Akiva Eldar

Israels Spott über Obamas Friedensnobelpreis ist reine Chuzpe


Die Sturzflut von Hohn, die sich in Israel über US-Präsident Barack Obama ergießt und über die Verleihung des Friedensnobelpreises, ist die reinste Chuzpe.
Bisher wurden drei Israelis mit diesem angesehenen Preis ausgezeichnet: Menachem Begin, Jitzchak Rabin und Schimon Peres. Was ist aus ihnen geworden? Der Erste hat sich selbst ins Abseits manövriert, nachdem er sich im libanesischen Morast festgefahren hatte, der Zweite wurde von einem jüdischen Fanatiker ermordet, der damit einer rechten Regierung den Weg geebnet hat, und der Dritte, «der Architekt von Oslo», wurde zum nationalen Cheerleader der Besatzung. Und heute? Kann mir irgendjemand auch nur einen israelischen Staatsmann nennen, der es verdient hat, für seinen Beitrag zum Frieden geehrt zu werden? Und wann war das letzte Mal, als sich mehrere hundert Israelis auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv versammelt - und zwar immer die Gleichen - und einen Aufschrei für den Frieden gewagt haben? Wir sollten die Letzten sein, die sich über die ausländische Apathie in Bezug auf unseren Konflikt beschweren. Da braucht es schon eine ordentliche jüdische Chuzpe, erst eine rechte Regierung zu wählen und dann zu erwarten, dass die Gojim uns vor ihr retten.Während Obama für einen universalen Dialog wirbt, der verknüpft ist mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, mit dem Kampf gegen Rassismus und mit der Verbesserung im Hinblick auf die Menschenrechte, zeigt man sich in Israel beeindruckt von Netanjahus Sprachgebrauch von Holocaust und Gräuelhaftigkeiten. Wie viele Abgeordnete des US-Kongresses, Demokraten und Republikaner, würden eine harte Linie gegen Israel unterstützen? Im Jahr 2010 müssen sich alle Abgeordneten des Parlaments und ein Drittel der Abgeordneten des Senats der Wiederwahl stellen. Nicht einmal die größten Friedensbefürworter unter ihnen werden es riskieren, von der vermögenden jüdischen Lobby auf die schwarze Liste gesetzt zu werden.
Einer Umfrage zufolge, die von jüdischen Organisationen am Capitol Hill durchgeführt wurde, hat die kleine Siedlungskrise die Unterstützung der Israelis für Obama lediglich um vier Prozentpunkte zurückgehen lassen. Tatsächlich fällt es schwer, sich über die US-amerikanischen Politiker zu beklagen. Wenn die Erosion des jüdischen Charakters des Staates Israel noch nicht einmal die Juden in Manhattan um den Schlaf bringt, warum sollte dies bei einem katholischen Kongressabgeordneten aus Massachusetts der Fall sein? Wenn selbst Israelis mit dem Konflikt ganz gut leben können, warum sollten sich dann die Amerikaner darum bemühen, den Konflikt zu beenden? Selbst wenn der Traum der zionistischen Linken wahr werden sollte und die neuen Friedensnobelpreisträger nicht mehr nur Reden halten über zwei Staaten für zwei Völker, sondern wirklich etwas gegen die Besatzung unternehmen, kann uns dann irgendjemand versprechen, dass dieser Umstand Verteidigungsminister Ehud Barak und den übrigen vier Ministern der Arbeitspartei «Avoda» in der Koalition ausreichen wird, um ihre Unterwürfigkeit zu beenden und die Regierung aufzubrechen? Und wenn dieser Fall eintritt, wie viele Sitze wird wohl ein israelisches Staatsoberhaupt im Parlament erhalten, wenn es versucht, die Grundsätze aus Obamas Rahmenplan für eine Friedenserklärung zu übernehmen - wird er die israelische Besatzung beenden können, die im Juni 1967 ihren Anfang nahm? Und wie stehen seine Chancen, es überhaupt in die Knesset zu schaffen? Ob mit oder ohne Nobelpreis, Barack Obama wird uns nicht mit Gewalt aus den Gebieten hinauswerfen. Die USA kommen auch ohne einen Frieden zwischen Israel und den Arabern aus. Die Israelis halten sich zwar oft für den Nabel der Welt, doch wenn der US-amerikanische Wähler, und auch die Geschichte, ihr Urteil über Obama fällen, wird der Abschluss des zionistischen Projektes nicht zu den wichtigsten Kriterien gehören. Glücklicherweise sind wir mit einer Reihe von geradeaus denkenden Wissenschaftlern wie der Professorin Ada Yonath gesegnet. Wenn es in Israel keinen Mann und auch keine Frau gibt, die es wert sind, für ihren Beitrag zum Frieden geehrt zu werden, müssen wir uns wohl mit den Worten der Versöhnung der Chemienobelpreisträgerin begnügen.


Akiva Eldar ist israelischer Journalist und Co-Autor des Buches «Die Herren des Landes:
Israel und die Siedlerbewegung seit 1967». Aus dem Englischen von Stefanie Neumeister.

«Jüdische Zeitung», Januar 2010