«Wir sind der Chor der Stummen und Blinden»

Feliks Byelyenkov über das mangelnde Selbstbewusstsein zugewanderter russischer Juden, den Zentralrat und die «graue Eminenz» des jüdischen Deutschlands, Benny Bloch

 

Foto:Vitali Kropman

Ein kalter Dezembermorgen. In einer schmalen Gasse des mittelalterlichen Stadtzentrums von Brandenburg steht das einstöckige Gebäude der Jüdischen Gemeinde. Unsaniert, baufällig, trostlos. Ein Kachelofenzimmer mit halbzerrissenen Postern des Jüdischen Nationalfonds, einem Behelfssekretariats­tisch und abgewetztem Laminatboden führt den Besucher in ein enges, mit 1970er-Jahre-Funktionsmöbeln zugestelltes Büro. Hier arbeitet Feliks Byelyenkov (61) für seine Gemeinde, eine der ärmsten jüdischen Gemeinden Deutschlands, Heimat von 114 eingetragenen Mitgliedern. «Man muss es mit Humor nehmen, sonst wird es ganz traurig», sagt uns Byelyenkov gleich zu Beginn. Bis vor kurzem war er noch zuversichtlich, etwas bewegen zu können: als Vorsitzender des Landesverbandes Brandenburg und Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden. Seine Zeit in diesem Gremium war kürzer als erwartet, aber immer noch lang genug, um einiges über die politischen Zustände zu lernen und uns davon, phasenweise in feinstem Jiddisch, zu erzählen. Ein - stark eingedeutschtes - Gespräch.

Herr Byelyenkov, wie lange waren Sie Mitglied des Zentralrats?
Ich wurde 2006, gemeinsam mit Frau Knobloch, ins Präsidium gewählt. 2008 hat man mich abgewählt. Also etwa zwei Jahre. Aber die Formalitäten haben mich immer am wenigsten interessiert. Selbst etwas machen zu können, das war interessant.

Wie kam es zu Ihrer Wahl ins Präsidium des Zentralrats? War das ein spontaner Vorschlag aus dem Landesverband Brandenburg oder hat jemand mit Ihnen im Vorfeld darüber gesprochen?
Natürlich gab es im Hintergrund irgendwelche Gruppierungen und Sondagen und man sagte mir: Wir versuchen, Dich zu wählen. Das war eine ganz normale Prozedur. Ich habe damals 16 von 32 Stimmen erhalten.

Wie wird das neunköpfige Präsidium des Zentralrats gewählt?

Zunächst wählen die Landesverbände das Direktorium, drei Mitglieder des Präsidiums werden von der Ratsversammlung, d.h. der Gemeindevertretung, gewählt, die anderen werden auf der Direktoriumsversammlung gewählt - und die kann man abwählen. So war es bei mir der Fall.

Das heißt, Sie wurden noch im Laufe Ihrer Legislaturperiode abgewählt?

Ja. Meine Leute vom Landesverband waren mit mir nicht zufrieden.

Mit welchen Punkten Ihrer Arbeit war Ihr Landesverband unzufrieden?

Es gab keine konkreten Vorwürfe. Man hatte von mir erwartet, dass ich dabei helfe, dem Landesverband mehr Gelder zufließen zu lassen. Es gibt keine feste Struktur im Landesverband. Außer in Potsdam gibt es in keiner Gemeinde Brandenburgs feste Angestellte. Alle machen ihre Arbeit ehrenamtlich oder als Ein-Euro-Jobber. Es gibt keine Struktur. Deswegen erwarteten meine Leute etwas anderes von mir. Ich will hier keinen Klatsch verbreiten, ich bin Pragmatiker. Aber die Prozedur, wie ich abgewählt wurde - ob es mir gefällt oder nicht - war ganz normal. Trotzdem ist es sicherlich keine gewöhnliche Sache, dass man während der Legislaturperiode abgewählt wird.

Waren Sie in diesem Augenblick überrascht?

Nein. Ich kenne die Stimmungen und die Erwartungen. Wir haben alle den gleichen Stand. Das war keine Überraschung.

Obwohl fast 80 Prozent der ca. 114.000 Gemeindemitglieder jüdischer Gemeinden in Deutschland aus der Ex-Sowjetunion kommen, sind Sie das einzige russischsprachige Präsidiumsmitglied gewesen. Jetzt gibt es im Präsidium keinen einzigen russischen Juden mehr. Warum?
Im Direktorium waren vier, wobei einer, Denow, eigentlich schon vollkommen integriert ist. Obwohl ich den Begriff «integriert» genauso wenig mag wie «absorbiert», den Terminus in Israel. Das eine ist ein mathematischer, das anderer ein chemischer Fachbegriff. Man wollte Denow dann ins Präsidium wählen, aber es gab Stimmungen, die das verhindert haben.

Jetzt gibt es doch aber keinen russisch-jüdischen Repräsentanten mehr im Präsidium?
Ich möchte Sie a bissele korrigieren. Byelyenkov ist nicht der Repräsentant aller Russen. Ich hatte nie ein solches Mandat. Niemand hat mir die Vollmacht gegeben, die Russen zu repräsentieren. Beispielsweise in der Gemeinde Köln, einer vollkommen idiotischen Gemeinde, unterstützt die eine Hälfte den deutsch-jüdischen Gemeindevorstand Abraham Lerer, und die andere Hälfte unterstützt sich selbst. Und das ist einer der großen Fehler, die oft gemacht werden: die Juden nach ihrer Herkunft zu differenzieren, nach dem Prinzip «die kommen aus Polen, die kommen aus Berditschew, die kommen aus Kasachstan etc.». Die Menschen kommen aber nicht hierher, um Russen zu sein. Das ist einer der Fehler, den auch die Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, die ZWST, macht, wenn sie sagt: «Wir haben einen Club für die Leute aus Baku und für die Leute aus Moskau.» Was hat das damit zu tun? Sind wir hierher gekommen, um Leute aus Moskau oder Leningrad zu sein? Das ist schrecklich. Und hier versucht man, die Juden zu differenzieren.

Aber woran liegt es, dass es auch im Jahre 20 seit Beginn der großen russisch-jüdischen Zuwanderung - heute sind über 90.000 Menschen dieser Gruppe Gemeindemitglieder - so wenig Repräsentanz im obersten Verwaltungsgremium gibt?
Die Menschen, die im Präsidium sind, haben mehr Erfahrung und Wissen über die Struktur. Und diese Struktur, die die deutsche Regierung geschaffen hat und wofür ich dankbar bin, hat ermöglicht, dass so viele einwandern konnten. Und dann muss man wachsen, die Sprache lernen, die Struktur kennenlernen, die deutschen Gesetze, die Traditionen... Ich verstehe die Motivation, warum man die russischen Juden nach Deutschland eingeladen hat. Man brauchte einen Chor, wie in der griechischen Tragödie, der die Situation widerspiegelt. Aber jetzt ist der Chor schon gewachsen, es fehlt nur a bissele Selbstbewusstsein.

Aber es sind doch schon viele, so wie Sie, über zehn Jahre hier im Land, kennen die Strukturen, können die Sprache. Es wäre doch jetzt an der Zeit aufzusteigen?

Die Ursachen liegen im Inneren. Das ist ein normaler Kampf in den Gemeinden. Das ist ein Kampf! Im Direktorium oder Präsidium vertreten zu sein, ist eine Frage des Prestiges. Viele wollen das. Vor allem die deutschen Juden wollen das. Die russischen Juden sind pragmatischer und suchen im Präsidium die Möglichkeit, der Gemeinde zu helfen und Aufmerksamkeit für die Gemeinde zu erringen. Die Gemeinde soll prosperieren. Und das ist nicht einfach. Wir sind zwar die Mehrheit, aber mit ihrer Erfahrung und mit ihren Kenntnissen regiert die Minderheit. Ich könnte jetzt sagen: Das ist nicht richtig, das ist nicht fair. Ja, in vielen Fällen ist das ganz normal. Man muss lernen und braucht einen «Führer». Es reicht nicht, nur von meiner Babuschka zu lernen. Eine jüdische Gemeinde zu führen ist ein Beruf. Besonders in so einem Loch wie der Stadt Brandenburg.

Die Öffentlichkeit in Deutschland, auch die jüdische, erfährt äußerst selten, worüber bei Sitzungen des Zentralrats gesprochen bzw. diskutiert wird. Finden Sie das richtig?

Das ist ein Fakt. Natürlich ist das nicht richtig. Die Öffentlichkeit muss Zugang zu Informationen haben. Und wie bekommt man die? Es gibt die offiziellen Organe, die alle nicht gut sind: die Wochenzeitung «Jüdische Allgemeine», das Informationsblatt «Zukunft», das Internet. Aber die ersten Multiplikatoren sind die Delegierten; die Mitglieder des Zentralrats selbst müssen das in die Gemeinden bringen. Aber machen Sie mal eine Probe in den Gemeinden und fragen Sie die Leute, ob sie den Unterschied zwischen Zentralrat und ZWST kennen. Viele kennen den nicht und sie kennen auch nicht ihren eigenen Delegierten. Und dieser Delegierte kann oft selbst seinen eigenen Namen nicht schreiben und sich nicht artikulieren. In meiner Zeit ist es sehr selten passiert, dass wichtige Probleme auf den Tisch des Zentralrats gekommen sind. Der Zentralrat ist ein anders orientiertes Organ. Und für die Gemeinden gilt: «Jede Gemeinde ist autonom.» Das ist etwas Grundsätzliches.

Welche Probleme bleiben dann aber noch auf den Sitzungen des Zentralrats und dessen Präsidium zu besprechen?
Das sind außenpolitische Probleme. Ich verstehe den Zentralrat zuallererst als Lobby, als Repräsentanz von allen Juden. Deshalb muss man die Struktur des Zentralrats ändern und die Dichotomie Zentralrat-Gemeinde beiseite kehren. Das muss man ändern. Die Formen des Zentralrats müssen natürlich fair sein. Er muss lernen, wie man damit in diesem Staat Deutschland umgeht. Das erste Gebot ist die Loyalität gegenüber dem Staat, zu diesem Land, zu dieser Regierung. Sogar die Kritik muss einen fairen Charakter haben. Hart, aber fair.

Ist es Ihrer Meinung nach derzeit so?

Im Großen und Ganzen ja. Aber es gibt eine zeitliche Diskrepanz zwischen offiziellen Statements von Kramer und den Direktoriumssitzungen. Nehmen wir den Fall Filbinger. Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind im Jahr 2007 zu dem Begräbnis dieses Faschisten gegangen. Das ist lächerlich, weil das zeigt, dass die Menschen nicht wissen, wie man mit Geschichte umgeht. Solche Fehler gibt es viele. Wir müssen lernen, sonst bestraft uns die Geschichte. Und hier kommen wir in eine andere Dimension: Wer macht das und wer inspiriert das? Und das ist Benny Bloch, der Direktor der Zentralen Wohlfahrtsstelle. Wir sehen nur die Avancen. Da ist Kramer, ein dynamischer, junger Mann, der unsicher ist. Zur Zeit der starken Präsidenten - zuletzt Ignatz Bubis  - war Kramer deren Rückhalt. Jetzt, unter Knobloch, ist das nicht so. Jetzt regiert Bloch in gewisser Weise. Sogar schon zu Zeiten von Paul Spiegel. Bloch hat in der ZWST ein Marionettenpräsidium. Das ist eine andere Struktur, aber diese Struktur ist eine Tasche voller Geld. Und diese Struktur kann alles machen. Die Leute kommen zu Bloch. Er hat die Macht. Bloch verteilt Geld und bestraft. Und so geht es schon viele Jahre. Das ist die Kernfrage.

Der Publizist Henryk M. Broder hat im Oktober eine Scheinkandidatur gegen Zentralratspräsidentin Knobloch initiiert, die von den deutschen Medien aufgegriffen wurde. Broder kritisierte den Zentralrat als «Reue-Entgegennahme-Instanz» und bezichtigte den Generalsekretär Kramer des «sinnfreien Aktionismus».

Broder hat provoziert. Er ist ein besonders kluger Mensch. Man muss Broder kennen, er hat etwas typisch jüdisches gemacht. Das ist wunderbar. Leider hat der Zentralratsvize Dieter Graumann falsch reagiert. Aber die Möglichkeit einer Präsidentschaft Broders hat nie bestanden. Zum einen wegen der Wahlprozedur. Man muss erst in den Zentralrat gewählt werden, bevor man Präsident werden kann. Zum anderen wegen Broders nichtjüdischer Frau. Aber ich danke ihm dafür, dass er diese Probleme an die Oberfläche geholt hat. Aber Frau Knobloch ist die falsche Adressatin. Sie ist eine «virtuelle Behinderte». Sie ist typisch deutsch: Sie genießt ihren Ehrendoktortitel. Schon wie sie redet. Sie ist eine alte Frau. Sie hat Zugang zur Staatskanzlei und zu Merkel und sie macht absolut autonom irgendwelche Sachen. Und hinterher sitzen wir zusammen und fragen sie: «Frau Knobloch, was machen Sie?» Sie versucht, etwas zu sagen, aber sie ist nicht dafür geeignet. Ich verbeuge mich in Erinnerung an ihr Schicksal, mit ganzem Respekt, aber Ein-guter-Mensch-Sein ist kein Beruf. Und sogar von der menschlichen Seite ist sie nicht besonders: keine Ethik. Aber menschliche Ethik fehlt vielen deutschen Juden. Trotz allem, Knobloch ist keine Diktatorin und es ist die Sache des Präsidiums und des Direktoriums, sie zu korrigieren. Aber es ist immer schwerer zu korrigieren, als es von Anfang an gut zu machen. Aber Benny Bloch stärkt Knobloch den Rücken. Sie sind seit Jugendjahren zusammen und das ist eine schreckliche Verbindung. Als es das Trio Spiegel, Friedman, Knobloch gab, sagte Knobloch einmal: «Wir sind das Trio Infernale.» Wie kann man so etwas sagen?

Die Mitglieder des Zentralrates werden von den Gemeindevorständen bzw. Landesverbänden delegiert und sind den Gemeindemitgliedern keine Rechenschaft und Information schuldig.
Ich habe der Gemeinde nicht jeden Satz aus einer Zentralratssitzung vorgelesen. Aber nach jeder Sitzung habe ich versucht, unserer Gemeinde und unserem Vorstand zu erzählen und manchmal zu kommentieren, worum es ging und wie die Verhältnisse sind. Das hat keinen interessiert. Die Leute interessierten sich nur dafür, wann und wie wir das Geld bekommen. Und das ist ganz normal. Die Leute sind pragmatisch. Die jüdische Religion ist pragmatisch. Ich will die Menschen nicht beschuldigen. Es gibt keinen Mechanismus hier, der uns dazu bringt - ich will nicht sagen, uns zu perfektionieren -, aber mindestens zu lernen. Trotz der vielen Möglichkeiten, dem Abraham-Geiger-Kolleg und den vielen Privatinitiativen von Juden.

Sollte vielleicht auch der Wahlmodus zum Zentralrat verändert werden? Sollten die Gemeindemitglieder ihre Abgeordneten selbst wählen?

Das ist wahrscheinlich die Kernfrage des ganzen Judentums in Deutschland. Aber wer kann die Gemeinde X kontrollieren? Die Gemeinde X ist autonom und das liegt in den jüdischen Wurzeln. Jedermann kann heute Arbeitsminister, morgen Verteidigungsminister und danach Bundeskanzler werden. Das ist totale Idiotie. Aber es gibt zum jeweiligen Minister den zuständigen Staatssekretär. Und wenn wir Ordnung in die Gemeinden und in den Zentralrat bringen wollen, muss jemand Staatssekretär sein, der etwas davon versteht. In Deutschland gibt es viele Gemeindevorsitzende, die noch nie in einer Synagoge waren. Ihre Familie sind Gojim. Wie können solche Gemeinden funktionieren? Dasselbe Beispiel gibt es mit einem Repräsentanten einer großen Gemeinde, ich will den Namen nicht nennen. Ich kenne zehn solcher Namen. Und warum ist das so? Aber, was interessant ist: Mit solchen Menschen kann Benny Bloch alles machen, was er will.

Was will Benny Bloch?

Er will der Einzige sein. Sein Traum ist es, Präsident des Zentralrats zu sein. Schauen Sie in die Vergangenheit. Zuerst war man Vorsitzender der ZWST und dann wurde man Zentralratspräsident. Aber die Situation ist so. Er ist der Geldgeber, der Brötchengeber. Er hat einen riesigen Einfluss.

Wie sieht das bei Ihnen in der Jüdischen Gemeinde Brandenburg aus? Bekommen Sie Geld von der ZWST?
Von der ZWST bekommen wir gar nichts, weil ich ein schlechter Mensch bin. Vor ein paar Wochen habe ich einen Brief an Bloch geschrieben: «Benny, hilf uns». Vom Staatsvertrag bekommen wir monatlich 1.070 Euro. Für die ganze Mischpoche. Ich muss fünf Tonnen Kohle kaufen, das kostet etwas. Und deshalb schreibe ich Benny. Das ist seine Aufgabe. Das ist nicht sein Geld, das ist öffentliches Geld. Und ich schreibe ihm. Keine Antwort. Das ist typisch. Und meine Mitarbeiterin ruft ihn an. Er sagt: «Sie bekommen von mir gar nichts.» Sie fragt: «Warum?» «Weil Byelyenkov ein schlechter Mensch ist.» Sie fragt: «Was hat Byelyenkov mit uns zu tun. Wir müssen den Strom bezahlen, jetzt ist Chanukka.» Seine Antwort: «Das interessiert mich nicht.»

Dann möchte Bloch wohl, dass die Gemeinde Brandenburg den Byelyenkov demissioniert?
(lacht) Ja, so war es im Landesverband. Weil ich ganz offen auf dem Präsidium und zuerst im Direktorium gesagt habe: «Man muss zuerst die ZWST» ändern. Es geht nicht nach dem Prinzip «Der Baron gibt mir Geld, gibt mir kein Geld». In Berlin, der ZWST-Zweigstelle, zahlt Benny Bloch an Jossi Vardi, den Zweigstellenleiter, eine Rente aus ZWST-Geldern. Ist das legal? Vardi bekommt eine Rente als israelischer Ex-Offizier. Warum hat er Anspruch auf die Rente von Benny? Ich bin nicht dagegen, wenn irgendein Jude a bissele Geld macht. Das steht in seiner Verantwortlichkeit. Aber ich brauche Geld, um einfach das Gemeindehaus zu heizen, und ich bekomme es nicht. Und dort gibt es Tausende und Millionen Euro. Oder ein anderes Beispiel: Benny verliert in einem Café 40.000 Euro Bargeld. Das wurde im Zentralrat besprochen, ist aber nicht an die Öffentlichkeit gekommen. Das muss es auch nicht. Aber man muss ein Gewissen haben.

Wurde Bloch damals für den Verlust zur Verantwortung gezogen?
Nein.

Wie lange ist Bloch noch ZWST-Direktor?

Ewig. Es gibt eine gute, dynamische Frau mit vielen Ideen. Als sie damit zu Bloch ging, meinte der nur: «Ich brauche das nicht. Das ist mein Platz auf ewig. Und solang ich hier sitze, bekommst du gar nichts.» Ich kann verstehen, dass es so eine diktatorische Symptomatik gibt. Aber man muss auch die anderen Dimensionen verstehen. Das berühmte Tabu in Bezug auf die Jüdischen Gemeinden hat dazu geführt. Und wir sind jetzt leider der Chor der Stummen und Blinden. Auf formaler Ebene existiert hier die Demokratie. Man will. Auch bei Putin gibt es Demokratie, nur eben sein Modell davon. Und so auch bei Benny. Man muss dem Zentralrat zugute halten, dass er eine Wirtschaftsprüfung seiner Organisation vornehmen lässt. Benny macht dagegen eine Finanzprüfung. Das sind zwei Paar Schuhe.

Zurück zum Zentralrat. Es gibt Vorwürfe, wonach sich dieser fast ausschließlich mit der Erinnerung und Warnung gegen Antisemitismus beschäftige und dabei die gegenwärtigen Probleme der Gemeinden vernachlässige. Was meinen Sie dazu?
Ich denke, das ist richtig. Erinnerung muss sein. Wer die Erinnerung verliert, verliert die Zukunft. Aber hier in Deutschland gibt es eine andere Erinnerungskultur. Erinnerungskultur muss kein Hammer sein: Der Holocaust und die Juden als einzige Opfer. Die Juden waren Opfer, aber zugleich auch die Polen und andere. Man muss nicht relativieren, aber ganz vorsichtig damit umgehen. Aber nicht nur die Juden. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin finde ich schrecklich und das kam nicht von jüdischer Seite.

Was kritisieren Sie daran?
In Deutschland haben wir ein Problem. Wir müssen unser Judentum lebendig machen. Und dafür gibt es kein Verständnis bei denen im Zentralrat. Ich habe versucht, mit fast jedem im Präsidium zu reden und habe die Augen der Gesprächspartner nach anderthalb Minuten gesehen: Sie haben den Faden verloren. Und das ist schon Tradition. Es ist schwer, das zu ändern. Das braucht Zeit und andere Methoden der Wahrnehmung. Das ist ein komplexes Problem und liegt am wenigsten am Personal. Deswegen habe ich gesagt: «Sie haben eingeladen, aber kein Verständnis dafür, wen man da einlädt, mit welchen jüdischen Wurzeln und Hintergründen.» Die meisten Leute kamen nach Deutschland, um nicht Juden zu sein! Die, die das richtige Judentum gesucht haben, sind nach Israel oder in die USA gegangen. Es ist sehr schwer, sogar in meinem Alter, etwas von der Vorstellung zu ändern. Auch meine Einstellung zu Deutschland: Krieg, Faschisten, Antifaschisten. Das ist nicht einfach. Und deswegen war die Motivation nicht in erster Linie, Jude zu sein oder das Judentum prosperieren zu lassen. Nein, die Leute leben hier pragmatisch. Man geht in die Gemeinde, weil man da vielleicht etwas verdienen kann. Und das ist der Unterschied zu den «deutschen Juden». Das ist eine ganz andere Tradition. Ich kenne viele Beispiele von Juden, auch Vorstände von großen Gemeinden, die kein Verständnis für das Judentum haben. Und das ist nicht die Schuld der Menschen. Das ist die organisatorische Schuld des Zentralrats. Man muss die Basis gut kennen.

Im Oktober war die Organisation «Phönix aus der Asche» in Berlin. Der Zentralrat hat nicht teilgenommen. Fehlt es da an Verständnis für die Belange von russisch-jüdischen Kriegsveteranen und Holocaustüberlebenden?

Ja, es fehlt an Verständnis. Jetzt hat mich Kramer gefragt, ob ich der Verbindungsmann zu den Veteranen sein möchte. Ich habe zugesagt. Wir waren gemeinsam auf einem Treffen in Stuttgart. Aber es fehlt an Verständnis für die Veteranen der Roten Armee und ihre Belange. Ich habe einen abscheulichen Brief von Abraham Lerer, dem Vorsitzenden der ZWST, vorliegen. Petro Feldman, der Bundesvorsitzende des «Verbandes der Veteranen, Ghetto- und KZ-Gefangenen sowie der Überlebenden der Leningrader Blockade», hat ihn um verbesserte Hilfe und finanzielle Unterstützung für diese Menschen gebeten. Lerer hat das mit abscheulicher Wortwahl abgelehnt. Das ist unmenschlich. Das ist keine jüdische Tradition. Wir reden hier von 400 bis 500 Menschen im Alter von 85 bis 90 Jahren. Das sind alte Menschen. Lerer zeigt hier ganz wenig Wissen und ganz wenig Gewissen.

Herr Byelyenkov, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führten
Vitali Kropman und Eik Dödtmann

«Jüdische Zeitung», Januar 2010