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In der Rolle des Rebellen

Dani Levy über Adolf Hitler, jüdische Komödien und das Anrennen gegen teutonische Bastionen

Endlich hat es geklappt, Dani Levy für ein Interview zu bekommen. Der Termin bei dem Regisseur ist allerdings nicht exklusiv. Der Erfolg seines letzten Films «Alles auf Zucker» hat das Medieninteresse an seiner Person geweckt. Immer in Zweiergruppen werden die Journalisten daher durchgeschleust. Exakt 25 Minuten sind eingeplant für jedes Gespräch. Alle sind rechtzeitig da, auch die Kollegen vom «Vorwärts», der Parteizeitung der SPD, die gemeinsam mit der JZ das Gespräch führen werden. Der Einzige, der das System durcheinander bringt, ist Dani Levy. Hinter einem Berg aus angebissenen Sandwichs und Schokomuffins sitzt er in Freizeitkleidung gemütlich in einer Sitzgruppe und sieht offenbar nicht ein, warum er sich an irgendeinen Zeitplan halten soll. Obwohl es durchaus Meinungsverschiedenheiten gibt - vor allem, was Levys neuen Film «Mein Führer» angeht - soll es eine ausführliche Unterhaltung werden, die erst nach fast einer Stunde von den emsigen Mitarbeiterinnen des Filmemachers unterbrochen wird.

Herzlichen Glückwunsch Herr Levy, es ist Ihnen gelungen, ein neues Genre zu schaffen: eine Komödie, über die keiner so richtig lacht...
Ach ja?

Wir haben die Lacher bei der Pressevorführung gezählt.
Bevor Sie sich auf eine genaue Zahl einigen, würde ich Sie bitten, in eine normale Kinovorführung zu gehen und die Lacher noch mal zu zählen.

Also bei «Borat» war's anders herum. Da haben die Presseleute richtig getobt. Und in den normalen Kinovorstellungen war es dann ziemlich ruhig.
Den finde ich aber auch lustiger, muss ich sagen.

Der Trailer von «Mein Führer» ist ja zum Schreien komisch. Haben Sie beim Drehen mehr Spaß gehabt als wir nachher beim Gucken?
Ich bin der festen Überzeugung, dass Sie auf dem falschen Pferd sitzen. Wir haben zwei Testvorführungen gemacht, eine in München und eine in Hamburg mit gemischtem Publikum, jeweils ungefähr 300 Leute. Und die Leute waren nur am Lachen. Vielleicht hat das mit den Kritikern nicht funktioniert, was ich ja gar nicht so schlimm finde. Aber sonst entsteht hier der Eindruck, dass der Film vielleicht nicht lustig sein könnte. Denn lustig ist er ja schon. Manchmal ist er aber natürlich auch nicht lustig.

Ist das vielleicht ein Problem des Films, dass er sich nicht entscheiden kann, ob er Komödie oder Tragödie sein will?
Das ist jetzt Ihre Meinung. Für mich ist eine Komödie zwangsläufig immer auch tragisch. Das ist aber mein eigener Geschmack, meine Definition einer Komödie. Für mich entsteht Komik im Schmerz, da liegt immer die existenzielle Not darunter. Wenn ich spüre, dass es um eine wirkliche Gefahr geht, um eine wirkliche Not für die Figuren und auch für das moralische System oder wie auch immer man das bezeichnet, dann muss ich lachen. Das ist meine Art, Komödien zu machen. Wenn diese nur lustig ist, funktioniert sie nicht. Ich könnte jetzt eine ganze Menge Beispiele von Filmen nennen, die für mich in dem Sinn relevant sind, weil sie als Komödie auf Schmerz aufbauen und nicht auf einer per se schon komischen Situation.

Die Mehrheit der Deutschen hat positiv auf die Renaissance des jüdischen Humors durch «Alles auf Zucker» reagiert. Haben Sie auch negative Reaktionen, zum Beispiel von jüdischer Seite erfahren, weil Sie ermöglichten, dass Deutsche mit, vielleicht sogar über Juden lachen?
Es gab Leute, die sich im Internet auf der Gästeseite von «Alles auf Zucker» unglaublich vehement und wiederholt darüber beschwert haben, dass der Film für sie nicht funktioniere und sie ihn despektierlich, entwürdigend und wie auch immer fänden - vielleicht orthodoxe Juden, ich weiß es nicht. Ich finde das auch völlig legitim, wenn sich Leute aufgeregt haben. Und in Israel war der Film ebenfalls umstritten. Ein erboster Zuschauer in Jerusalem warf mir vor, ich betreibe Goebbels-Propaganda, weil ich genau die gleichen Klischees über die Juden verbreite wie damals Goebbels. Ich glaube, das ist Quatsch, weil ich die Figuren ja liebe. Goebbels hat die Juden, denke ich, nicht geliebt. Er war auch kein Jude. Aber ich nehme zur Kenntnis, dass in einer Komödie der Geschmackssinn genauso subjektiv ist wie beim Essen. Bei «Alles auf Zucker», der ja vielleicht selbst von Ihnen, die Sie nicht lachen können, als Komödie bezeichnet wurde, konnte auch nicht jeder lachen. Übrigens, die ersten, die hier im Büro wegen «Alles auf Zucker» saßen, haben mir auch vorgeworfen, der Film sei nicht lustig und sie seien in Pressevorführungen gewesen, wo niemand gelacht hätte... All diese Dinge sind subjektive Empfindungen, die ich einfach nur so zur Kenntnis nehme. Ich kann ja einen Film letztendlich nur für mich machen und dann Gleichgesinnte suchen, die den Film ebenfalls toll finden.

Der Hitler in «Mein Führer» ist impotent, ein Bettnässer, wird von Alpträumen geplagt. Er leidet darunter, als Kind verprügelt worden zu sein. Was ist damit gewonnen, wenn man so einen Menschen als arme Sau, als gequälte Kreatur darstellt?
Ich frage zurück: Was ist gewonnen, wenn man ihn nicht als das darstellt, was er war?

Wo bleibt der Schrecken?
Wenn Sie Schrecken wollen, dann gucken Sie sich doch einfach Guido-Knopp-Filme an. Es gibt doch genug Filme, in denen Sie einen solchen Hitler sehen. Ich meine, das haben wir schon genug. Muss man den Schrecken heute verpflichtend in jedem Film vermitteln? Man muss sich schon fragen, was dieses moralische Pflichtprogramm überhaupt nützt? Was verursacht es außer einer gelähmten, ehrfürchtigen und von Grauen durchsetzten Erstarrungshaltung? Was bewegt es in Richtung Erkenntnis? Andererseits muss ich fragen: Ist der Schrecken nicht in «Mein Führer» impliziert? Ich finde, das ist er. Die Leute reden extrem drastisch, so drastisch, wie ich das eigentlich selten gehört habe. Im Grunde wird programmatisch das begründet, was dann auch gemacht wurde: Die Leute reden von «Endlösung», sie reden von «Vergasung», sie reden von «Vernichtung». Es ist doch irrtumsfrei, was sie machen, es wird in keiner Sekunde umgangen. Wir haben bewusst nicht die diplomatische Sprache eingesetzt, die diese Leute tatsächlich hatten.

Eine interessante Situation wäre: Wie würde es, wenn man diesen Film einmal Neonazis zeigen würde? Haben Sie es schon versucht?
Nö.

Vermutlich wären diese nicht begeistert.
Sicher nicht. Ich glaube, alles, was der Nationalsozialismus an emotionalen Elementen hat, unterläuft dieser Film. Denn der Nationalsozialismus ist in «Mein Führer» ja alles andere als gigantisch. Also, eigentlich zerstört der Film alles, was daran nach Größe aussieht. Ich bin der Meinung, dass viele Dokumentar- oder Spielfilme, die in den letzten Jahren gemacht wurden, immer wieder diese Größe des Nationalsozialismus, wenn auch im Abscheu, letztendlich dann doch gewürdigt haben. Dagegen habe ich einfach mal ein anderes Modell entgegensetzt.

Entsteht das Problem bei «Mein Führer» nicht woanders? Wenn man große Nazi-Komödien wie der «Große Diktator» und «Sein oder Nichtsein» anschaut, dann arbeiten diese auf der Ebene der äußeren Analogie zwischen Hitler und seinen Opfern. Sei es ein zufällig gleiches Erscheinungsbild wie bei Chaplin oder die Theatermaske bei Lubitsch. Sie dahingegen stellen eine innere Analogie, bestimmte psychische Parallelen her. Ist das nicht problematisch, wenn Opfer und Täter auf eine Ebene gebracht werden?
Ich finde es völlig absurd, den Film mit irgendwelchen anderen Filmen zu vergleichen. Hier geht es darum zu sagen, dass Adolf Hitler mit einem schweren menschlichen Manko und einer sehr verwahrlosten Persönlichkeit, einer sehr verschimmelten Seele als Projektionsfigur der Deutschen bestens funktioniert hat. Das heißt, wenn wir über Hitler sprechen, sprechen wir auch über die Deutschen. Denn jedes Volk sucht sich den Führer, den es brauchte. Oder anders gesagt: Adolf Hitler hätte nicht funktioniert, wenn das, was er verkörperte, nicht seinen Widerhall in den Sehnsüchten und Bedürfnissen des deutschen Volkes gefunden hätte. Die Einheit Adolf Hitlers und des Nationalsozialismus mit dem deutschen Volk, das ist doch das eigentlich Erschreckende. Um das verstehen zu können, betrachte ich einen speziellen Aspekt dieses Menschen. Und dieser Aspekt, genährt von genauen Recherchen und den Thesen von Alice Miller, die ich sehr eingehend studiert habe. Adolf Hitler als biographische Figur finde ich gar nicht so interessant. Die psychologische Seite ist das, was mich interessiert, wenn ich über diese Figur spreche. Das ist eine ganz andere, ein völlig anderer Ansatz als «Sein oder Nichtsein», der sich nun wirklich mit dem Menschen Adolf Hitler überhaupt nicht auseinander gesetzt hat, sondern mit der Inszenierung des Nationalsozialismus als Theater.

Ich meine vor allem den Satz, in dem Grünbergs Frau Hitler töten möchte und Grünbaum zu ihr sagt: «Jetzt bist du wie er. Du tötest einen wehrlosen Menschen.»
Er ist Humanist...

...aber Adolf Hitler ließ mehr als einen wehrlosen Menschen töten...
...ja, Millionen.

Und trotzdem fällt der Satz.
Er ist Humanist und kann nicht aus seiner Rolle, nicht einmal angesichts der Tatsache, dass er Adolf Hitler töten könnte.

Dann ist es Zufall, dass beide Adolf mit Vornamen heißen?
Es ist kein Zufall, auch wenn Adolf damals ein populärer Name war. Aber natürlich gibt es zwischen Adolf Hitler und dem Juden Adolf Grünbaum Parallelen: Beide sind Menschen. Der eine ist aber gesund und der andere ist krank. Der eine ist Opfer und der andere ist Machthaber. Der eine wird funktionalisiert, um den Machthaber zu stützen, und hat ein großes moralisches Problem damit. Und der andere ist letztendlich ein armes erbärmliches Würstchen, das zusammen mit seinen Schergen ein todbringendes Regime aufgebaut hat. Und trotzdem gibt es natürlich Mensch-zu-Mensch-Situationen zwischen den beiden Adolfs. Grünbaum kommt natürlich als Mensch besser weg als Hitler. Weil er meine Identifikationsfigur ist. Dass Adolf Grünbaum ein Humanist ist und es nicht schafft, Adolf Hitler umzubringen, weil er das ungeliebte Kind in ihm sieht, ist eine These für eine Filmfigur. Ich konnte Adolf Hitler ja nicht umbringen, weil jeder gesagt hätte: stimmt ja nicht, ist ja nicht passiert, es haben Leute versucht, er hat es immer überlebt. Aber Grünbaum kann es nicht, obwohl er weiß, dass Hitler ein Massenmörder ist, weil er aus dem KZ, aus der Hölle kommt. Ich weiß ja nicht einmal, ob ich es geschafft hätte.

Das ist ja auch eine interessante moralische Frage. Darf man oder muss man sogar einen Menschen wie Hitler umbringen?
Eigentlich ja, natürlich. Kann man aber leicht sagen, 2006 aus einem bequemen, geheizten Büro. Ich möchte erst mal sehen, wie jeder einzelne auf die Chance, Hitler umzubringen, reagiert hätte. Was bedeutet es, wenn er dann vor Ihnen steht? Grünbaum weiß ja auch, dass er sich und seine Familie opfert, wenn er den Mann erschlägt. Was kann eine Komödie, «über die nicht gelacht wird», mehr als solche Fragen aufwerfen?

Wenn ich Hitler erschlage, übernehme ich ja im Grunde auch ein bisschen die moralischen Werte dessen, was ich eigentlich ablehne.
Ich finde diese moralischen Fragen wichtig, sie gehören zum Film, aber ich bin kein Moralist. Interessant finde ich ja nur, dass diese Fragen gestellt werden, genauso wie ich es für die Zuschauer interessant finde, dass sie es hier mit einem Adolf Hitler zu tun haben, der nicht wie gewohnt dämonisiert und distanziert irgendwo in der Ferne durch die Bilder fährt, sondern der ihnen als erbärmliche Figur so nah kommt, dass sie selber in einen Gewissenskonflikt kommen. Das finde ich einen interessanten Prozess. Es ist ja auch so, dass ich die Sachen, die über Adolf Hitler erzählt werden, genau recherchiert habe. Es ist ja nicht einfach nur irgendwas Erfundenes: Er war Bettnässer, er war impotent. Das ist vielen Leuten gar nicht bekannt.

Weshalb sind Sie so sicher, dass Sie in einem Film über ein so heikles Thema den richtigen Ton treffen?
Bin ich ja gar nicht. Ich trete hier jetzt selbstsicher auf, bin es aber gar nicht. In Wirklichkeit hege ich viele Zweifel und Selbstzweifel. Der Film ist ein fragiles Gebäude und ich selbst begebe mich mit ihm auf dünne Äste. Ich kann mir schon vorstellen, wie Ihr beiden auf dem Film rumhacken werdet. Vielleicht schafft Ihr es ja auch, die Juden gegen den Film aufzuhetzen. Das wäre traurig. Ich habe «Mein Führer» nicht aus Gelassenheit gemacht, sondern in mir brannte ein Feuer. Mein Ziel ist es, diese Diskussion von dieser belehrenden dogmatischen und autoritären Haltung, die die meisten Filme für den Zuschauer haben, wegzuführen. Ich möchte, dass der Zuschauer zu einem frei denkenden, fühlenden und auch gerne revoltierenden Element wird, dass er sich also auflehnt gegen Dinge. Und gleichzeitig bin ich natürlich ein Sensibelchen. Wenn jetzt alle den Film niederschreien würden, täte mir das weh. Und ginge niemand rein, dann fände ich das schade, weil der Film ein Angebot ist, die Diskussion entfachen möchte. Mit meiner Mutter beispielsweise, die ja eine bald 80 Jahre alte, eher konservative Jüdin ist, hatte ich auch heftige Diskussionen. Auch schon über «Alles auf Zucker». Das gehört dazu.

Welche Rolle spielt es, dass Sie Jude sind, wenn Sie einen solchen Film machen? Hat man dann mehr Freiheiten als andere oder ist man eher eingeengt? Spielt es überhaupt eine Rolle?
Na ja, ich spiele die Rolle des Rebellen. Ich bin ein Repräsentant des vernichteten Volkes, einer Kultur, die systematisch aus dem Land verbannt, verfolgt und vernichtet wurde. Und ich kehre zurück - nicht alleine, es gibt ja auch noch ein paar Freunde, aber letztendlich sitze ich hier, fühle mich hier beheimatet, wohne hier in Berlin und trage unbewusst und bewusst, meine Kultur in diese Filmlandschaft. Eine jüdische Kultur. Da erkenne ich andere jüdische Filmemacher, ich erkenne, was an mir jüdisch ist. Und ich finde auch «Mein Führer» hat einen sehr jüdischen Ansatz. Das hat mit Analyse, mit Psychologie, aber auch mit Lachen und Weinen zu tun - was Sie unentschieden genannt haben: Ich finde, es hat mit jüdischem Humor zu tun, der für mich kein flacher Humor, sondern ein Humor der Erkenntnis, der Dialektik ist. Das Unvereinbare zusammenzubringen, das Surreale, das, was eigentlich widersprüchlich ist, aufeinander zu schrauben und dadurch eine Spannung herzustellen. Das ist für mich das, was ich als jüdische Kultur empfinde. Ich fühle mich als subversiver jüdischer Filmemacher und renne an gegen die teutonischen Bastionen.

Hat das auch ein bisschen mit dem historischen Abstand zu tun? Vor 20 Jahren wäre es ja fast frevelhaft gewesen, darüber zu lachen?
Aber ich lache ja nicht über die Opfer. Da bin ich schon sehr sorgfältig und dann doch sehr moralisch. Außerdem ist das kein Dogma. Trotzdem musste ich mich ganz alleine in meinem Kämmerchen erstmal selber von Hitler entdämonisieren, indem ich mich mal frei geschrieben habe, man könnte auch sagen, indem ich mich selbst therapierte. Ich hätte das Drehbuch dann in den Schrank stellen können, aber ich hatte das Gefühl, dass es auch für andere Leute relevant sein könnte. Als Entzauberung oder Entthronung dieser Figuren. Es war einen Versuch wert, finde ich.

Interessant an «Mein Führer» ist der Abspann, in der Sie Menschen auf der Straße nach Adolf Hitler und Adolf Grünbaum befragen...
Ich bin losgezogen, weil ich eine Umfrage machen wollte, was die Leute wirklich über Adolf Hitler und über die Funktionsweise dieser Zeit überhaupt wissen. Und dann habe ich diese Interviews gemacht, und ich war erschreckt darüber, wie wenig die Leute eigentlich wissen. Mir ist dabei aufgefallen, dass die Leute, die über 70 sind, also das Dritte Reich miterlebt haben, auf die Frage, was Sie über Adolf Hitler wissen nur über sich selbst reden. Das ist unglaublich interessant.

Sie haben 2002 den Kurzfilm «Hannah und ihr Papa» für die Jüdischen Kulturtage hier in Berlin gemacht, hat diese familiäre Spurensuche Spuren in Ihren großen Filmen hinterlassen?
Ich habe den Film damals ständig vor mir hergeschoben, weil ich keine Ideen dafür hatte. Letztendlich habe ich dann die Idee des ideenlosen Regisseurs benutzt, um diesen Film zu machen und bin mit meiner Tochter zusammen auf die Suche gegangen, wo meine Mutter in Berlin aufgewachsen ist, bevor sie 1939 aus Berlin geflohen ist. Das war in Moabit. Meine Tochter und ich gehen zu dem Haus, in dem meine Mutter aufgewachsen ist. Das Haus gibt es nicht mehr. Meine Frau hat das ganze mit einer kleinen Videokamera gefilmt.

Sie haben mit dem Film aber auch provoziert...
Ich verkleide mich in einen orthodoxen Juden und gehe dann quasi als mein Großvater auf die Straße in Moabit und treffe verschiedene Leute, habe lustige Gespräche zum Mahnmal, das es in Moabit gibt, und ende dann in einer Theaterprobe von Adriana Altaras' «Jud Sauer» am Maxim Gorki Theater. Ich komme dort als orthodoxer Jude rein, beschimpfe die Schauspieler als «Schauspielerjuden» und dass sie keine Ahnung hätten, was das Jüdische ist und frage, ob sie denn überhaupt beschnitten seien. Ich benehme mich da ziemlich rüpelhaft, bis ich aus der Probe rausgeschmissen werde. Damit hört dann der Film auf. Er hat natürlich keinen direkten Kontext zu «Mein Führer», aber was bleibt, ist vielleicht das Schreckgespenst «jüdisch in Deutschland». Natürlich will man heute das Jüdische umarmen und das glückt ja auch: Ich fühle mich hier gut aufgehoben und habe das Gefühl, dass die jüdisch-deutsche kulturelle Verbindung im Humor, auch in der Intellektualität mittlerweile wieder fortgesetzt wird. Wir haben inzwischen eine breite, spannende deutsch-jüdische Kulturszene. Und trotzdem spüre ich immer wieder bei vielen jüdischen Kulturschaffenden in diesem Land, dass es die «jüdische Aufgabe» in diesem Land sein könnte, ein wenig zu provozieren. Ich würde das nicht Rache nennen, aber es hat durchaus was mit rebellischem Bewusstsein zu tun.

Das Gespräch führten Susanne Dohrn (Vorwärts) und Moritz Reininghaus

 

Information:

Dani Levy wurde am 17. November 1957 in Basel geboren. Deshalb bezeichnet er sich als «Skorpion, Schweizer und Jude». Von 1977 bis 1979 sammelte er erste Erfahrungen als Schauspieler und Schreiber. Danach zog Levy als Vagabund durch die USA. Zurück in Europa ging er nach Berlin, um bei der Theatergruppe «Rote Grütze» mitzuspielen. 1985 drehte er mit «Du mich auch» einen ersten Überraschungserfolg. 1990 begann er zusammen mit Maria Schrader mit dem Drehbuch zu «Meschugge». Es sollte acht Jahre dauern, bis der Film fertig war. Mit «Alles auf Zucker» drehte er erneut einen Film mit jüdischer Thematik und seinen bislang größten Erfolg.

«Mein Führer - die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler» ist Levys neueste Produktion, bei der er das Drehbuch schrieb und Regie führte. Der Film erzählt die Geschichte des jüdischen Schauspielers Adolf Grünbaum (Ulrich Mühe), der von Propagandaminister Joseph Goebbels (Sylvester Groth) aus dem KZ geholt wird, um einen ganz speziellen anderen Schauspieler zu unterrichten: Adolf Hitler. Der «Führer» (Helge Schneider) sitzt im zerbombten Berlin, leidet an chronischer Unlust und kann sich und damit auch sein Volk nicht mehr für die Sache der Nazis begeistern. Grünbaum führt Hitler in die Tiefen seiner Psyche und fördert eine traumatische Kindheit zu Tage. Dani Levy entgegnet im Gespräch mit der JZ allen möglichen Bedenken gegen ein solches Projekt, auch der, Hitler möglicherweise zu menschlich zu zeichnen, aber auch der schlimmsten Befürchtung gegenüber einer Komödie: dass sie nicht witzig sein könnte. «Mein Führer» läuft ab 11. Januar in den deutschen Kinos.

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2007