Jüdische Hochzeit Foto: Archiv

Wer suchet, der findet

Jüdisch oder gemischt, per Internet, Agentur oder per Zufall?

Zwei Stunden unterhält Doron Kornbluth sein Publikum, aber er langweilt es nicht. Obgleich er aus Montreal in Kanada stammt, unterhält Kornbluth sehr US-amerikanisch - hier ein Späßchen, da ein Liedchen, zwischendurch ein machbares Rätselchen, ein Publikumsfrägchen und ab und zu ein Volontär, der sich nur ein bisschen lächerlich machen muss. Aus Rücksicht spricht Kornbluth sehr langsam und erklärt alles in einfachen Worten, das Thema ist kompliziert genug. Es geht um Beziehungen, geradezu um die schwierigsten von allen, um die zwischen den Geschlechtern und zudem zwischen Juden. Dazu ist Doron Kornbluth laut eigenen Angaben und den einführenden Worten des Chabad-Rabbiners Jehuda Teichtal ein international anerkannter Experte und Berater. Kornbluth ist der Mann. Der Mann für die Frage. Und die Frage ist: «Why marry Jewish? - Warum jüdische heiraten?» Da geht es nicht um Spaß, um Sex, um Liebe, es geht um mehr, um das Überleben. Denn, so Rabbiner Teichtal: «Assimilation ist eben auch eine Art der Vernichtung.» Die etwa 40 jungen und weniger jungen Menschen, die der Veranstaltungstitel an diesem Abend der Vorchanukkazeit in die Berliner Chabad-Synagoge gezogen hat, sind keine bloßen Zuhörer. Sie sind mögliche Retter.

Bevor er seinen Vortrag beginnt, verwehrt sich Kornbluth gegen drei mögliche Missverständnisse: Er fördere keinen Rassismus, wenn er Menschen auffordere innerhalb ihrer Gruppe, also zum Beispiel ihrer religiösen Zugehörigkeit gemäß, zu heiraten. Er möchte niemanden verurteilen, der in einer Mischehe lebt oder mit einem Nichtjuden oder einer Nichtjüdin befreundet ist. Außerdem gelten seine Worte auch für Konvertiten, obschon er auf dieses Thema nicht näher eingehen will. Kornbluth schüttelt Statistiken aus dem Ärmel: 50 Prozent aller Juden heirateten Nichtjuden, die Scheidungsrate beliefe sich auf 50 Prozent. Meist dauerten Ehen weniger als fünf Jahre, mit acht Jahren habe man es schon weit gebracht. Eine Mischehe sei etwa 20 Prozent schwieriger als eine Ehe zwischen Menschen gleicher Konfession. Warum?

Zu Kornbluths Trümpfen gehört die «religious involvement timeline». Der Grad der Eingebundenheit in religiöse Aktivität verändert sich im Laufe des Lebens - dies trifft wohl auf jede beliebige Religion zu. Im Judentum ist sie während der Kindheit und Jugend, besonders zum Zeitpunkt der Bar Mizwa oder Bat Mizwa, stark. Nach der engagierten Jugendzeit folgt die Flaute. So zeigen jüdische Studenten in Amerika während ihrer Zwanziger nur wenig Glaubenseifer. Lediglich 10 Prozent nehmen an jüdischen Veranstaltungen teil. In den 30ern bringen Geburt der eigenen Kinder und erste Konfrontationen mit dem Verlust Nahestehender die Menschen meist wieder näher zu Gott. Wann jedoch trifft man mit höchster Wahrscheinlichkeit seinen Lebenspartner? Fatale Ironie - eben während der nachlässigen Jahre zwischen 20 und 30, in denen man mit Studium, Karriereaufbau, mit Reisen und Spaß stark abgelenkt ist. Selbst wenn sich Leute gut verstünden, wüssten sie nicht was ihnen bevorstehe, prophezeit Kornbluth. Laut Psychologen - Kornbluth spezifiziert nicht weiter - gehören zwei Konfessionen so ziemlich zum Schlimmsten, was sich einer Ehe antun lässt. Hauptsächlich gehe es jedoch um die Kinder und die Wahrscheinlichkeit, dass diese eine jüdische Identität entwickeln oder nach Kornbluths Worten «als Juden überleben». Mit welchen Ritualen wachsen die Kinder auf, welche Feiertage werden gefeiert? Kornbluth verdeutlicht dies am Chanukka-Weihnachts-Verhältnis.

«Die Schlacht gegen die Mischehe ist lang vorbei» betitelte dagegen unlängst Paul Golin in einem Beitrag der Nachrichtenagentur Jewish Telegraphic Agency und dies seit mehreren Jahrzehnten. In Amerika zum Beispiel sei die Zahl der Mischehen in 25 Jahren über 40 Prozent angestiegen. Golin ist stellvertretender Direktor des New Yorker Jewish Outreach Institute. Outreach heißt soviel wie «Hinausreichen», um Juden zu erreichen, die sich wenig oder gar nicht mit dem Judentum identifizieren. Sie gilt es zu gewinnen, nicht abzuschrecken. Es sei unzeitgemäß, die Mischehe zu verteufeln, schreibt Golin, im Gegenteil habe man die moralische und demographische Verpflichtung, diese anzuerkennen. Mischehe sei nicht das Ende jüdischen Fortbestehens, sondern eine fehlende jüdische Erziehung der Kinder. Die Website des Instituts berät gemischtkonfessionelle Familien dazu, sogar ihre verschiedenen Generationen. Golin selbst ist Mitautor des Ratgebers «20 Tipps für Großeltern gemischtkonfessioneller Enkel, um deren jüdische Identität zu fördern».

Doron Kornbluth lässt sich davon nicht beirren. Mit Vorträgen und Seminaren zu «Dating Jewish» oder «Die fünf Geheimnisse großartiger jüdischer Familien» ist er laut eigener Website zuweilen auf Jahre hinaus ausgebucht, sein Buch ein Bestseller. Sein Infotainment zu «Why marry Jewish» hat Kornbluth in einer vierzehntägigen Europatour jeden Abend erzählt und wohl auch jeden Abend zugegeben, dass er früher zu schüchtern gewesen sei, um sein Buch anzupreisen. Inzwischen sei er schlauer geworden. Das finden die Zuschauer sympathisch. «Es gibt einfach ein zu kleines Angebot, besonders in Deutschland.» Damit löst der Redner heftiges Kopfnicken bei den Damen aus und erntet wissende Blicke. In Frankreich, mit etwa 700.000 Juden die größte Gemeinde Westeuropas, stehen die Chancen besser, dass Juden Juden heiraten. Doch auch dort gibt es eine Mischehenquote von 75 Prozent. Die Lösung liegt im Internet, davon ist Kornbluth überzeugt. Bei der Partnersuche müsse man einfach ein bis zwei Stunden täglich in virtuellen Welten fahnden, bei «jdate.com» etwa, bei «jmatch.com» oder bei «jewishanddating.com». Die Damen zücken Stifte und Notizzettel.

Ein fataler Zug, glaubt man Jose Weber. Wer sich auf das Internet verlasse, sei im Begriff Zeit und Hoffnung zu verlieren und statt Glück Falten zu bekommen. Weber betreibt mit «Simantov» (hebräisch für «gutes (Vor-) Zeichen») die älteste und einzige jüdische Partnervermittlung im deutschsprachigen Raum. Seine Klienten finden sich in ganz Europa, Weber kennt sie sämtlich persönlich. «Die Konkurrenz der Datingsites schädigt uns nicht wirtschaftlich, doch sie erschwert unsere Arbeit. Die Leute kommen einfach zu spät. Den besonderen jüdischen Menschen zu finden, ist keine einfache Sache. Die Leute tummeln sich erfolglos auf Datingsites und kommen so viel später zu uns, mehrere Monate oder Jahre. Das ist Zeit, in der wir schon hätten suchen und vielleicht finden können» bilanziert Weber. Im Internet ist die Zeit kurzweilig. Neben denen, die ernsthaft einen Partner suchen, tummeln sich diejenigen, die ein wenig Spaß haben wollen - inklusive Flirt und Seitensprung. Virtuelle Identitäten stimmen mit den wirklichen häufig nicht überein. Die Herausgabe persönlicher Daten ist nicht unbedenklich. Bei Simantov läuft jeder Kontaktversuch zunächst über Jose Weber. Das dient der Diskretion und dem Schutz. «Gerade für Frauen gibt es auch unangenehmere Folgen der Kontaktsuche als lediglich etwas Zeit verplempert zu haben», meint Weber. «Simantov» besteht seit 1976. Weber, der zunächst selbst zufriedener Kunde der Agentur gewesen war, führt das Geschäft seit etwa 20 Jahren. Auf etwa 200 erfolgreich vermittelte Ehepaare blickt er zurück und auf unzählige Vermittlungsversuche. «Eine Vermittlung pro Monat - das ist mein Ziel», sagt Weber. Seine Profession scheint wirklich keine einfache zu sein.

Valeria von Machlevski

«Jüdische Zeitung», Januar 2007