Staub aufgewirbelt
Im Archivstreit zwischen der Kultusgemeinde Wien und dem Wiesenthal-Institut hat vor allem die Glaubwürdigkeit gelitten
Eigentlich hätte das Wiener Wiesenthal- Institut für Holocaust-Studien (VWI) eine internationale Größe in seinem Bereich werden sollen. Nach anfänglichen Problemen ist inzwischen auch die Finanzierung weitestgehend gesichert. Lange Zeit machte jedoch der Machtkampf zweier Männer Schlagzeilen und bedrohte den Ruf des Instituts. Streitgegenstand: das Archiv der Jüdischen Gemeinde. Die Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) wollte dieses, trotz anfänglich anders lautenden Absichten, nicht rausrücken. Die Auseinandersetzung zwischen IKG-Präsident Ariel Muzicant und dem ehemaligen VWI-Leiter Anton Pelinka eskalierte im Sommer 2009. Pelinka und der siebenköpfige Vorstand traten zurück. Auf der Strecke blieb auch die Hälfte des internationalen wissenschaftlichen Beirates des VWI: Die renommierten Wissenschaftler traten aus Protest gegen das Archivgezerre zurück.
Doch was war der Grund für das Zerwürfnis in dem ambitionierten Projekt? Ursprüngliche Idee war, das umfangreiche Privatarchiv des Holocaust-Forschers Simon Wiesenthal mit dem der IKG Wien zu verbinden. Das VWI sollte sich damit auf Weltniveau mit Antisemitismus, Rassismus und Holocaust auseinandersetzen. Nachdem die Kultusgemeinde zunächst eingewilligt hatte, ihr Archiv an das neugegründete Institut zu übergeben, hatte man es sich dann plötzlich anders überlegt und wollte die Rechte am Archiv nicht verlieren. Anscheinend wollte man in der IKG Teile des Archivs lieber unter Verschluss halten.
Unangenehme
Dokumente
Der IKG geht es dabei höchstwahrscheinlich um Dokumente, die den - unsauber ausgefochtenen - Streit zwischen liberalen Juden und der orthodoxen Gemeinde im Wien der letzten Jahre belegen. Außerdem gibt es da die Geschichte des Wiener Rabbiners Benjamin Murmelstein. Dieser leitete zur Zeit des Holocausts die von den Nazis eingeführte «Auswandererabteilung» der Jüdischen Gemeinde. Bis heute ist umstritten, inwieweit er wirklich mit den Nationalsozialisten kollaborierte. Murmelstein gilt nach wie vor als ambivalente Persönlichkeit, seine Geschichte ist noch nicht aufgearbeitet. Aber muss man deshalb gleich ganze Archive verschlossen halten?
In der IKG Wien überwog die Angst, die Rechte am Gemeindearchiv zu verlieren. Das geschah nämlich schon einmal: In den 1960er und 1970er Jahren hatte sie große Teile ihres Archivs nach Israel gebracht. Damals konnte sich niemand vorstellen, dass es jemals wieder in Wien eine funktionierende jüdische Gemeinde geben würde. Die nach Israel verbrachten Archivmaterialien befinden sich heute im Central Archive of the Jewish People in Jerusalem. Die IKG möchte sie jetzt gern zurück, Jerusalem lehnt ab.
Zehn Monate Arbeit verhindert
Für Ex-VWI-Präsident Pelinka waren das alles keine stichhaltigen Argumente. Er warf Muzicant Ende letzten Jahres vor, das VWI durch den Dauerkonflikt mit der Kultusgemeinde zu blockieren. Laut Pelinka führten die fast einjährigen Verhandlungen über das Archiv der Kultusgemeinde «zum faktischen Erliegen der Tätigkeit des Wiesenthal-Instituts». Muzicant als Vertreter der IKG habe das Institut «zehn Monate durch ständiges Hinhalten entscheidend gehindert», endlich seine Arbeit aufzunehmen. Pelinka, als Unterzeichner der Förderverträge mit Bund und Stadt Wien, trat zurück und informierte die Subventionsgeber, «nachdem klar wurde, dass ein seriöses Weiterarbeiten auf der Basis der Förderverträge nicht mehr möglich ist». Muzicant hatte Pelinka daraufhin vorgeworfen, er wolle das Institut «zerstören». Gegenüber dem österreichischen Nachrichtenportal «Profil» stellte Pelinka im November demgegenüber die Frage, ob dieser Vorwurf auch für den im Herbst zurückgetretenen Internationalen Wissenschaftlichen Beirat sowie für alle anderen gelte, die das VWI inzwischen verlassen hatten.
Für Muzicant ist die Welt mittlerweile wieder in Ordnung. Das VWI wählte im November einen neuen Vorstand, Vorsitzender ist jetzt der alternde Georg Graf, Professor für Privatrecht an der Universität Salzburg. Muzicant selbst wurde auch in den Vorstand gewählt und bezeichnet den Archivstreit als «beigelegt». Die Regelung: Das Archiv der IKG wird zwar an das VWI übergeben und steht für Forschungszwecke uneingeschränkt zur Verfügung, es bleibt aber gleichzeitig im Eigentum der Kultusgemeinde. Im Jahr 2012 soll das VWI seinen Vollbetrieb im Wiener «Palais Strozzi» aufnehmen.
Emil Rennert, Wien