Straßentheater

Wie die «Lobby für jüdische Werte» Weihnachten in Jerusalem abschaffen wollte

 

 

Mit den Christen sollte man es sich bekanntlich nicht verscherzen. Schon gar nicht aus israelischer Sicht. Die evangelikanisch-christlichen Lobbyorganisationen in den USA und Europa gehören zu den einflussreichsten Gruppierungen weltweit, die, ausgestattet mit dem nötigen Kleingeld, einer gehörigen Portion messianischem Eifer und reichlich kruden Argumenten, die Interessen Israels in der Diaspora zu vertreten glauben. Und auch dem gemeinen Besucher christlicher Kultstätten im «Heiligen Land» kommt eine nicht unwesentliche, wirtschaftliche Bedeutung zu: Um die 850.000 christlichen Pilger spülten allein im Jahr 2009 Millioneneinnahmen in die Tourismuskassen Israels.
Israels Tourismusminister waren und sind sich dieser politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten schon immer bewusst; schließlich ist der Tourismus die fünftwichtigste Umsatzbranche des Staates. Und so sieht es auch der aktuelle Minister, Stas Mizeschnikov von der Lieberman-Partei «Israel Bejtenu» (die übrigens einst als ethnische Interessenvertretung der russischen - ja, auch der christlichen - Zuwanderer nach Israel galt), und visiert für die Zukunft neue touristische Rekordzahlen an.
Mizeschnikov und Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat warben also wie selbstverständlich auch im letzten Jahr wieder fleißig um die zahlungskräftigen Andersgläubigen. Und zum Weihnachtsfest wurden allein in Jerusalem 70.000 christliche Gäste erwartet. Wenn auch größtenteils kaum wahrnehmbar, schmückten hie und da - nicht nur christlich-arabische - Hotels und Restaurants in der Stadt des Nebeneinanders ihre Auslagen mit Weihnachtsbäumen, Leuchtsternen und Kunststoffgirlanden. Der Kunde ist schließlich König.
Doch dem profanen interkulturellen Brückenschlag drohte kurz vor den Weihnachtstagen ein Fiasko. Die Gruppe der «Lobby für jüdische Werte» erklärte in Jerusalem, eine Woche vor dem 24.12., dem christlichen Brauch den Religionskrieg. Die selbsterklärten Kulturbewahrer liefen durch die Strassen der «Heiligen Stadt» und verteilten Handzettel. Auf denen verdammten sie das Christenfest und stachelten die jüdische Öffentlichkeit an, diejenigen Restaurants und Hotels zu boykottieren, die christliche Symbole führten oder verkauften. 
Von einigen Jerusalemer Rabbinern unterstützt trat der Lobby-Vorsitzende Ofer Cohen an die israelischen Medien heran und sprach von der Veröffentlichung einer «schwarzen Liste» mit Namen von Geschäften und Hotels, die vom Boykott betroffen sein sollten. Abgesehen hatte es die Lobby vor allem auf Jerusalemer Einrichtungen, die ein Koscher-Zertifikat tragen. Dieses sollte ihnen aberkannt werden, schließlich sei Weihnachten nicht koscher!
So stand auf den Handzetteln zu lesen: «Die Menschen von Israel haben ihre Seele gegeben, um die Werte der Tora Israels und der jüdischen Identität zu bewahren. Sie sollten diesem Pfad der jüdischen Tradition folgen und nicht der clownesken Atmosphäre am Ende des zivilen Jahres nachgeben. Und sie sollen nicht solchen Geschäften helfen, die die dummen Symbole des Christentums verkaufen.»
Hier stellt sich die Frage: Was veranlasst Rabbiner und jüdische Lobbygruppen, solche Listen anzufertigen und die Kaschrut-Karte auszuspielen? Für die «Lobby für jüdische Werte» und das Jerusalemer Rabbinat jedenfalls steht fest: Die Geburt von Jesus, dem christlichen Messias, ist nicht koscher! Und daher seien die Krippenszene und alles rund um die Geburt Jesus in der jüdischen Stadt Jerusalem nicht erlaubt. Und was ist mit dem Weihnachtsbaum, einem heidnischen Ritual, das von fundamentalistischen Christen selbst als ebensolches verboten ist? Sollten Kiefern und andere als Weihnachtsbaum ausstaffierte Bäume also auch zukünftig gleich aus dem jüdischen Staat verbannt werden? Und der Weihnachtsmann?
Das Dilemma ist das alte: In Israel gibt es keine Trennung zwischen Staat und Religion. Der US-Journalist Samuel Scott fragte denn auch folgerichtig: «Die westliche, säkulare Art des Festefeierns und die rabbinischen Bemühungen, dieses Phänomen zu unterdrücken, sind nur ein weiteres Beispiel für das zentrale Paradox des Staates Israel. Der jüdische Staat möchte zwei Dinge sein: jüdisch und demokratisch. Aber wie lautet die Lösung, wenn die beiden Maximen miteinander konkurrieren? Wenn alle Israelis, gleich ob Juden oder Nichtjuden, anfangen, Weihnachten zu feiern, dann wird es natürlich nicht länger ein jüdischer Staat sein. Wenn die Regierung allerdings das Feiern nichtjüdischer Feste verbietet, ist es kein demokratischer Staat mehr.»
Ganz so weit ist es noch nicht. Auch wenn der derzeitige israelische Justizminister schon mal die sukzessive Einführung der Halacha, des jüdischen Religionsgesetzes, als oberste staatliche Gesetzgebung in Israel vorschlägt. Der von der intoleranten Lobby geschürte Religionskampf in Jerusalem, einer Stadt mit gerade einmal zwei Prozent christlicher Bevölkerung - Tendenz fallend  -, springt auf dieses Pferd. Er richtet sich vor allem gegen die christlich-arabische Bevölkerung - und gegen die Touristen. Deren Lobby ist allerdings nicht zu unterschätzen. Das Tourismusministerium lässt grüßen.

Miriam G. Fried

«Jüdische Zeitung», Januar 2010