Grabmoschee Foto: Edda Schlager

«Wir bewegen uns hier ohne Angst»

«Borat» zum Trotz: Im Vielvölkerstaat Kasachstan fühlen sich Juden wohl.

Beim Thema «Borat» muss man Yeshaya Cohen, den obersten Rabbi von Kasachstan, nicht lange bitten. Viele haben ihn schon nach seiner Meinung zum Film des britischen Komikers Sacha Baron Cohen gefragt, auch Reuters und AFP waren hier. «Das Interesse an den Juden in Kasachstan ist derzeit riesengroß», so Cohen, der Rabbi. Denn Antisemitismus sei eines der Klischees, das der Brite den Kasachen unterstellt habe. Nun wolle die Welt eben wissen, was wirklich dran sei. Und? «Nichts ist dran», sagt der Rabbi. «So lange sich die jüdische Gemeinde hier in Kasachstan erinnern kann, gab es niemals Antisemitismus.»

Unglücklich wirkt der 35-Jährige über die derzeitige Publicity nicht. Im Gegenteil. «Baron Cohen hat Kasachstan mit seinem Film einen Riesendienst erwiesen», ist der Rabbi überzeugt, «die Leute sind nicht so dumm zu glauben, was im Film an Unwahrheiten über das Land erzählt wird.» Vielmehr wollten jetzt viele wissen, wie Kasachstan wirklich sei. Er selbst hat «Borat» noch nicht gesehen, und wegen der vielen kleinen Bosheiten im Film werde er es wohl auch nicht tun. «Mir tut es gerade für den Juden Baron Cohen aufrichtig leid, dass er Kasachstan für seine Späße gewählt hat. Denn das Land hat unheimlich viel für das jüdische Volk getan», so der Rabbi. «Das ist etwas, was Baron Cohen offensichtlich nicht weiß.» In der Tat ist Kasachstan mit dem Schicksal vieler Juden aufs Engste verbunden. Anders als im benachbarten Usbekistan, wo sich die Buchara-Juden schon vor mehr als tausend Jahren niederließen, beginnt die jüdische Geschichte Kasachstans erst im 17. Jahrhundert. Ein paar Aschkenasim kamen damals aus Russland nach Kasachstan, meist als Angehörige der Zarenarmee.

Zu Zeiten Stalins war das menschenleere Land in Zentralasien, das zum Großteil aus Steppe und Wüste besteht und Jahrhunderte lang nur von Nomaden besiedelt wurde, ein berüchtigter Verbannungsort für Regimekritiker und potentielle Staatsfeinde des Sowjetreiches. So wurde beispielsweise Leo Trotzki nach seinem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei 1929 in die Hauptstadt der damaligen Kasachischen SSR verbannt, nach Alma-Ata, dem heutigen Almaty.

Und Tausende Juden wurden von Stalin allein ihres Glaubens wegen nach Kasachstan verschickt. Unter ihnen auch Rabbi Levi Yitzchak Schneerson aus Jekaterinoslaw, dem heutigen Dnepropetrowsk - der Vater des letzten Lubawicher Rebbes Menachem Mendel Schneerson. Mehrere Jahre verbrachte er hier mit seiner Frau, die ihm in die Verbannung gefolgt war. Im Jahr 1944 hatten die Strapazen des Lebens in der Verbannung Schneerson so geschwächt, dass er mit 66 Jahren starb. Ein Jahr später verließ seine Frau Kasachstan und kehrte nach Russland zurück, um wenig später wie ihr Sohn Menachem in die USA auszuwandern. Vor dem Holocaust retteten sich etwa 9.000 Juden nach Kasachstan. Sie begründeten die jüdische Gemeinde des Landes, die heute etwa 20.000 Menschen umfasst und ein buntes Gemisch aus Aschkenasim, Buchara-, iranischen oder kaukasischen Juden ist, mit Wurzeln im Nahen Osten, in Zentralasien, Russland, Weißrussland, der Ukraine oder Polen.

Obwohl mehrere Tausend Juden Kasachstan nach der Perestroika verlassen haben, sieht Rabbi Cohen seine Gemeinde von einer Dynamik mitgerissen, die zurzeit das ganze Land beherrscht. Kasachstan hat aufgrund seiner Ölreserven eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften in den GUS-Ländern, rund zehn Prozent Wirtschaftswachstum waren in den vergangenen Jahren der Durchschnitt. Für das kommende Jahr wird ähnliches erwartet. «Kasachstan entwickelt sich rasend schnell zu einem modernen Staat», so Cohen. «Viele derjenigen, die gegangen sind, würden nun gerne hierher zurückkehren, weil sie meinen, hier würde es ihnen wirtschaftlich besser gehen.» Vor allem aber schätzt der Rabbi, dass hier über 130 Nationalitäten zusammenleben, ohne jegliche Probleme.

Cohen ist begeistert von Kasachstan, das merkt man ihm an. Dabei ist er selbst nicht einmal hier geboren oder aufgewachsen. Vor 13 Jahren kam er aus Israel her, im Auftrag von Chabad Lubawich. «Kasachstan war so etwas wie ein weißer Fleck bei den Lubawichern, obwohl sie bei der „Erschließung neuer Märkte" sonst schneller als Coca Cola sind», meint der Rabbi leicht ironisch. Bei seiner Ankunft hatte es in Almaty nur eine kleine Synagoge gegeben. Der letzte Rabbi war 1986 gestorben. 1997 baute man eine neue, größere Synagoge. Und mittlerweile gibt es allein in Almaty vier Rabbis, sieben im ganzen Land. 1.500 Familien nehmen in Almaty heute am Gemeindeleben teil. Mit etwa 8.000 Juden beherbergt die Stadt die größte Gemeinde Kasachstans.

Doch auch in den anderen Landesteilen blüht das jüdische Leben auf. Gerade wurde in Ust-Kamenogorsk im Osten Kasachstans eine neue Synagoge eröffnet, wie schon zuvor in Pawlodar, Shymkent und Kyzylorda. Die größte Synagoge Kasachstans jedoch steht seit 2001 in der Hauptstadt Astana, ebenfalls finanziert von Chabad Lubawich. Und Alexander Machkewich. Der Geschäftsmann, der sich im ganzen GUS-Raum um die Wiederbelebung des Judentums bemüht, ist auch in Kasachstan einer der Hauptsponsoren für jüdische Projekte. Die Synagoge in Astana ist zum Gedenken an seine Mutter «Beit Rachel» benannt worden. Der blaue Prachtbau in der Hauptstadt unweit des Flusses Ischym wirkt etwas überdimensioniert angesichts der überschaubaren Gemeinde. Nur etwa 150 jüdische Familien gibt es in Astana. «Wir haben auf Vorrat gebaut», meint dazu der Chief-Rabbi aus Almaty. Vor Ort in Astana hält Rabbi Yehuda Kubalkin die Stellung. Auch er kam mit seiner Familie aus Israel nach Kasachstan. «Wir wollen den Leuten zeigen, wie man als Jude lebt», sagt er. Denn die Juden hier hätten während der Sowjetära fast vergessen, dass sie Juden seien.

Channuka in Almaty  Foto: Edda Schlager

So, wie Asja Rachman. Die 60-Jährige arbeitet in der Bibliothek der Synagoge in Astana. «Die Russen haben ihre Kultur, die Deutschen, die Kasachen. Nur wir hatten nichts», erinnert sich Rachman. Ihre Eltern waren im Zweiten Weltkrieg aus der Ukraine nach Kasachstan gekommen. Die eigenen Kinder, eine Tochter und ein Sohn, sind seit knapp zehn Jahren in Israel. Für sie selbst kommt die Auswanderung nicht in Frage. Sie genießt es, die Traditionen ihres Volkes neu zu entdecken und hat sogar begonnen, Hebräisch zu lernen. «Das Lesen geht gut, doch beim Schreiben sind mir die Enkel weit voraus», meint sie.

Weil man während der Sowjetzeit jederzeit auf Repressalien gefasst sein musste, hatten nur wenige Juden den Mut, Religion und Kultur offen zu leben. Zu diesen wenigen gehörte der Vater von Anna Schepkina. Die heute 59-jährige wuchs in Almaty auf und kann sich noch gut erinnern, dass die Familie häufig in die alte Synagoge an der uliza Taschkentska ging. «Natürlich haben wir als Kinder Jom Kippur oder Pessach gefeiert - ohne es in Frage zu stellen.» An Schwierigkeiten, die sich für die Familie daraus ergeben haben, kann sie persönlich sich nicht erinnern. Noch immer sei sie Ihrem Vater dankbar dafür, dass er sie so selbstverständlich zum jüdischen Glauben erzog.

Heute ist Schepkina Direktorin der jüdischen Schule in Almaty. «Als die Schule 1999 eröffnet wurde, fingen wir mit 45 Kindern an. Nicht einmal jede der elf Klassen war besetzt», erzählt Schepkina. Heute lernen hier 140 Schüler. Im angeschlossenen Kindergarten werden noch einmal 90 Kinder den gesamten Tag lang betreut. Die Versorgung der Schule hat die jüdische Gemeinde übernommen. Täglich wird koscheres Mittagsessen von der Gemeindeküche geliefert. Und eine eigene Synagoge hat die Schule auch.

In der jüdischen Schule stehen Englisch, Russisch und Kasachisch, Physik, Mathe und Musik auf dem Lehrplan - wie in allen staatlichen kasachischen Schulen auch. Dazu kommen jedoch Hebräisch und Unterricht in jüdischer Tradition. Das macht acht Stunden zusätzlich pro Woche für jedes Kind. Jungen wie Israel, Ebi und Ido aus der dritten Klasse und Mosche aus der Zweiten erhalten auf Wunsch der Eltern auch Extra-Religionsunterricht. «Durch die Kinder erfährt das jüdische Leben hier eine Wiedergeburt», sagt Direktorin Schepkina. «Viele Eltern finden erst durch die Kinder und die Schule einen engeren Kontakt zu anderen Juden.» Schepkina versteht die Schule geradezu als Botschafterin der jüdischen Kultur. «Wir gehen in andere Schulen und erzählen dort, was Bar Mitzwa oder koscher essen bedeutet und spielen unsere jüdische Musik vor.» Kinder seien neugierig, da würden Vorurteile schnell abgebaut oder kämen gar nicht erst zustande.

Und der hohe Zaun, der die Schule umgibt? «Der ist rein prophylaktisch», sagt Schepkina. «Wir möchten die Kinder natürlich vor jeglicher Gefahr schützen.» Bisher habe es mit der Nachbarschaft aber keine Probleme gegeben. «Wir bewegen uns hier ohne Angst.»

Dass Juden in Kasachstan meist eher auf Neugierde, denn auf Vorurteile stoßen, wird in der Chanukka-Woche klar. Chief-Rabbi Cohen hat am sechsten Abend des Lichterfestes eine öffentliche Feier auf dem Arbat, der Fußgängermeile mitten im Zentrum von Almaty organisiert. Als ein Auto-Korso mit Menora-Leuchtern auf den Dächern zwischen den zum Jahresende grell geschmückten Geschäften auffährt, bleiben viele Kasachen interessiert stehen, Mädchen in Einkaufslaune drängen sich kichernd durch den Menschenauflauf. «S prasdnikom», «Alles Gute zum Fest», wünschen Wildfremde beim Vorbeieilen. Rabbi Cohen und der israelische Botschafter in Kasachstan, der der Einladung der jüdischen Gemeinde gefolgt ist, müssen an diesem Abend improvisieren. Der Lkw mit der Drehleiter, der beim Entzünden der fünf Meter hohen Menora auf dem Arbat helfen sollte, ist im abendlichen Stau steckengeblieben. Nach einer halben Stunde vergeblichen Wartens entschließt sich Rabbi Cohen, stattdessen eine kleinere, provisorische Menora zu entzünden. «Wir sind diesem Land sehr dankbar», sagt er dann in seiner Rede, die er auf Russisch hält. «Muslime, Christen und Juden leben hier gemeinsam und jede der Religionen wird vom Präsidenten und der Regierung unterstützt. Ich fühle mich hier wirklich zu Hause.»

Foto: E.S.
Als dann die Kinder unter den Passanten schon Chanukka-Krapfen und Getränke verteilen und die Gemeindemitglieder um die unbeleuchtete, große Menora herum zu tanzen beginnen, kommt plötzlich ein alter sowjetischer Laster auf den Boulevard gefahren - die Drehleiter! Unter dem Beifall der kleinen Versammlung werden sechs der Kerzen noch einmal entzündet. Kurz darauf setzt sich der Autokorso in Bewegung. Jetzt geht es auf dem Nachhauseweg noch einmal quer durch die Stadt. Der Arbat wirkt plötzlich verlassen. Nur die kleinen Laternen der Menora brennen herunter. Am nächsten Abend wird auch hier, mitten in Almaty in Kasachstan, das siebente Licht angezündet werden.

Edda Schlager

Information:

Öl-Dorado in der Steppe

Kasachstan ist der Fläche nach das neuntgrößte Land der Erde und damit so groß wie Westeuropa, hat jedoch nur 15 Millionen Einwohner. Das Land löste sich als eines der letzten aus der Sowjetunion und feierte am 16. Dezember 2006 seinen 15. Unabhängigkeitstag. Seitdem sich der zentralasiatische Staat zur Republik erklärte, ist Nursultan Nasarbajew Präsident des Landes. Im Dezember 2005 wurde er mit mehr als 90 Prozent in seinem Amt bestätigt. Internationale Kritiker warfen Kasachstan damals Wahlmanipulationen vor, doch eins ist klar, die meisten Kasachen stehen tatsächlich hinter dem Präsidenten. Denn das Land boomt und hat regelmäßig ein Wirtschaftswachstum von etwa zehn Prozent pro Jahr zu verzeichnen. Grund dafür ist der Reichtum an Rohstoffen, Kasachstan verfügt über einige der weltweit größten Erdöl-, Gas-, Kupfer-, Zink- oder Uran-Lagerstätten. Religionsfreiheit gehört für Nasarbajew neben der politischen und wirtschaftlichen Stabilität des Landes zu einem der größten Pfründe, die er in die Waagschale werfen kann. In der Region Zentralasien beansprucht Kasachstan die Führungsrolle, was vom «alten Rivalen» Usbekistan, das sich in den letzten Jahren aber weit weniger weltoffen gezeigt hat, nicht unbedingt toleriert wird. Jedes Jahr hält Nasarbajew in Astana einen «Kongress der Religionen» ab. Direkt hinter dem Präsidentenpalast in der Hauptstadt hat er in Form einer vierseitigen Pyramide den «Palast der Religionen» bauen lassen. Nach dessen Fertigstellung sollen hier eine Synagoge, eine Moschee, eine Kirche und ein buddhistischer Tempel eingerichtet werden, um die Gleichberechtigung der vier großen Religionen in Kasachstan zu demonstrieren.

 

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2007