Vom Krabbeln bis zur Pflege

Die Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden schloss das alte Kalenderjahr mit einer lange überfälligen Bildungsinitiative

 

Foto:Wörtz/rtwe

Ein wenig muss das schon nach weit mehr als nur einem tiefen Seufzer geklungen haben: Zur jährlichen Mitgliederversammlung der Zentralen Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) mussten die Delegierten Anfang Dezember in Frankfurt am Main wohl eine offensichtliche «mangelnde Attraktivität der jüdischen Gemeinden für die junge Generation», zumindest in großen Teilen, und das «abnehmende Interesse der jungen Leute» an ihren Religionsgemeinschaften konstatieren. Dies sein zudem keinesfalls nur ein Problem der kleineren Gemeinden, wie in der anschließenden Aussprache deutlich geworden sei, die jenes Desinteresse zum Schwerpunktthema gemacht habe. Dabei sei immer wieder die Frage «Was können wir tun?» thematisiert worden, in deren Beantwortung sich die Mehrzahl der Delegierten immerhin einig gewesen sein: «Die Gemeinde muss auf ihre Mitglieder zugehen. Mitmenschlichkeit ist verlangt, nicht Kälte und Bürokratismus.»
Zur Begrüßung durch Vorstandsvorsitzenden Ebi Lehrer hat in diesem Jahr auch eine Gedenkminute an den viel zu früh verstorbenen Moishe Waks sel. A. gehört. Sein umfassendes Engagement ist gewürdigt worden, nicht nur als Vorstandsmitglied der ZWST, sondern auch in seiner Berliner Gemeinde. Weiterhin hat man sich im Rahmen der Jahresmitgliederversammlung einen Überblick über die finanzielle Situation der ZWST verschafft, dem Finanzreferat und der Prüfungskommission gedankt, den Jahresabschluss mit dem Bericht der Prüfungskommission angenommen und einstimmig den Vorstand entlastet. Eine Satzungsänderung ist beschlossen und ein neues stellvertretendes Vorstandsmitglied gewählt worden, Boris Gutelmacher aus dem Gemeinderat der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und seit vielen Jahren hauptamtlich bei der Jewish Claims Conference tätig. Abschließend hat man für die vertrauensvolle Zusammenarbeit dem Zentralrat, allen Landesverbände und Gemeinden gedankt, ebenso den Vorstandsmitgliedern und allen Mitarbeitern, hieß es in einer Verlautbarung der Organisation zum Abschluss der Beratungen.
Eine typisch deutsche Vereinssitzung also, nehme ich zumindest an, und ich weiß nicht so recht, ob ich bei diesem Sitzungsmarathon hätte dabei sein wollen. Doch zumindest ein wesentlicher Punkt fiel mir bei der Durchsicht der Presseunterlagen positiv ins Auge und ließ mich aufhorchen: Denn dass es dafür höchste Zeit ist, wird wohl niemand, der sich in den Interna jüdischer Gemeinden ein wenig auskennt, wirklich bestreiten wollen. Was also stand da noch auf der Tagesordnung?
«Schicken Sie Ihre Mitarbeiter in die Seminare!», forderte Projektleiterin Sabena Donath die Delegierten auf und stellte damit sich und ihr neues Projekt zukunftsorientiert vor: Denn «Professionalität und Innovation» hat sich die ZWST bei der Qualifizierung von haupt- und nebenberuflichen Mitarbeitern der jüdischen Gemeinden Deutschlands künftig auf die Fahnen geschrieben. Endlich! Man startet bereits im Jahre 2010 ein entsprechendes Professionalisierungsprojekt in Kooperation mit der Fachhochschule Erfurt und der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg. Die Teilnehmer können in Form einer modularen Weiterbildung, je nach der Belegung der Weiterbildungsschwerpunkte, ein entsprechendes akademisches Zertifikat erwerben. Mit dieser berufsbegleitenden Weiterbildung will die ZWST die Möglichkeit schaffen, ein qualifiziertes Zertifikat für die Arbeit in den jüdischen Gemeinden zu erlangen. Führungskräfte der Gemeinden können auch einzelne Seminartage belegen, die in Zusammenarbeit mit verschiedenen Non-Profit-Organisationen angeboten werden. Dabei sollen Themen wie Management und Rechtsgrundlagen behandelt werden, ausgerichtet am jeweiligen Handlungsbedarf der Gemeinden.
Schwerpunktthemen des Qualifizierungsprojektes werden Sozialbetriebswirtschaft, Soziale Dienste, Führung und Management, Erziehung und Bildung von Kindern sowie Jugendarbeit und Migrationsarbeit sein. Entsprechend dieser Ausrichtung soll auch die Verleihung der Zertifikate erfolgen. Mit Qualifizierungsbezeichnungen wie Sozialbetriebswirt, Soziale Arbeit in jüdischen Gemeinden, Jugendzentrumsleiter, Erzieher in jüdischen Kindertageseinrichtungen sowie Leiter von jüdischen Bildungseinrichtungen würde die erfolgreiche Teilnahme dann bestätigt werden. Für diese qualifizierten Zertifikate müssten, so Donath bei der Vorstellung des geplanten Projektes, je nach Schwerpunkt zwischen 200 und 400 Lehreinheiten in dreitägigen Blockseminaren absolviert werden, die in der Regel in der Bildungsstätte Max-Willner-Heim in Bad Sobernheim stattfinden sollen. Eintagesseminar und -veranstaltungen könnten auch dezentral und regional angeboten werden.
Neben den bereits genannten Sachthemen wird der fachübergreifende Themenkomplex «Praxiswissen Judentum» angeboten, der mit den Grundlagen der jüdischen Traditionen verknüpfen soll. Die Teilnehmer können in diesem Modul ihr Wissen zur Halacha sowie zur jüdischen Religionspädagogik vertiefen.
Ziel der neuen Fortbildung ist die «Stärkung der Zukunftsfähigkeit der Gemeinden über die fachliche Qualifizierung der Mitarbeiter und Führungskräfte sowie eine intensivierte Vernetzung unter den Gemeinden und den regional ansässigen Institutionen». Daher richtet sich das Professionalisierungsprojekt an Mitarbeiter der Verwaltungen und sowie an  Vorstände der jüdischen Gemeinden sowie deren Einrichtungen wie Altenzentren, Kindergärten, Horte, Krabbelstuben und Jugendzentren. Ausdrücklich sollen Nachwuchskräfte der Gemeinden animiert werden, an der Qualifizierung teilzunehmen. ZWST-Direktor Benny Bloch wies im Rahmen der Mitgliederversammlung erneut darauf hin, wie wichtig es für die Mitarbeiter in den Gemeinden sei, einen Abschluss vorweisen zu können, um weiterhin staatliche Förderungen zu erhalten. Lieber Benny Bloch, das soll doch sicherlich nicht der einzige Grund sein? Natürlich nicht! Wir haben daher Sarah Singer, Mitglied des Vorstandes der ZWST gebeten, mit uns ausführlicher über die Beweggründe und Bedürfnislagen der Gemeinden sowie die Vorläufer, erste Ergebnisse und den Start des Professionalisierungsangebot der Wohlfahrtsstelle zu sprechen. Im Januar werden wir sie treffen  - vielleicht in einem sozialbetriebswirtschaftlich geführten jüdischen Café.

von Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», Januar 2010