. Juden und Polen hatten gemeinsam an einem Abwehrplan gegen die deutsche Armee gearbeitet. Doch der Krieg brach überraschend über die Stadt herein. Noch 1939 brannten die Nazis die Große Synagoge nieder und verwüsteten den jüdischen Friedhof. Juden wurden vom wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen und zu Zwangsarbeitern gemacht. Rund 300 von ihnen mussten an der Errichtung des Konzentrationslagers Auschwitz mitarbeiten. Im März 1941 begannen die Deportationen der Juden in die Ghettos von Sosnowitz, Bendsburg und Krenau. Als diese um 1943 aufgelöst wurden, verschleppten die Nazis die Insassen ins Konzentrationslager Auschwitz.

 

In einer überaus hohen Dichte an Zahlen und Fakten, die die Autorin in mühevoller Kleinarbeit recherchiert und aufs Genauste ausgewertet hat, schildert das Buch das jüdische Leben in Oświęcim zwischen Chederschule und Fußballfeld, Synagoge, Wochenmarkt oder Fabrik überaus lebendig. Immer lässt die Autorin einzelne Individuen plastisch hervortreten. Dieses Buch ist nicht nur eine unschätzbare Quellensammlung für weitere wissenschaftliche Arbeiten, sondern auch eine Fundgrube an Namen und historischen Details.

 

Der Anhang enthält unter anderem Kurzbiographien jener Überlebenden, die die Autorin durch ihre Recherchen ausfindig machen konnte. Die deutsche Ausgabe wurde um Zuschriften erweitert, die Lucyna Filip nach der Veröffentlichung Ihrer Arbeit erhielt. Neben zahlreichen historischen Fotos und Dokumenten präsentiert die Wissenschaftlerin aber auch Familienfotos von Überlebenden in Israel und die Aufnahmen von der Wiedereinweihung der Mishnajot-Synagoge - der einzigen, die die Nazis nicht zerstört hatten. Das jüdische Leben in Oświęcim setzt sich fort.

 Von Angelika Calmez

«Jüdische Zeitung», Januar 2010