Leere Orte und darüber der Geist der Toten
Mit «In My Mother's Footsteps» legt die ebenso sensible wie exaltierte Künstlerin Yishay Garbasz einen Fotoessay über die Geschichte ihrer Mutter vor
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Foto: Y. Garbasz
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Der Sohn, 1970 in Herzlija, nördlich von Tel Aviv geboren, erfährt als Achtzehnjähriger, dass ihm die Mutter Wesentliches verschwiegen hat. Er sucht die Unterlagen für den Militärdienst zusammen, und in den Papieren steht: Salla Garbasz ist Deutsche; sie kam 1929 in Berlin zur Welt, in der Linienstraße 48, als jüngste von drei Töchtern in einem orthodoxen Haushalt.
Achtzig Jahre später lebt und arbeitet Sallas Kind in der Oranienburger Straße in Berlin, Luftlinie ein paar hundert Meter von ihrem Geburtshaus entfernt - vielleicht anstelle oder stellvertretend für die Mutter, jedenfalls in einem konsequent vollzogenen Rollentausch: Yishay Garbasz ist zur Tochter geworden, als international etablierte Fotokünstlerin mit Ausstellungen in Tokio, New York und Washington sucht sie in Berlin Fuß zu fassen.
Über Berlin und all das, was nach 1933 gefolgt ist, hätte die Mutter von sich aus nie gesprochen. Fünfzig Jahre nach Kriegsende, als das Kind mehr wissen wollte, schrieb sie einen Bericht: «Als Hitler an die Macht kam, sind meine Eltern mit mir und meinen zwei Schwestern nach Groningen in Holland geflohen.»
Salla Garbasz beschreibt und schmückt nicht aus, vermerkt Stationen - das «Polizeiliche Judendurchgangslager» in Westerbork/Niederlande, Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, das KZ-Außenlager Christianstadt/Polen, Bergen-Belsen -, schildert den Abschied vom Vater: «Wir riefen „Papa, Papa!", aber wir waren zwei von tausend grau gekleideten Frauen, selbst wenn er uns gehört hätte, hätte er uns nicht erblickt. Das war das letzte Mal, dass wir ihn sahen.»
Salla überlebt auch einen der Todesmärsche nach Bergen-Belsen; sie ist 26, als die Engländer das Lager befreien. Im Jahr 2004 macht sich ihr Kind auf den Weg. Yishay hat in England ein Stipendium bekommen, schultert die zentnerschwere Großbildkamera und listet der Mutter die Stationen seiner Europareise auf: Berlin, Groningen, Westerbork, Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Christianstadt, Bergen-Belsen. «Die schwere Kamera», sagt Yishay, «wird mich zur Langsamkeit zwingen.» Mütterlich besorgt entgegnete die Mutter: «Das mit dem Stipendium ist eine feine Sache. Aber wenn du einen richtigen Job bekommst, machst du den.»
Pathos nur mit Pathos beizukommen
Mitte der Neunziger hat der Fotograf Joel Sternfeld für ein Fotoprojekt in den USA Schauplätze von Gewaltverbrechen fotografiert - unspektakuläre, beliebig wirkende Orte, so lange man ihre Geschichte nicht kennt. Yishay Garbasz verfährt ebenso, freilich ist die Herausforderung ungleich größer, er spürt nicht in weltgeschichtlich unbedeutenden Winkeln anonymen Toten nach. Der Holocaust ist seit 1945 ausgeleuchtet und abgelichtet, ein jeder hat ein Bild von Auschwitz im Kopf: Durch das Eingangsportal führende Eisenbahngeleise, eine umzäunte und von Wachtürmen begrenzte Anlage, Baracken darin und Schornsteine.
Wie will er für den Leidensweg der Mutter eigene Bilder finden, eine eigene Sicht auf ihre Furcht?
Zwei Jahre lang ist Yishay Garbasz unterwegs, über weite Strecken zu Fuß und immer mit Mutters Bericht im Kopf. «Im Lager in Westerbork bin ich einmal gestolpert und in Stacheldraht gefallen, Gesicht und Hände waren blutverschmiert. Als die Neuankömmlinge mich sahen, schrien einige hysterisch, weil sie glauben mussten, die Deutschen hätten mich so zugerichtet. (...) Es gab kein Papier in der Latrine. Man musste sich mit der Hand abwischen.»
Yishay Garbasz stellt den sachlichen Beschreibungen Bilder entgegen. Großartige Fotos. Idyllisch. Stimmungsvoll. Pittoresk. Harmlos. Eine Straßenansicht, typisch für Berlin-Mitte, ein Berliner Treppenhaus, eine mit Nippes, Puppen und deutschem Schäferhund vollgekitschte Stube, die Wohnung in der Linienstraße 48 achtzig Jahre danach. Sallas Kindergarten in Groningen, der heute noch ein Kindergarten ist, Ansichten von den Kurorten Karlsbad und Marienbad, Wälder und Wiesen in der tschechischen Provinz...
Dazwischen eine ocker getünchte Fassade - die Kaserne von Theresienstadt; Auschwitz als Backsteinstelenfeld, Fluchten, Keller, Geröll... Schließlich eine beklemmende Szenerie, ein feuchtes Verlies und durch die Betondecke tropft das Licht: Gäbe es die Gaskammern noch - so stellte man sie sich vor! Ein pathetischer Ort, dem man jenseits von Mutters Berichterstattungsstil mit Pathos beikommen muss: «An diesen Orten verlor meine Mutter Teile ihrer Seele», schreibt Yishay. «Ich musste zurückkehren, um sie wieder einzusammeln.»
Sehr politisch - und sehr persönlich
Yishay Garbasz bildet eine menschenleere Welt ab. Wohnungen, verlassen wie nach der Flucht. Sammelplätze, so öde als seien bereits alle deportiert. Ein Wald, wo einst eine Baracke stand und unter der Grasnarbe sind die Gebeine verscharrt; Ruinen und über ihnen weht der Geist der Toten. 63 Fotos und ein einziges zeigt eine Person: Yishay Garbasz hat in Groningen Thea Rasker aufgespürt, eine Frau in den Achtzigern, in den 1930-er Jahren diente sie Sallas streng religiöser Familie als Schabbat-Mädchen, sie ging zur Hand, löschte das Licht, zündete die Kerzen an.
«In My Mother's Footsteps», 2009 als Fotoband im Hatje-Cantz-Verlag in Ostfildern erschienen, basiert auf einem Ausstellungskatalog selbigen Titels. Yishay Garbasz hat die Fotos 2005 in Groningen in den Niederlanden gezeigt, 2008 in Chiang Mai in Thailand, 2008 und 2009 zweimal in Tokio, 2010 wird Yishay auf der Busan Biennale in Südkorea vertreten sein, auch die Universität von Midland im US-Bundesstaat Michigan bereitet eine Schau vor.
In Deutschland mochte sich bislang keine Galerie und kein Museum zu einer Ausstellung durchringen, in Berlin selbst das Jüdische Museum nicht. «Meine Arbeit ist sehr politisch - und sehr persönlich», sagt Yishay. Es klingt beinahe entschuldigend.
Möglich, dass die Ignoranz zu einem gewissen Teil der Irritation entspringt. Yishay ist ein sehr feiner und feinsinniger Mensch und zugleich eine exaltierte Künstlerexistenz; Yishay hat das Fotografenhandwerk bei New Yorks Meisterfotograf Stephen Shore gelernt, sie ist vor allem Fotokünstlerin, aber auch Tänzerin und Choreographin. Sie hat das Mutter-Projekt als Mann begonnen, nun präsentiert sie es als Frau.
Das ist Privatsache und unerheblich für das Projekt, zumal in Berlin, das sich in Weltläufigkeit übt und sich international als Toleranteste unter Toleranten wähnt. Yishay sagt, sie liebe die Stadt und sie wolle hier bleiben. Aber im über Monate hinweg eingeübten Alltag kann auch Berlin so sein wie jeder andere Fleck auf der Erde: Dann ist Berlin eine Stadt, in der Menschen über vierzig Englisch weder verstehen noch sprechen und Toleranz als Gleichgültigkeit daherkommt. Und nicht wahrgenommen zu werden ist vielleicht das Schlimmste, was einer Künstlerin widerfahren kann.
Das maschinelle Sehen gelernt
Wir treffen Yishay im Café Silberstein in der Oranienburger Straße, um die Ecke ist ihr Atelier. Es ist eines ihrer seltenen Interviews. Die Fotos, sagt sie, mögen bitte für sich sprechen! So exaltiert sie in ihrer Arbeit ist, so scheu tritt sie auf - und so unkompliziert, freundschaftlich-vertraut wirkt sie schon nach fünf Minuten.
Bei grünem Tee und Wasser streifen wir im Plauderton komplexe Themen wie die posttraumatische Depression und die Geschlechter-Metamorphose, wir reden über solides Handwerk und Fotokunst, Yishays Affinität zu Asien («Ich liebe das Gemeinschaftsgefühl in Japan, das Familiäre - ich hatte nicht einmal Großeltern») und über den Holocaust als Fotoprojekt.
Nein, der Holocaust sei nicht ihr Lebensthema. Auch nicht die Geschlechtsumwandlung. «Mein Thema ist Identität.» Die Suche danach, ein Finden und Behaupten. Sie spricht das ruhig und sehr gelassen aus, so als sei sie sich ihrer Sache vollkommen sicher, und das verblüfft an dieser Person, die so gar nichts Schillerndes hat, nichts Aufgesetztes. Authentizität anstatt Zerrissenheit; das Männliche aufgegangen im Weiblichen. Der biblische Name Yishay ist männlich besetzt - der Vater des Königs David hieß so -, aber in seiner Bedeutung ist er neutral - Yishay bedeutet «Gottesgeschenk» -, und in deutschen Ohren klingt er schlicht schön.
So sensibel und feinnervig Yishay erscheint, so sehr sie sich einfühlen kann in andere, so unbeirrbar und bestimmt ist sie hier, in ihrem Berliner Alltag und in ihrer Arbeit, von der sie erzählt. «In My Mother's Footsteps» hat sie den von der Mutter verdrängten Schrecken, den heimlichen Schmerz in Bilder gefasst. Yishay hat mit ihrem schweren Gerät sehr lange an den einzelnen Plätzen ausgeharrt. In jener an eine Gaskammer erinnernden Gruft in Auschwitz stand sie stundenlang knöcheltief im brackigen Wasser, um exakt dieses Motiv zu bekommen - ein gruseliges Bild, scheinbar leichthändig fotografiert, vordergründig eine Tiefgarage im Rohbau, in Wahrheit der Höllenschlund.
Bei jeder einzelnen Einstellung gehe es um Millimeter, sagt Yishay. Diese Präzision hat sie von ihrem Lehr- und Sehmeister Stephen Shore gelernt - und auch alles andere: «Er hat eine Aufnahme von mir betrachtet und mir erzählt, was ich geplant, gedacht und gefühlt habe, als ich diese Aufnahme gemacht habe. Er hat mir mit seinem Sehtraining quasi das maschinelle Sehen beigebracht: das Auge als Kamera, die Kamera als Auge.»
Yishays Fotos haben die Mutter damals, vor vier Jahren, zum Reden gebracht. «Sie ist mit den Bildern in der Hand zur Nachbarin gelaufen und hat ihr von Auschwitz erzählt.» Wenige Wochen später starb Salla Garbasz.
Die Tochter lebt mittlerweile seit zwei Jahren in der Geburtsstadt der Mutter. Neues Leben, neue Identität, neues Projekt. Demnächst will Yishay Garbasz ihre Frauwerdung künstlerisch dokumentieren: per Daumenkino in lebensgroßen Fotos. Die Künstlerin, sich selbst ausstellend, nackt, einmal als Mann, einmal als Frau - solche Bilder dürften im bürgerlichen Feuilleton einen hübschen Skandal provozieren. Kein kalkulierter, gewiss aber ein gewünschter Effekt: Yishay Garbasz würde die notwendige Aufmerksamkeit zuteil, und das Publikum in Deutschland bekäme über diesen Umweg vermutlich doch noch «In My Mother's Footsteps» als Ausstellung zu sehen.
Von Johannes Klomfaß
und Sabine Riester