Rockstar der Hirnforschung
Der Dokumentarfilm «Auf der Suche nach dem Gedächtnis» verknüpft eindrucksvoll Leben und Werk des Hirnforschers Eric Kandel
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| Foto:Kandel-film.de |
Als die Besuchergruppe beim Mikrotom ankommt, übernimmt der amerikanische Gast die Führung durch das Wiener Freud-Museum. Hier wird deutlich, wie weit Sigmund Freud seiner Zeit voraus war: Mit dem technischen Apparat wurden Präparate in Scheiben in der Stärke von Bruchteilen eines Millimeters geschnitten, damit sie dann unter dem Mikroskop untersucht werden können. Der Erfinder der Psychoanalyse betätigte sich auch als Neurophysiologe und erforschte so die physische Beschaffenheit des Gehirns. Eric Kandels Sprache pendelt bei der Führung zwischen Englisch und Wienerisch, wenn er seiner Familie erklärt, dass Freud in der Tat ein ausgezeichneter Hirnforscher gewesen sei. Als einer der ersten habe Freud erkannt, dass die Nervenzelle eine individuelle Einheit darstellt und dass die Nervenzellen untereinander über bestimmte Verbindungen kommunizieren.
Was Sigmund Freud noch als «Kontaktschranken» bezeichnete, nennt Eric Kandel «Synapsen». Dennoch ist unverkennbar, dass Kandel in Freud einen Vorgänger seiner Arbeit sieht. «Würde er heute leben, wäre er ganz sicher Neurobiologe», ist der Nobelpreisträger in Medizin des Jahres 2000 überzeugt. Und so ist es mehr als eine lustige Anekdote, wenn Kandel in Petra Seegers Dokumentarfilm «Auf der Suche nach dem Gedächtnis» erzählt, wie er einst als junger Mann am Anfang seiner wissenschaftlichen Karriere gegenüber einem Neurobiologen den Wunsch äußerte, herausfinden zu wollen, an welchem Ort sich Es, Ich und Über-Ich, die Freudschen Determinanten des menschlichen Bewusstseins also, konkret befinden. Als sich Kandel damals auf seinen lebenslangen Weg machte, das menschliche Gehirn Zelle für Zelle zu untersuchen, stand jedoch der Wunsch - auch darin ähnelt er Freud - das menschliche Verhalten an sich zu ergründen im Vordergrund. Kandel wollte verstehen, wie Menschen am einen Tag der Musik von Mozart und Beethoven lauschen konnten und sich am nächsten Tag aufmachten und Juden ermordeten. Und das hatte vor allem mit der eigenen Erinnerung an die Kindheit in Europa zu tun.
Wiener Kindheit
Eric Kandel wurde 1929 als zweiter Sohn des Spielwarenhändlers Hermann Kandel und dessen Frau Charlotte in eine jüdische Familie der unteren Mittelschicht Wiens hineingeboren. Als er neun Jahre war, floh die Familie in die USA, der «Anschluss» Österreichs hatte bereits einen deutlichen Vorgeschmack auf das gegeben, was in den folgenden Jahren auf die Juden zukommen würde. Nach dem Besuch von Jeschiwa und Highschool in New York erhielt er ein Stipendium für Harvard, ab 1952 studierte er an der Universität von New York Psychiatrie, wandte sich jedoch zunehmend der physiologischen Seite des menschlichen Gehirns zu.
Von Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn war er davon überzeugt, dass eine Erklärung des menschlichen Verhaltens nur in der Synthese aus Psychotherapie und Psychoanalyse auf der einen und Biologie auf der anderen Seite funktionieren kann. Zum Anfang seiner Forschungsarbeit habe er noch keine Ahnung gehabt, wie Lernen funktioniert, kommt Kandel im Film zu Wort. Als erstes fanden er und seine Kollegen heraus, dass Lernen zu Veränderungen in der synaptischen Übertragung führt und wie Nervenzellen miteinander kommunizieren. Die Frage, die als nächstes zu beantworten war, war jene, wie das Gelernte gespeichert wird. Dies führte die Wissenschaftler tief ins menschliche Gehirn, in dessen Mitte der Hippocampus liegt: «Wir haben Grund zur Annahme, dass hier Gedächtnisinhalte für eine bestimmte Zeit gespeichert werden, für ein paar Wochen oder für viele Jahre».
Das blaue Spielzeugauto
Zum neunten Geburtstag hatte Eric Kandel von seinen Eltern ein blaues Modellauto geschenkt bekommen. Es konnte über eine Flügelschraube aufgezogen werden und mittels eines Drahtes gesteuert werden. Zwei Tage lang war der Junge damit beschäftigt, das Auto durch die elterliche Stube in Wien fahren zu lassen. Dann tauchte die Gestapo auf und zwang die Familie dazu, die Wohnung zu verlassen. Als sie eine Woche später zurückkehren durfte, war neben anderen Wertgegenständen auch das blaue Auto nicht mehr in der Wohnung.
Die Erinnerung an das blaue Spielzeug sei deshalb derart intensiv ins sein Gedächtnis eingeprägt, analysiert Kandel sich selbst, weil die Ereignisse um das Auto emotional bedeutsam für ihn waren. Seine Arbeit hat gezeigt, dass die chemische Synapse der Schlüssel zum Verständnis des Gedächtnisses ist. Die Synapse ist nicht statisch, sondern durch Aktivität veränderbar. Beim Kurzzeitgedächtnis, wenn man das System nur einmal anregt, werden lediglich mehr Transmitter ausgeschüttet. Beim Langzeitgedächtnis dagegen werden die Gene aktiviert und neue synaptische Verbindungen können wachsen. Wenn wir lernen und eine neue Erinnerung entsteht, bildet eine bereits vorhandene Synapse Knospen aus, die wiederum neue Synapsen entwickelt.
Als einem der ersten Neurobiologen war es Eric Kandel gelungen, Elektroden in Zellen einzuführen. So hoffte er herauszufinden, wie die Nervenzellen des Hippocampus arbeiten und zu ergründen, wie das Gedächtnis arbeitet. Tatsächlich war es ihm und seinen Kollegen gelungen, das Aktionspotential im Gehirn zu messen. Tagelang feierten sie diesen wissenschaftlichen Durchbruch, ehe ihnen schlagartig klar geworden war, dass sie nichts über die Funktionsweise des Gehirns an sich herausgefunden hatten. Das brachte Kandel dazu, sich statt der komplexesten Form von Gedächtnis in hoch entwickelten Tieren der einfachsten Form in einem einfachen Tierorganismus zuzuwenden. Also suchte er sich ein Nervensystem, das nur eine geringe Anzahl von Zellen aufweist und dennoch eine Reihe interessanter Verhaltensweisen entwickeln kann - er konzentrierte sich auf das Nervensystem der Meeresschnecke Aplysia.
«Ohne Gedächtnis wären wir nichts»
Ohne die bindende Kraft des Gedächtnisses zersplitterte die Erfahrung in ebenso viele Bruchstücke, wie es Momente im Leben gibt. Ohne die geistige Zeitreise, die das Gedächtnis ermöglicht, wären wir unserer persönlichen Geschichte nicht bewusst. Das Gedächtnis ist das Bindemittel, das unser geistiges Leben zusammenhält, es verleiht unserem Leben Kontinuität, indem es uns ein zusammenhängendes Bild der Vergangenheit liefert, das unsere aktuellen Erfahrungen ins Verhältnis rückt. «Ohne Gedächtnis wären wir nichts», sagt Eric Kandel: «Wir sind, was wir sind, auf Grund dessen, was wir lernen und woran wir uns erinnern».
Petra Seegers Film spielt damit. Aus Anlass ihres 50. Hochzeitstages haben Eric Kandel und seine Frau Denise zusammen mit ihren Kindern und Enkeln eine Reise nach Europa unternommen. Nach Frankreich, wo Denise in einem Versteck den Holocaust überlebte, und natürlich nach Wien. Petra Seeger hat die Familie mit der Kamera auf diese Reise begleitet. Immer wieder zeigt sie, dass Gedächtnis und Erinnerung auch eine soziale Komponente haben. Wenn wir miteinander sprechen, beeinflussen wir uns gegenseitig, indem wir die Struktur unserer Gehirne verändern, indem wir uns gegenseitig an etwas erinnern. In diesem Fall sind es Eric und Denise Kandel, die ihre Kinder ebenso wie die Zuschauer an ihren eigenen Erinnerungen teilhaben lassen.
Es ist der Brückenschlag zwischen Psychologie und Neurobiologie, die Eric Kandel zu seinen Forschungen angetrieben hat. Die große Wende, die ihm gelungen ist, war es Psychologie und Hirnforschung in eine vereinte «Wissenschaft des Geistes», wie er selbst es nennt, zusammenzubringen. Während man durchs Leben geht und die verschiedensten Erfahrungen macht, sammelt man Informationen über die Welt, die sich dauerhaft im Nervensystem festsetzen. Je besser eine Erinnerung codiert ist, desto besser lässt sie sich abrufen. Manchmal wird eine Erinnerung nur aufgrund eines Raumes: hervorgerufen «Dein Tunnel ist ein Symbol für die Gedächtnisforschung», ruft Eric Kandel seiner Frau zu, als sie über das Gelände jenes französischen Klosters irrt und den Fluchttunnel sucht, der ihr damals das Leben retten sollte, wären die Nazis dort eingefallen. Gedächtnis und Erinnerung haben immer auch eine soziale Komponente, wenn andere daran teilhaben. Das hat ernorme Auswirkungen. In der Psychotherapie etwa wird eine Situation geschaffen, in der sich das Verhalten der Menschen ändern kann und das führt zu einer anatomischen Veränderung im Gehirn. Wenn man etwas einübt, wenn man eine Erfahrung wieder erlebt, finden anatomische Veränderungen im Gehirn statt. Kandel erinnert bei dem Spaziergang durch Wien an den Bäcker an der Ecke, der ein großer Nazi war und dessen Geschäft noch heute besteht. Er hat damals die Wertgegenstände aus der Wohnung der Kandels geraubt.
«Niemals Vergessen»
Petra Seegers Film verbindet auf eindrucksvolle Weise die Arbeit eines bedeutenden Wissenschaftlers mit seinem Leben. Auf diesem Weg verdeutlicht die Filmemacherin zugleich die Bedeutung seines Forschungsgegenstandes. Der Film erklärt die komplexen neurologischen Vorgänge im menschlichen Gehirn auch für Laien nachvollziehbar und lässt somit den Zuschauer am wissenschaftlichen Vermächtnis eines Jahrhundertgenies teilhaben. Es sei schwierig, sagt Eric Kandel, die komplexen Interessen und Handlungen eines Erwachsenenlebens auf bestimmte Erfahrungen in der Kindheit zurückzuführen. Trotzdem ist er davon überzeugt, dass sein Faible für den menschlichen Geist, für die Frage, wie sich die Menschen verhalten, wie unberechenbar ihre Motive und wie dauerhaft Erinnerungen sind, auf sein letztes Jahr in Wien zurückgeht.
Nach dem Holocaust habe das Motto der Juden «Niemals vergessen!» gelautet, befindet Kandel. Dies beinhalte, wachsam gegen Antisemitismus, Rassismus und Hass zu sein. «Meine wissenschaftliche Arbeit widmet sich den biologischen Grundlagen dieses Mottos, den Prozessen im Gehirn, die uns zur Erinnerung befähigen», sagt er heute. Er sei der «Rockstar der Gehirnforschung» sagt eine junge Frau über Eric Kandel bei einer hoffnungslos überfüllten Lesung. Wer den Film gesehen hat, weiß, was sie meint. Mit Forschern wie Eric Kandel ging die Zeit, in der wild über das menschliche Bewusstsein und dessen Beschaffenheit spekuliert werden konnte, endgültig zu Ende. Das heißt aber beileibe nicht, dass der Mensch nunmehr nur als biologisch erklärbare Maschine gesehen werden muss.
Von Moritz Reininghaus