Flucht in die Karibik

Wie ein Rassist rassistisch Verfolgte willkommen hieß: «Fluchtpunkt Karibik» erzählt die Geschichte jüdischer Siedler in der Dominikanischen Republik


Ergeht es Ihnen nicht auch so? Sie stehen an der Bushaltestelle. Es regnet. Es ist grau und nebelig. Die vorbeifahrenden Autos spritzen Sie nass und Sie frieren. Ein typischer mitteleuropäischer Wintertag. In solch einem Augenblick lassen Sie Ihre Gedanken schweifen, weg aus dem Grau, hin zu langen weißen Stränden, bunten Fischen in türkisblauem Wasser und wohlig warmen Temperaturen: in die Karibik. Millionen Menschen jährlich lassen diesen Traum Wahrheit werden und reisen in die Dominikanische Republik, den östlichen Teil der Karibikinsel Hispaniola. Allein im Jahr 2006 waren es rekordverdächtige 4,4 Millionen Touristen, gerade zur hiesigen Winterzeit. Längst ist die Dominikanische Republik zum Ziel für Massentourismus geworden, das Land schmückt sich damit, «Caribbean's Number One Destination» zu sein. Aber ganz sicher wissen die meisten Touristen nicht, dass sie diese Entwicklung auch deutschen und österreichischen Juden verdanken.
Wie es dazu kam, beschreiben der Journalist Hans-Ulrich Dillmann und die Historikerin Susanne Heim in ihrem Buch «Fluchtpunkt Karibik. Jüdische Emigranten in der Dominikanischen Republik». Im Herbst 2009 erschien die Geschichte eines außergewöhnlichen Siedlungsprojektes, das seinen Ursprung in dem grotesken Moment hat, dass - so die Autoren - «ein Rassist rassistisch Verfolgte willkommen heißt». Bei besagtem Rassisten handelte es sich um General Rafael Leónides Trujillo Molina, seines Zeichens zwischen 1930 und 1961 regierender, tyrannischer und unberechenbarer Diktator der Dominikanischen Republik. Er bot sich 1938 an, 100.000 jüdische Flüchtlinge, eben jene in Deutschland und Österreich durch die antisemitischen «Rassegesetze» rassistisch Verfolgten, in seinem Land aufzunehmen. Trujillo war der Einzige, der den mitteleuropäischen Juden auf der wegen der dramatischen Situation der Juden in NS-Deutschland einberufenen, internationalen Flüchtlingskonferenz im französischen Évian-les-Bains Asyl gewähren wollte. Beinahe alle anderen der 32 Teilnehmerstaaten der Évian-Konferenz erteilten den Verfolgten eine Absage (vgl. JZ 35, Juli 2008).
Was genau Trujillo dazu veranlasst hat, darüber lässt sich nur spekulieren. Dillmann und Heim führen an, dass Trujillo nach Bekanntwerden des von ihm 1937 angeordneten Massakers an bis zu geschätzten 25.000 kreolisch-haitianischen Zuckerrohrarbeitern im Land sein ramponiertes Ansehen international aufbessern wollte. Auch wirtschaftlich sollte das bevölkerungsarme Land von den Zuwanderern profitieren. Der wichtigste Beweggrund war wohl die rassistisch begründete Angst Trujillos, sein Land könnte sich - wie das westliche Nachbarland Haiti - zu einer «Negerrepublik» entwickeln. Er selbst hatte «schwarze», sprich haitianische Wurzeln und nutzte Bleichcreme, um seine Hautfarbe zu vertuschen. Jeder weiße Zuwanderer bedeutete für Trujillo also eine «Aufhellung» seiner Bevölkerung. Auch wenn diese Weißen selbst rassistisch verfolgt wurden, weil sie nicht der, von den Nazis so genannten «Herrenrasse» angehörten, waren sie ihm doch willkommen.
Allerdings trafen die anvisierten 100.000 jüdischen Flüchtlinge nie in dem Karibikstaat ein. Die Zahl der Migranten lässt sich auf rund 500 sogenannte «Colonos» (Siedler) begrenzen. Zunächst erklärte sich die jüdische Hilfsorganisation American Jewish Joint Distribution Committee zur Organisation und Finanzierung des karibischen Asyls bereit. Mit der Umsetzung wurde Joseph Rosen beauftragt, der bereits in den 1920er Jahren sowjetische Siedlungsprojekte realisiert hatte. Er plante eine Art Kibbuz. Obwohl sich Rosens Vorstellungen als zu phantastisch erwiesen und praktisch nur begrenzt umsetzen ließen, entstand in der an der Nordküste Hispaniolas gelegenen Stadt Sosúa eine kleine deutsch-jüdische Siedlung. Dillmann und Heim ziehen in ihrer Arbeit die genaue Entwicklungsgeschichte der Siedlung nach, die bis zum heutigen Tag fortbesteht.
Entstanden ist ein facettenreiches Bild, das an mancher Stelle erstaunt, beispielsweise, wenn der auch noch in den 1960er Jahren herrschende Geist der jüdischen Siedlung, zwischen Schwarzwälder kirschtorte und deutscher Pünktlichkeit, beschrieben wird. Nicht nur den europäischen «Spirit», sondern auch die ersten Hotels verdankt Sosúa seinen jüdischen Siedlern. Durch Mundpropaganda entwickelte sich hier die Tourismusbranche. Spätestens seit den 1990er Jahren wird der Stadt allerdings der zweifelhafte Ruf als «Ballermann der Karibik» zuteil. Apropos Namen: Die berühmte Lyrikerin Hilde Domin benannte sich als Zeichen des Überlebens nach ihrem dominikanischen Exil. Domin beschreibt das Verhältnis der rassistisch Verfolgten zu dem Rassisten Trujillo wie folgt: «Man konnte dem Diktator nicht nicht dankbar sein, er war ein furchterregender Lebensretter.»

 
Friederike Neubert

«Jüdische Zeitung», Januar 2010