Zachor: Erinnere Dich!

Zum Tode des Historikers des «jüdischen Gedächtnisses» Yosef Hayim Yerushalmi


Im Zionismus und der Gründung des Staates Israel erkannte Yosef Hayim Yerushalmi einen, ja vielleicht den entscheidenden «unerwarteten Bruch» in der jüdischen Geschichte. Als der in den USA lehrende Historiker im Jahr 2005 den Dr. Leopold-Lucas-Preis der Eberhard-Karls-Universität Tübingen entgegennahm, führte er diese Annahme näher aus: Beide Komponenten stellten für ihn gleichermaßen einen «Aufstand» gegen die bis dahin prägende geistige Strömung innerhalb des Judentums, den Messianismus, dar. Nur unter Berücksichtigung des Spannungsverhältnisses von Zionismus und Messianismus seien, so Yerushalmi, wiederum die gegenwärtigen Probleme Israels, insbesondere die Konflikte mit der nichtjüdischen Bevölkerung, zu verstehen.
Dem jüdischen Staat sei eine Vielzahl an Problemen bereits durch die Idee, die ihn dann gebar, auf den Weg gegeben: Da der Zionismus gegenwärtig die Erlösung vom fast 2000-jährigen Exil versprochen habe und diese nicht wie der Messianismus in eine ferne Zukunft verlege, liefen beide Strömung einander zuwider. Der Messianismus jedoch sei durch den Zionismus nicht vollständig obsolet geworden, sondern bestehe parallel weiter. Als es dann zur Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 kam, sei die jüdische wie auch die restliche Welt auf dieses Ereignis unvorbereitet gewesen. Da das Ende der jüdischen staatlichen Souveränität in der Antike vom christlichen wie vom islamischen Kulturkreis als Zeichen für die Abwendung Gottes von den Juden gedeutet worden sei, sagte Yerushalmi, würden beide Kreise nun auch den neu gegründeten Staat zurückweisen. Dies müsse, so folgert der Historiker, bei der Beurteilung der politischen Lage im Nahen Osten berücksichtigt werden.
Eine Analyse allein aufgrund der tagespolitischen Vorgänge sei dabei nur unzureichend, meinte Yerushalmi, da die Behandlung Israels durch die internationale Staatengemeinschaft lediglich eine Fortsetzung der bereits bestehenden judenfeindlichen Positionen darstelle. Als Beispiel diente ihm hier die Kategorisierung Israels als Produkt des Kolonialismus, während dieses Prädikat bei den anderen Staaten, die zu dieser Zeit im Nahen Osten durch die Kolonialmächte eingerichtet wurden, nicht verwendet werde. Israel sei weder das Königreich Davids und Salomons noch der Staat des Messias', schloss Yerushalmi. Für ihn war Israel ein «Übergangsstaat», der unerwartet und unberechenbar sei, und dennoch eine Garantie für jüdisches Leben darstelle.
Seine Ausbildung hatte Yerushalmi an der Yeshiva University und am Jewish Theological Seminary in New York genossen. 1966 promovierte er an der Columbia University bei Salo Baron über den spanischen Philosophen und Physiker Isaac Fernando Cardoso, bis 1980 lehrte er an der Universität in Harvard. Danach wurde er Nachfolger von Baron als Direktor des Center for Israel and Jewish Studies an der Columbia University. Von 1987 bis 1991 war er Präsident des Leo-Baeck-Instituts in New York.
Zunächst widmete er sich in seinen Forschungen vor allem dem spanischen und portugiesischen Judentum des Mittelalters und der Neuzeit. Seit den 1980-er Jahren wandte er sich der Geschichte der Psychoanalyse, vor allem aber dem Thema des «jüdischen Gedächtnisses» und seiner Erinnerungskultur zu. In «Zachor» («Erinnere Dich»), seinem Hauptwerk, das 1988 auf Deutsch erschien, unternahm Yerushalmi den Versuch, nachzuweisen, das «Gedächtnis» und moderne Geschichtsschreibung ein vollkommen unterschiedliches Verhältnis zur Vergangenheit haben. Geschichtsschreibung sei wesensmäßig nicht der Versuch, Gedächtnis wieder herzustellen, sondern eine «neue Art des Erinnerns».
Immer wieder zeige sich, so führte Yerushalmi seine Überlegungen aus, dass die Historiker auf der Suche nach Erkenntnissen viel mehr Ereignisse und Prozesse ans Tageslicht brächten, die zu keinem Zeitpunkt Bestandteil des «jüdischen Gedächtnisses» gewesen seien: «Manche Erinnerungen bleiben lebendig, andere werden ausgesondert, verdrängt oder einfach vergessen - ein natürlicher Ausleseprozess, den der Historiker ungebeten stört und umlenkt.» Es bleibe die Frage, ob dieser Vorgang im Judentum zu einer «echten Katharsis» führe oder schlichtweg an den «großen Fragen» vorbeiginge. Damit lieferte Yerushalmi einen großen Beitrag zur Dekonstruktion der herkömmlichen jüdischen Geschichtsschreibung und ihrer Neuorientierung zum Ende des letzten Jahrtausends. Am 8. Dezember 2009 starb Yosef Hayim Yerushalmi in seiner Geburtsstadt New York.

 

Florian Behr

«Jüdische Zeitung», Januar 2010