Wandern auf schmalem Grat
Im Jüdischen Museum Wien wird in der Ausstellung «Hast du meine Alpen gesehen?» die Beziehungsgeschichte von jüdischem Alpintourismus, antisemitischen Ausgrenzungsformen und dem Fluchtort Gebirge thematisiert
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Foto:Michael Melcer und Patricia Schon
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Wenn ich vor Gott stehen werde, wird der Ewige mich fragen: Hast du meine Alpen gesehen?», meinte der Hamburger Rabbiner Samson Raphael Hirsch und lieferte mit seiner Aussage den Titel für die aktuelle Ausstellung des Jüdischen Museums in Wien. Die Kooperation zwischen den Jüdischen Museen Hohenems und Wien ist nun nach ihrer erfolgreichen Erstpräsentation in Vorarlberg in der österreichischen Bundeshauptstadt angekommen, wo sie bis zum 14. März 2010 noch zu sehen sein wird. Die Ausstellung verspricht eine Wanderung durch die spannende Beziehungsgeschichte zwischen den europäischen Juden und dem Alpenraum von Wien bis in die Schweiz und nach Meran.
So vielfältig die geographischen Verortungen der Ausstellung sind, so mannigfaltig gestalten sich auch ihre inhaltlichen Thematiken. Die Reise führt den Museumsbesucher durch die Welten des jüdischen Alpinismus und der Erschließung der Berge für den internationalen Tourismus. Sie spiegelt die romantischen Träume der urbanen Bevölkerung vom «ländlichen Glück» und die Widersprüche zwischen Assimilation, Migration, Verfolgung und Neubesinnung wider.
Die Ausstellung befasst sich mit einem noch sehr jungen Forschungsfeld der europäischen Geschichte, indem sie die Bedeutung jüdischer Bergsteiger und Künstler wie auch von Tourismuspionieren und Intellektuellen sowie deren Rolle bei der Erschließung der Alpen als universelles Kultur- und Naturerbe zum ersten Mal in das öffentliche Bewusstsein rückt. Die Schau «Hast du meine Alpen gesehen?» thematisiert die Alpen in ihren verschiedenen Konnotationen. Für die einen stellen die Berge eine sportliche Herausforderung dar, für die anderen sind sie der angestrebte Ort für familiäre Ausflüge und romantisches Familienidyll. Später, mit Beginn der Naziherrschaft, werden die Alpen zum lebensrettenden Element für diejenigen, die in ihnen Schutz bei der Flucht in ein anderes Land suchen.
Dieser schmale Grat zwischen Gut und Böse zieht sich durch die ganze Beziehungsgeschichte der jüdischen Erschließung des Alpenraumes.
So steht hinter einem anfangs ganz alltäglich scheinenden Exponat, einem «Sommerlichen Dirndl» aus dem Hause Wallach, die Geschichte der jüdischen Gebrüder Wallach, die am 9. November 1900 in München ein Fachgeschäft für Landestrachten eröffneten. Mit ihrem Trachtengeschäft gelang es den Brüdern, das Dirndl auch im städtischen Raum salonfähig zu machen, was ihnen zehn Jahre nach der Eröffnung ihres Ladens den Ehrentitel königlich-bayrischen Hoflieferanten einbrachte. Doch wie so viele jüdische Erfolgsgeschichten endet auch diese mit dem Anbruch der Naziherrschaft. 1937 wird der Wallachsche Fachhandel zwangsverkauft und die Familie muss fliehen.
Diese Geschichte steht beispielhaft für die Kluft, in der das Festhalten an traditioneller Volkskultur und dem nationalsozialistischen Heimatwahn verläuft. So ist vor dem Zweiten Weltkrieg das Tragen von Trachten während der alpenländischen Sommerfrische eine Tradition, die auch von jüdischen Familien gerne hochgehalten wird. Doch mutiert dieses Kleidungsstück zu Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem Symbol des nationalistischen Wahns um Identitätsbildung, der am 18. Juni 1938 im gesetzlich erlassenen «Trachtenverbot für Juden in Salzburg» gipfelte.
Ein anderes Beispiel für die Verdrängung der Juden aus dem alpinen Raum ist die Geschichte der Alpenvereine. Auch diesem Kapitel werden einige Exponate in der Ausstellung gewidmet. So zum Beispiel eine Plakette der «Austria-Bergsteigerschaft». Die Wiener Alpenvereinssektion «Austria» zählte fast 2000 jüdische Mitglieder, ein Drittel der Vereinsangehörigen, als 1921 ein von der Mehrheit beschlossener Arierparagraph mit dem Ausschluss der Juden aus der Gesellschaft ernst machte.
Die jüdischen Alpinisten gaben jedoch nicht auf und gründeten gemeinsam mit nicht- jüdischen Freunden eine eigene Alpenvereinssektion, die «Donauland». Hierzu ist in der Ausstellung «Hast du meine Alpen gesehen?» ein antisemitisches Plakat der Sektion «Austria» mit der Aufschrift «Juden und Mitglieder des Vereines Donauland sind hier nicht erwünscht» zu sehen. Bereits drei Jahre nach der Einführung des Arierparagraphen in der «Austria» stieß der Alpenverein die Sektion «Donauland» aus. Damit war die Arisierung des Alpenvereins Anfang der zwanziger Jahre erfolgt, ohne auf nennenswerten Widerstand in der Gesellschaft zu stoßen.
Mit dem Nationalsozialismus kommt der Museumsbesucher nun auch am Ende seiner «Erwanderung» jüdischer Alpingeschichte an. Nämlich dort, wo die Berge nicht mehr dem Freizeitvergnügen dienen, sondern flüchtenden Juden Schutz auf ihrem Weg ins Ausland bieten. Zwischen 1938 und 1945 wurden die österreichisch-schweizerische Grenze sowie die Grenze zwischen Vichy-Frankreich und der Schweiz zum Hoffnungsschimmer für viele, die im bergigen Gelände nach einer Fluchtmöglichkeit vor den Nationalsozialisten suchten.
«Hast du meine Alpen gesehen - Eine jüdische Beziehungsgeschichte" ist noch bis 14. März 2010 im Jüdischen Museum Wien, Dorotheergasse 11, zu sehen. Öffnungszeiten: Sonntag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr. Eintritt: 6,50 Euro, 4,- Euro ermäßigt. Schulklassen haben freien Eintritt. Weitere Informationen finden Sie unter www.jmw.at. Zur von Hanno Loewy (Jüdisches Museum Hohenems) und Gerhard Milchram (Wien) kuratierten Ausstellung ist ein umfassender, reich illustrierter Katalog zum Preis von 29,80 Euro im Bucher-Verlag (ISBN 978-3-902679-41-3) erschienen. Die Ausstellung wird ab dem 22. April 2010 im Alpinen Museum München zu sehen sein.
Von Mina Eloa Altman