Noch ist es nur ein «staubiger Haufen»

Genizafund in Oberfranken kurz vor dem Bayreuther Gemeindejubiläum

 

Foto: Reuters

Eine kleine Sensation, wenn nicht sogar eine große, ist es schon, das sieht auch die Bezirksregierung so: Auf dem Dachboden der Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth hat man einen bedeutenden Genizafund gemacht: Bei Renovierungsarbeiten stießen zwei Dachdecker und der Gemeindevorsitzende, Felix Gothart, mehr oder weniger zufällig auf religiöse Schriften und Kultgegenstände, deren Ursprung bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückreicht. Die Schriftstücke, in hebräischer und deutscher Sprache verfasste Dokumente, sind mit großer Wahrscheinlichkeit seit zweieinhalb Jahrhunderten in der Geniza unbeachtet gelagert worden und haben selbst die Schändung der Synagoge durch die Nationalsozialisten zur Reichskristallnacht 1938 unbeschadet überstanden. Ein erstes bereits entziffertes Dokument stammt aus dem Jahre 1762, also in etwa den Jahren der Gründung der Synagoge durch den damaligen Markgrafen Friedrich.
Gothart bezeichnet die Dokumente als «großen historischen Fund», vor allem deshalb, da die Schriftstücke und Ritualgegenstände am Originalort in einer aktiven Synagoge aufgefunden wurden. Eine Geniza existiert allerdings in vielen alten Synagogen, so dass der Fund am Originalort an sich nichts Ungewöhnliches darstellt, in der Tat allerdings der Umstand, dass es sich um eine aktive Synagoge handelt. In einem normalerweise vermauerten Hohlraum werden unbrauchbar gewordene Schriften und Kultgegenstände abgelegt, die nach religiöser Vorschrift jedoch nicht vernichtet werden dürfen. «Schriftstücke und religiöse Gegenstände, die nicht mehr benötigt wurden, sind früher häufig auf Dachböden abgelegt worden», erläutert Gothart. Religiöse Gegenstände seien damals nicht einfach «entsorgt» worden, sondern wurden oft regelrecht «bestattet». Deshalb habe man ähnliche Entdeckungen auch auf Friedhöfen machen können.
Nun werden die Funde von Mitarbeitern des Jüdischen Kulturmuseum Veitshöchheim gesichtet, gesichert und gegebenenfalls aufgearbeitet. Das Museumsteam hat in der Vergangenheit mehrere derartige Funde analysiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bereits 1986 sind bei der Renovierung der Veitshöchheimer Synagoge ähnliche Zeugnisse jüdischen Lebens gefunden worden, erklärte Martina Edelmann vom Museum Veitshöchheim, so eine umfangreiche Ablage religiöser Schriften, einiger Textilien und religiöser Kultgegenstände. Viele hebräischsprachige Bücher und Stoffreste, die heute im Museum gezeigt werden, sind seinerzeit gerade noch rechtzeitig aus Abfallcontainern gerettet worden. Die Veitshöchheimer Geniza ist die umfangreichste ihrer Art, die bislang im deutschsprachigen Raum entdeckt wurde. Sie umfasst etwa 3.000 Texte, deren früheste aus dem 16. Jahrhundert stammen. Neben religiösem Schrifttum wie Bibeln, Gebetbüchern, Einzelgebeten oder rabbinischen Auslegungen sind zahlreiche weltliche Texte wie etwa Märchen, allgemeine Unterhaltungsliteratur oder historische Werke erhalten. In großer Zahl wurde auch handschriftliches Material abgelegt, so beispielsweise Rechnungen, Briefe oder Notizbücher. Der Bestand reicht von fragmentarisch erhaltenen Einzelblättern in Papierfetzen, über Reste von 40 Torawimpeln, aus Beschneidungswindeln gefertigt, über Tefillinbeutel zur Aufbewahrung der Gebetsriemen, Teile von Gebetsriemen selbst und Gebetsmäntel, diverse Kopfbedeckungen und Kleidungsstücke, Reste von Tefillin und Tefillinkapseln, ein Schofarhorn oder Lulavringe, mit denen der Feststrauß am Laubhüttenfest zusammengebunden wurde, bis zu nahezu vollständigen Büchern von mehreren hundert Seiten. In über neunzig Prozent der Fälle fehlen jedoch die ersten und letzten Blätter des Drucks, so dass eine Einordnung des jeweiligen Fragments nur durch den Vergleich mit anderen Exemplaren möglich ist. Inzwischen ist die komplette Geniza von Veitshöchheim gesichtet, der größte Teil des gedruckten Materials auch in einer eigens dafür angelegten Datenbank erfasst.
Die Entdeckungen, die Gothart und die beiden Arbeiter nun Anfang Dezember in der Bayreuther Geniza bei einer notwendig gewordenen Freilegung von Dachbalken gemacht haben, sollen jetzt von zwei wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen des Jüdischen Kulturmuseum Veitshöchheim betreut werden, um rechtzeitig zum 250. Geburtstag der Kultusgemeinde Bayreuth im kommenden Jahr der Öffentlichkeit vorgestellt werden zu können. Für Elisabeth Singer und Beate Weinhold sieht der Fund allerdings noch «relativ unspektakulär aus und gleicht eher einem staubigen Haufen», schrieb die «Frankenpost».
Museumsleiterin Edelmann weiß indes, dass bei Geniza-Funden immer wieder zwar sehr profane Dinge auftauchen, so etwa Rechnungen, Quittungen, Schreibübungen in hebräischer Sprache oder sogar Einkaufszettel, die, wie heute, als Lesezeichen in Bücher eingelegt wurden, die aber allesamt großen Aufschluss über das alltägliche Leben der damaligen Zeit geben. Auch Bezirksheimatpfleger Günter Dippold erklärte, er erwarte sich «Schriftgut aus über 150 Jahren, das über die besondere Struktur einer städtischen Gemeinde Aussagen verspricht». Ob der Bayreuther Fund dem Veitshöchheimer an historischer Bedeutung den Rang ablaufen werde, ist noch ungewiss.
Ähnliche Genizafunde sind in der Region aus Urspringen, Altenschönbach, Westheim, Memmelsdorf, Mönchsroth, Wiesenbronn, Kleinsteinach, Gossmannsdorf , Gaukönigshofen und Weikersheim bekannt.
Die wohl berühmteste Geniza befindet sich in Kairo und wurde 1890 von Solomon Schechter bei einer Renovierung der Ben-Esra-Synagoge entdeckt, die im Jahre 882 erbaut worden war. Dreißig Jahre zuvor hatte der Gelehrte Jakob Saphir die Geniza zwar gefunden, jedoch ihren Inhalt nicht weiter untersucht. In der Geniza fanden sich 200.000 Schriftstücke ab dem Jahr 800, darunter ein Altes Testament in hebräischer Sprache, die berühmte «Damaskusschrift», die später ein zweites Mal in Qumran am Nordwestufer des Toten Meeres gefunden wurde, Heiratsurkunden und auch Briefe, die über die Belagerung Jerusalems während der Kreuzzüge aus jüdischer Sicht Auskunft geben.


Ludwig Beer

«Jüdische Zeitung», Januar 2010