Gefährdete Maghrebinerinnen

Frauen aus Nordafrika haben ein erhöhtes Risiko, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken


Eine aktuelle Studie zeigt, dass jüdische Frauen nordafrikanischer Herkunft ein höheres Risiko aufweisen, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken, als ihre europäischstämmigen Gegenüber. Forscher des israelischen Gesundheitsministeriums und des Gertner-Instituts für Epidemiologie in Tel Haschomer haben 938 Fälle von malignen Gebärmutterhalstumoren bei israelischen Frauen untersucht. Dabei fanden sie eine höhere Krebsrate bei Frauen nordafrikanischer Herkunft. Die Ergebnisse wurden im «International Journal of Gynecological Cancer» veröffentlicht und stehen im Einklang mit Statistiken, wonach der Prozentsatz von Gebärmutterhalskrebs israelischer Frauen generell wesentlich niedriger ist als in vergleichbaren westlichen Ländern.
Laut statistischen Angaben erkranken fünf von 100.000 israelischen Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Dabei zeigt die Erkrankungsstatistik für Frauen (mit Vorfahren) aus dem Nahen Osten und Nordafrika - so genannten «Misrachim» («die aus dem Osten») - ein deutlich höheres Risiko als bei ihren Altersgenossinnen, die aus europäischen («aschkenasischen») Familien stammen. Die Studie zeigt, dass unter den Israelinnen, die in Nordafrika geboren wurden, der Anteil an Gebärmutterhalskrebs bei 15 Erkrankten pro 100.000 Einwohner liegt und damit das Risiko dreimal höher als der israelische Durchschnitt liegt.
Eine andere israelische Studie fand bereits vor 20 Jahren heraus, dass das Gebärmutterhalskrebsrisiko unter in Marokko geborenen Israelinnen im Vergleich zu in Israel/Palästina Geborenen stark erhöht war. Die aktuelle Studie hat nun festgestellt, dass auch Frauen der zweiten Generation von Familien nordafrikanischer Herkunft eine höheres Risiko von Gebärmutterhalskrebs in sich tragen. Die Forscher glauben, das diese Krebsart durch humane Papillomviren ausgelöst wird. Aschkenasische Israelinnen weisen hingegen ein höheres Brustkrebsrisiko auf.
Internationale Studien haben für die genetische Mutation, die zu Gebärmutterhalskrebs führt, das p53-Gen ausgemacht. Die Ergebnisse haben auch Folgen für die Immunisierungstechnologie. So meint Dr. Siegal Sadetzki, Krebs-Epidemiologin am Gertner-Institut: «Für die gefährdete Bevölkerung müssen zusätzliche Vorkehrungen getroffen werden.» Die aktuelle Studie zeige laut Sadetzki, dass die nordafrikanische Herkunft ein Indikator für ein erhöhtes Gebärmutterhalskrebsrisiko sein könne. Jedoch seien weitere Untersuchungen nötig, um alle Risikofaktoren der Krankheit zu bestimmen. «In Israel gibt es nur begrenzte Informationen über Gebärmutterhalskrebs. Dies ist eine ernste Situation. Es besteht die Notwendigkeit, die Angelegenheit heute in Angriff zu nehmen, denn es gibt einen Impfstoff gegen die Krankheit und die Möglichkeit auf Früherkennung», so Sadetzki weiter.
Israels Gesundheitsministerium hat das Jahr 2011 als spätestmögliche Frist für die Aufnahme der HPV-Impfstoffe in das nationale Impfstoff-Programm festlegt. Unterdessen ist eine heftige Debatte zwischen Forschern und Ärzten über die Notwendigkeit entbrannt, weitere öffentliche Finanzmittel für die Anschaffung des Impfstoffes bereitzustellen. Argument gegen die Investition: Es gäbe in Israel ja nur ein relativ kleines Erkrankungsrisiko. Aufzuräumen gilt es auch mit überkommenen Vorstellungen vom Erkrankungsrisiko. «Nach alten Leitlinien wurden nur Populationen mit einem Risiko für Gebärmutterhalskrebs in Betracht gezogen, wenn diese mindestens drei Sexualpartner gehabt haben. Heute ist diese Charakterisierung lächerlich und archaisch», sagt Sadetzki. Weitere Faktoren für eine Erkrankung können jedoch auch starkes Rauchen, die Langzeiteinnahme von Hormonen zur Empfängnisverhütung oder nach den Wechseljahren bzw. das zunehmende Alter sein. Laut Sadetzki sei es nun wichtig, die relevanten Risikofaktoren für die Entwicklung der Krankheit zu definieren. In Deutschland wird die empfohlene Impfung gegen Papillomviren bei Frauen und Mädchen bereits seit 2 Jahren von allen Krankenkassen übernommen. 

 

JZ

«Jüdische Zeitung», Januar 2010