Zwischen geistigem Erbe und moralischer Pflicht

Der Staat erwartet Zahlen vor dem Zahlen für eine neue Synagoge in München

 

 Foto:Reuters

Wie die Nachrichtenagentur ddp unter dem Titel «Gräber zwischen Münchens Juden» in der Sache nicht gerade förderlich aus der bayerischen Landeshauptstadt berichtete, demonstriere dort der Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Jerry Swartzberg, Zuversicht: «Mein Optimismus war noch nie so stark wie jetzt, wir schreiten riesige Schritte voran.» Drei Jahre nach der feierlichen Eröffnung der orthodox geführten neuen Hauptsynagoge in München pochen nun auch die liberalen Juden darauf, ebenfalls eine eigene Synagoge bauen zu dürfen. Ein Grundstück hat man dafür schon ausgesucht und mit Daniel Libeskind einen Stararchitekten für das Projekt gewonnen. Wie wir in der «Jüdischen Zeitung» vom November 2009 berichten konnten, hatte Libeskind den Baugrund bereits im Herbst letzten Jahres besichtigt und sich vorgenommen, für München etwas «Einzigartiges» in einem «spirituellen Prozess» bauen zu wollen, das «verschiedene Strömungen von Gedankensträngen und Sensibilitäten» einschließen und «einem demokratischen Pluralismus» des Judentums in der Stadt entsprechen könne.
Dennoch stehen derzeit viele Fragezeichen hinter den Plänen. Stadt und Land geben sich betont zurückhaltend. Swartzberg wünscht sich einen Zuschuss in Höhe eines Viertels der Bausumme vom Freistaat Bayern, um den ersten Neubau einer liberalen Synagoge in Deutschland seit der NS-Zeit mit angeschlossenen Veranstaltungsräumen, Bibliothek, Kindergarten, Begegnungscafé und Seniorenwohnungen bauen lassen zu können. Erste Libeskind-Pläne will er noch in diesem Monat präsentieren.
Doch so weit ist man eigentlich noch nicht. «Eine große Hürde stellen heftige innerjüdische Streitigkeiten dar», vertickert ddp. Wen wundert's! So wirft die Beth Shalom-Gemeinde der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) vor, die Liberalen nicht ausreichend zu unterstützen. «Ich würde es begrüßen, wenn die Präsidentin des Zentralrats der Juden [Charlotte Knobloch, die zugleich Vorsitzende der IKG ist - Anm. des Autors] in ihrer Heimatstadt ihren Teil zum Pluralismus des Judentums beitragen würde», betont Swartzberg. Würden in Berlin und Frankfurt am Main funktionierende Einheitsgemeinden existieren, habe es bei der IKG niemals «ernsthafte Überlegungen» gegeben, die liberalen Juden einzubinden. Jan Mühlstein, Vorsitzender der Union progressiver Juden in Deutschland, erklärte indes, es sei «die bessere Lösung, dass die Liberalen sich eigenständig organisieren», solange die religiöse Praxis in der Synagoge der IKG nur nach orthodoxen Riten möglich sei.
Knobloch wies die Swartzberg-Kritik entschieden zurück und zeigt für die Pläne eines Synagogen-Neubaus sowie eines zweiten jüdischen Gemeindezentrums wenig Verständnis. Die IKG sei ihrem Selbstverständnis nach eine Einheitsgemeinde, «die verschiedene religiöse Strömungen im Judentum unter einem Dach vereint». Sie betonte, dass in «einer Einheitsgemeinde Pluralismus nicht nur möglich, sondern gelebte Realität» sei. Immerhin können auch die Mitglieder der Beth Shalom-Gemeinde die Dienstleistungen der IKG in Anspruch nehmen, also deren Kindergarten, Schule, Kulturzentrum und Seniorenheim, kostenlos sogar die ehemalige Hauptsynagoge der IKG in der Reichenbachstrasse nutzen. Beth Shalom allerdings bezeichnet diese als «unzureichend» und beharrt auf dem eigenen Neubau.
Man werde in München die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, eine Libeskind-Synagoge zu bekommen, erklärt der Vorsitzende des liberalen Dachverbandes, Jan Mühlstein, dem auch Beth Shalom angehört. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, von dem sich Swartzberg immerhin eine vierzigprozentige Förderung erhofft, zeigt sich angesichts der ehrgeizigen Pläne «dieses winzig kleinen Vereins» eher skeptisch, noch dazu da nicht einmal geklärt sei, ob die beabsichtigte Nutzung auf dem Grundstück überhaupt zulässig wäre. Zudem gebe es bislang «nicht den Hauch eines Nachweises» dafür, dass Beth Shalom das Grundstück überhaupt bezahlen könne, erklärte er kürzlich gegenüber der «Süddeutschen Zeitung».
Das bayerische Kultusministerium offeriert Gesprächsbereitschaft, verweist aber darauf, Größenverhältnisse berücksichtigen zu wollen: «Wie viele Menschen beantragen wie viel», erläutert ein Sprecher mit Blick auf die 300 Mitglieder zählende Beth Shalom-Gemeinde die Grundproblematik des Freistaates in dieser Frage.
Die steht für Mühlstein so gar nicht. Die öffentliche Hand sei schon aus moralischen Gründen in der Pflicht. Obwohl die IKG die eigentliche Rechtsnachfolgerin der von den Nazis zerstörten israelitischen Gemeinde Münchens sei, würde ein Neubau für die Liberalen die «konsequente Wiederbelebung der liberalen Ausrichtung des Münchener Judentums» bedeuten, wie sie bis zur Schoa auch tatsächlich bestand. Eine Wiedergutmachung sei erst dann erreicht, wenn die Pluralität des Judentums in München wieder sichtbar sei, so Mühlstein.

 

Walter Soltau

«Jüdische Zeitung», Januar 2010