«Ein Wort noch, wie dies...


... und die Hämmer schwingen im Freien.» Dass Literatur aus Wörtern besteht: nichts selbstverständlicher als das. Dem Schreibenden steht eine Sprache zur Verfügung als Material, eine Sprache mit all ihren Gesetzen, die sich nicht ohne weiteres über Bord werfen lassen. Wie aber müsste ein Wort beschaffen sein, dass die Hämmer im Freien schwingen ließe? Paul Celan nennt dieses Wort nicht, sicher aber ist: gäbe es ein solches, würden die Hämmer das Unglaubliche tun. Diese Werkzeuge, Sinnbild von Schwere und Gewalt, würden von der ihnen eingeschriebenen Last befreit; unvorstellbar, und doch ist es dem Dichter gelungen, dieses Bild im Leser entstehen zu lassen. Der Autor, so Lázló F. Födényi über Imre Kertész, steht vor der Aufgabe, die «Barrieren der Sprache» zu überwinden, was aber nicht geht, weil ihm nur die Sprache zur Verfügung steht. Eines ist es, sich der vorgefundenen Sprache zu überlassen, ein anderes, diese Sprache ihrer Lügen zu überführen und sich auf den Weg zu machen zu einer eigenen, um sie, die Sprache, an ihre Grenzen zu führen. Man darf sich mit den Barrieren der Sprache nicht abfinden.
Was hat man sich unter einem Wörterbuch über einen Literaturnobelpreisträger vorzustellen? Sicherlich nicht das, was Lázló F.Födényi seinen Lesern präsentiert. Ausgangspunkt des Buches ist die Suche «nach einer Erklärung dafür, warum an diesem oder jenem Punkt des Werks eine plötzliche Spannung entsteht, wodurch sich eine Szene verdichtet, warum dieser oder jener Gedankengang unvermutet die eingeschlagene Spur rationaler Argumentation verläßt und auf eine Ebene überwechselt, auf der (...) die Nähe des Mysteriums spürbar wird.» Födényi möchte ergründen, «auf welche Weise ein anderer (der Autor) mittels Worten das umflicht, was über die Worte, über das Ausdrucksvermögen hinausgeht.» Er erhebt keinen Anspruch auf Objektivität, «willkürlich» sei die Auswahl der aufgenommenen Wörter. Ein weiteres Zitat benennt das Ziel des Buches besonders einprägsam: «Letzten Endes ist es das, was sowohl den Autor wie den Interpreten in seinen Bann zieht: den ersteren das Unsagbare, den letzteren aber die Enthüllung, wieso und wie jemand das Nicht-Formulierbare dennoch genau in Worte zu kleiden vermag.» Als Fünfzehnjähriger wurde Kertész 1944 nach Ausch­witz verbracht, sein Werk ist ohne diese Erfahrung nicht denkbar. Der Allgemeinplatz, man dürfe Auschwitz nicht vergessen, ist nicht Kertész‘ Sache. Worum es ihm geht, ist etwas anderes: «Kertész lehnt die weitverbreitete Ansicht ab, nach der es für Auschwitz keine Erklärung gibt, da es aus der Geschichte ‚herausfällt‘.» Wie aber kann man über Auschwitz sprechen? «Man soll sich dem, worüber man nicht berichten kann, auf andere Weise nähern. Nicht in der Sprache der  RATIO, die Grundbedingung des Berichts ist, sondern in der Sprache der „schöpferischen Phantasie", der Sprache der Erleuchtung.» Das Verständnis der Welt sei die religiöse Aufgabe des Menschen, so Imre Kertész; die Suche nach diesem Verständnis bildet das eigentliche Zentrum seines Werkes; es ist die besondere Qualität dieser Suche, die Födényi fasziniert und die er in seinem Buch ergründen möchte.
Zu berichten ist in diesem Zusammenhang von einem Ärgernis. Der US-amerikanische Philosoph Charles Taylor, unseres Wissens bekennender Katholik, erwähnt in seinem Buch «Ein säkulares Zeitalter» den Namen Imre Kertész. Es bleibt offen, ob er das Werk von Kertész kennt, er zitiert eine Autorin namens Nancy Houston, die Kertész in eine Reihe angeblich misanthropisch gesinnter Schriftsteller stellt. Diese stünden für «eine starke, misanthropische Strömung, die ganz unabhängig ist von wirklichen Erfahrungen mit Versuchen, Hilfe zu leisten oder die Lebensbedingungen zu verändern - eine sozusagen prinzipielle Form von Misanthropie, die das menschliche Leben für wertlos erklärt.» Selten ist ein Werk derartig verleumdet worden; nur bösartige Naivität bringt es fertig, die Bücher von Kertész, gemeinsam mit denen von Samuel Beckett, Emil Cioran, Milan Kundera und Thomas Bernhard, auf solch arrogante Art wegzuwischen: «Rätselhaft ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, daß dieser extreme Pessimismus weiterhin soviel Aufmerksamkeit, Applaus, Literaturpreise und Medieninteresse auf sich zieht.»

 

Karl-Josef Müller 

«Jüdische Zeitung», Januar 2010