Mit dem Stift zwischen den Fronten
Amira Hass zur «Reporterin des Jahres 2009» gewählt
Nein, Interviews für Journalisten, die gerade ihre ersten Schritte in Sachen Israel-Palästina-Konflikt machen, gibt sie ungern. Das lenkt nur vom Wesentlichen ab: ihrer täglichen Arbeit als «Haaretz»-Korrespondentin und Buchautorin. Amira Hass ist nicht immer leicht im Umgang und vielleicht ist sie deshalb das, was sie ist: eine der herausragenden Reporterinnen des 21. Jahrhunderts. Als jüdische Israelin arbeitet Hass seit nunmehr sechzehn Jahren im «Feindesland», in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten. Sie war der erste israelische Journalist, der im Zuge der «Osloer Abkommen» im Dezember 1993 ihren festen Wohnsitz im Gazastreifen wählte, um so besser über das Leben der Palästinenser berichten zu können. 1997 siedelte sie nach Ramallah im Westjordanland über.
Obwohl Hass immer wieder Beschränkungen ihrer Arbeit durch israelische und palästinensische Behörden erfährt, ist sie mit ihren Reportagen und Berichten zu einer authentischen und unabhängigen Chronistin der Veränderungen in den besetzten Gebieten geworden. Sie schreibt unter anderem über die Absurditäten des Rechtssystems, die Praxis der Landenteignungen, die Gewalt jüdischer Siedler, über die palästinensische Militanz, Korruption und Vetternwirtschaft sowie über das Los des «kleinen Mannes».
Anfang Dezember wurde Hass von der unabhängigen Journalistenvereinigung «Reporter ohne Grenzen» zum «Journalisten des Jahres 2009» gewählt. Den Preis erhielt sie für ihre qualitativ hochwertige Berichterstattung für die israelische Tageszeitung «Haaretz» zur Zeit der israelischen Militäroffensive «Gegossenes Blei» im Gazastreifen vor einem Jahr. Bei dem Krieg vom 27. Dezember 2008 bis 18. Januar 2009 zwischen israelischem Militär und der Hamas sowie anderen militanten Palästinensergruppen starben 1.400 Gazaner und dreizehn Israelis, über 5.000 Menschen in Gaza wurden verletzt. Bei dem Militäreinsatz schränkte das israelische Militär die Pressefreiheit für nationale und internationale Medienanstalten drastisch ein.
Hass war eine der Ersten, die auf Kriegsverbrechen der israelischen Armee in dieser Zeit hingewiesen haben. Mit ihren Artikeln versucht Hass, die jüdisch-israelische Bevölkerung zu sensibilisieren. Für ihre Darstellungen erntet sie neben positiven Reaktionen, regelmäßig scharfe Kritik bis hin zu Morddrohungen.
Die Tochter eines Schoa-Überlebenden wurde 1956 in Jerusalem geboren und studierte Geschichte an den Universitäten Jerusalem und Tel Aviv. Schon als junge Frau war Hass in der kommunistischen Bewegung Israels aktiv. Seit 1989 ist sie Reporterin für «Haaretz».
Seit zwei Jahren ist es israelischen Journalisten offiziell verboten, in die besetzten Gebiete zu reisen. Über diese Beschränkung der Pressefreiheit setzen sich neben Hass auch andere Israelis hinweg und tragen so zu einer ausgewogeneren Berichterstattung bei. In der von «Reporter ohne Grenzen» geführten Weltrangliste der Pressefreiheit belegt Israel, bedingt durch militärische und Selbstzensur der israelischen Medien, nur den 93. Platz von 175 in der Liste geführten Ländern. Umso höher ist die Arbeit der Amira Hass einzuordnen.
edo