Wieder stiller Protest aus Michelsohns Reich

Wieder stiller Protest aus Michelsohns Reich

 

Foto: Archiv

Ein Verein musste her. Die Gründung des «Forums für die Zukunft des Judentums in Deutschland e.V.» ist zwar schon wieder ein Stück ganz eigener Machtstruktur, aber anders geht es in diesem Lande offensichtlich nicht. Zumindest nicht, wenn man Gehör bekommen will. Nun führte der Verein eine erste öffentliche Protestaktion unter dem Motto «Für effektive Gerechtigkeit und gegen die Eigenmacht in jüdischen Gemeinden in Deutschland am Beispiel der jüdischen Gemeinde Bielefeld» durch, an der etwas mehr als 20 Menschen teilgenommen haben sollen, neben Bielefelder Juden wohl auch Mitglieder der Gemeinden aus Gelsenkirchen, Bochum, Essen, Hammeln und Dortmund. Brieflich sollen diese Aktion Gemeindemitglieder aus Bayern, Hessen und Brandenburg unterstützt haben.
Die angeblich unhaltbare Situation in der Bielefelder jüdischen Gemeinde Beit Tikva und verschiedene Vorwürfe gegen die Vorstandsmitglieder Irith Raub-Michelson und Paul Yuval Adam sind den Lesern der «Jüdischen Zeitung» seit der Ausgabe vom Oktober 2009 bereits bekannt. Kurz nach der Veröffentlichung haben uns übrigens die Anwälte der Raub-Michelson zu einer Gegendarstellung aufgefordert. Auch die «Neue Westfälische Rundschau» berichtete und auf dem Internetportal «freiejuedischemeinung.de» wird kräftig über Bielefeld diskutiert.
Doch nach wie vor, so die Mitglieder des Rates des Vereins in einem Schreiben an unsere Redaktion, erwecke «die Situation in der jüdischen Gemeinde Beit Tikva Besorgnis der jüdischen Gesellschaft in Deutschland [...]. Vor allem die häufigen und himmelschreienden Verletzungen der Prinzipien des Judentums und der Demokratie in dieser Gemeinde wurden zur Gewohnheit. Es herrschen Diktatur und Angst. Michelson und Adam nutzen jede Gelegenheit, um an ihren Opponenten Rache zu üben, ohne angeekelt zu sein...».
Schon seit mehr als acht Monaten habe das Schiedsgericht des Zentralrats der Juden in Deutschland auf die Klage der Gemeindemitglieder nicht geantwortet. Daher, so meinen die Mitglieder des Forums, sei die Leitung der Bielefelder Gemeinde überhaupt erst in der Lage, sich derart zu verhalten und «Gesetzlosigkeit herbeizuführen», da doch die Leitungen des Zentralrates und Landesverbandes sie durch ihre «fördernde Nichteinmischung» unterstützen würden. So habe sich die Leitung des Landesverbandes nicht mit den - aus Sicht des neuen Vereins - Gewinnern der Wahl vom Februar 2008 getroffen, ebenso wenig mit anderen Gemeindemitgliedern, die den Verband um Hilfe gebeten hätten. Auf die Anfrage der Redaktion des Portals «freiejuedischemeinung.de» soll Hanna Sperling, Vorsitzende des Landesverbandes, mitgeteilt haben, dass sie nicht vorhabe, ihre Meinung bezüglich jeglicher Ereignisse in jüdischen Gemeinden zu äußern. Nun beklagen die Mitglieder des Rates des neuen Vereins uns gegenüber, das «wahrscheinlich jüdisches Leben und deutsches Leben der Leiterin des Landesverbandes verschiedenen Gesetzen unterliegen».
Völlig ohne Antwort sei auch ein Brief des Forums an den Landesverband geblieben. Darin hatte der Verein den Vorschlag unterbreitet, die Mitgliedschaft der Gemeinde Beit Tikva im Landesverband vorläufig ruhen zu lassen und ihre Finanzierung einzustellen, bis eine «gesetzlich gewählte Leitung zur Macht kommt». Dieses Schweigen ist den Vereinsmitgliedern umso unverständlicher, als das der Rat des Forums keinesfalls daran zweifelt, dass die jüdische Gesellschaft Deutschlands auf eine adäquate Reaktion vom Landesverband und vom Zentralrat bezüglich des «Fall Michelson» warte. Die Situation in der Gemeinde Beit Tikva sei «ein himmelschreiender Fall. Aber es ist kein Einzelfall in den jüdischen Gemeinden des Landesverbandes Westfalen-Lippe: In anderen Städten werden Gemeindemitglieder ebenfalls für ihren Versuch, sich offen und frei auszusprechen, bestraft. Das alles stößt einen denkenden Mensch von den Gemeinden und vom Judentum ab, führt zum Degradieren der jüdischen Gesellschaft und zur Assimilation der Juden», erklären die Mitglieder des Forums. So sei «in wenigstens drei Gemeinden des Landesverbandes die Leitung autoritär» und lasse keinen Meinungspluralismus zu.
Doch im Rahmen der Protestaktion wurde auch an die Mitglieder der Basis appelliert: Man diskutierte über die Trägheit und Gleichgültigkeit von Gemeindemitgliedern, die bis heute ihre aus der Sowjetunion mitgebrachte «Psychologie des kollektiven und individuellen Kadavergehorsams» nicht losgeworden seien.
Der Ort des stillen Protestes war übrigens ganz bewusst gewählt worden: vor dem Gebäude des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Westfalen-Lippe. Doch weder die Leitung des Landesverbandes, noch der Landesrabbiner David Viniz oder das Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, Rabbiner Avichai Apel, sollen den Weg hinaus zu den mit ihren Plakaten Protestierenden gefunden haben. Auch von der deutschen Presse sei die Aktion ignoriert worden, da man «noch nicht bereit ist, sich mit dem deutschen Judentum auseinander zu setzen», stellt der Rat des Forums enttäuscht fest.
Die Teilnehmer an der Aktion wandten sich nun erneut schriftlich an den Zentralrat und den Landesverband. Außerdem kündigten sie an, mit dem Frühling 2010 regelmäßig solche Aktionen auch in anderen Bundesländern stattfinden zu lassen. Spätestens dann sollten sich Gemeindevorstände und Landesverbände eine erste Gesprächsstrategie überlegt haben, um einerseits offensichtliche wie gefühlte Konflikte nicht weiter eskalieren zu lassen und zum anderen den antisemitischen Kräften in diesem Land keinen Vorschub zu leisten. Denn Juden, die vor jüdischen Einrichtungen gegen Juden protestieren, wären der rechten Szene ein Geschenk ohnegleichen.

von Johann L. Juttins

«Jüdische Zeitung», Januar 2010