Meschugge nach Berlin

Junge Israelis erobern das Berliner Nachtleben: Sie eröffnen Clubs in alten Lagerhallen, veranstalten Disco-Nächte in Kellergewölben und legen Platten von Grandmaster Flash und Dschingis Khan auf. Ihre Herkunft ist dabei zwar stets präsent, spielt aber oft nur eine untergeordnete Rolle

 

 

«Ganz ehrlich», sagt Natalie, als ihr Romina den Flyer zeigt. «Das Ganze ist schon ein bisschen meschugge.» Rabbinerköpfe fliegen darauf herum, siebenarmige Leuchter und Davidsterne - und das in einer Optik, die man sonst nur von Werbezetteln für Großraumdiscos kennt. Der Flyer kündigt die schwul-jüdische «Meschugge»-Party an, die ein wilder Israeli einmal im Monat im Ackerkeller in Mitte veranstaltet. Normalerweise verkehren Romina und Natalie in den gediegenen Bars und Restaurants im Stadtteil Charlottenburg, wo sie wohnen. Oder auf Partys, die sich innerhalb der Jüdischen Gemeinde herumsprechen, in der sich Romina engagiert.
Heute Nacht wollen sich die beiden jungen Frauen die «Meschugge»-Party anschauen. Sie stehen vor der Tür des Ackerkellers und wundern sich, dass weit und breit keine Security zu sehen ist, nur rauchende Jungs und ein paar Mädels in T-Shirts und abgewetzten Jeans. Kein Vergleich zu den Leuten, die zu den schicken «Sabbaba»-Partys gehen, die ein Bekannter aus der Jüdischen Gemeinde von Zeit zu Zeit veranstaltet. Natalie und Romina gehen hinein und eine dichte Rauchwolke kommt ihnen entgegen. Mit seinen bunt zusammengewürfelten Möbeln und den volkstümlichen Getränkepreisen versprüht der Ackerkeller das Flair eines Jugendclubs.
An der rustikalen Bar trägt einer eine Kippa, ansonsten gibt es keine Indizien dafür, wer hier jüdisch ist und wer nicht. «Es ist ziemlich ungewohnt, auf einer jüdischen Party zu sein, wo man niemand kennt», sagt Romina. Dann kommt ihnen doch auf dem Weg in den Keller, wo schon getanzt wird, ein bekanntes Gesicht entgegen: die Erzieherin vom jüdischen Kindergarten. Über dem Dancefloor hängen israelische Flaggen. Aus den Lautsprechern kommen Oriental-Sounds, hebräische Schlager, Electropop und die größten Grand-Prix-Hits aller Zeiten.
«„Dschingis Khan" ist einer meiner absoluten Lieblingssongs», sagt DJ Jonatan, die gleichnamige Band sei damit 1979 beim Grand Prix in Jerusalem angetreten. Auch Modern Talking gehört zu seinem Repertoire, «Maria Magdalena» von Sandra und «Personal Jesus» von Depeche Mode. Der Top-Hit der Party heißt «Messiah», eine Klezmerpop-Hymne, die von der Ankunft des Erlösers handelt und alle mitreißt. Etwa ein Drittel der tanzenden Menge versteht den hebräischen Text und singt: «Messiah, Oioioioioi!» Auch Natalie und Romina sind nicht mehr zu bremsen.

Schweine unter dem israelischen Staatswappen

Hinter dem DJ hüpft Aviv Netter auf und ab, der den «Meschugge»-Abend veranstaltet und heute Hasenohren trägt. Das Energiebündel aus Israel freut sich, dass die Stimmung mal wieder super ist. «Ich möchte mit meiner Party die unkoschere Seite Israels zeigen», sagt er und erzählt, dass schon bei seiner ersten Veranstaltung vor zwei Jahren der Andrang so groß gewesen sei, dass die Polizei kommen musste, weil sich Nachbarn über das Tohuwabohu vor der Tür beschwert hatten. Als er vor vier Jahren zum ersten Mal nach Berlin kam, hat er sich gleich in die Stadt verliebt. «Kein Vergleich zum Nachtleben in New York», sagt der 24-Jährige. Dort lebt seine Familie heute.
Avivs Affinität für die deutsche Hauptstadt war für sie ein Skandal. Seine verstorbene Großmutter, die vor dem Krieg nach Palästina ausgewandert war, stammte aus einer Intellektuellenfamilie in Berlin-Mitte, die fast komplett dem Holocaust zum Opfer fiel. Für Familie Netter war Deutschland tabu. «Mein Vater hat mich für verrückt erklärt, als ich ihm sagte, dass ich nach Berlin gehen werde», erzählt er. Meschugge eben, genau wie seine Party, auf die mittlerweile auch die israelische Botschaft aufmerksam geworden ist. Vor ein paar Monaten erhielt Aviv einen Anruf und sollte erklären, was die Schweine unter dem israelischen Staatswappen auf dem Flyer seiner CSD-Veranstaltung zu suchen hätten. Und ob er denke, dass er Israel damit einen Dienst erweisen würde?
«Warum nicht?», war seine lapidare Antwort. «Schweine sind doch niedliche Tiere.» Aviv provoziert gerne und nimmt in Kauf, dass er damit aneckt. Viele aber mögen seine unorthodoxen Methoden, zum Beispiel sein Freund Wolfgang, der an der Kasse sitzt und ein Kettchen mit Davidstern trägt, dazu ein Shirt mit hebräischer Schrift. In Avivs deutscher Mischpoke ist die Begeisterung für das Judentum groß. «Es ist erstaunlich, wie viele von ihnen plötzlich jüdische Vorfahren haben», erzählt Aviv und rückt sich die Hasenohren zurecht. «Selbst der Hund ist auf einmal jüdisch.»

Unterdessen lümmelt Avivs blonder Geschäftspartner Thomas Götz von Aust auf dem Sofa und beobachtet das Treiben auf dem Dancefloor. Thomas erzählt, dass sein Großvater ein hochrangiger Nazi-Offizier war. «Für mich ist das eine Anekdote, mehr nicht», sagt er. Aviv hat mit der Familiengeschichte seines Partners kein Problem. Gemeinsam organisieren die beiden die Partyreihe «Cityboy». Ende Juli ging es los: Die erste «Cityboy»-Nacht stieg im Loreley-Club, wo sie inzwischen monatlich stattfindet. Sie war proppenvoll mit Jungs, die genauso gut aussehen wie die Models auf den Polaroids, die Aviv als Flyer verteilt: hip, jung und schwul. Genau wie er.

«Das Berliner Nachtleben könnte mehr Soul vertragen»

In Berlin gibt es viele Facetten des jüdischen Lebens. Viele Juden, die hier geboren oder zugezogen sind, engagieren sich in der Jüdischen Gemeinde. Manche sind religiös und beachten die Gebote. Andere gehen locker mit ihrer Religion um, bekennen sich aber zu ihrer jüdischen Tradition. Aviv hat mit all dem wenig am Hut. Er bildet lieber seinen eigenen Bezugskreis, in dem Herkunft und Vergangenheit egal sind.
Bei Jonathan Margulies verhält es sich ähnlich: Der 31-Jährige wurde ebenfalls in Israel geboren. Mit 13 zog er mit seiner Familie nach New York. Heute lebt der schlaksige junge Mann mit den kurzen Locken in Berlin. Seit zwei Jahren betreibt er zusammen mit seinem Partner Thomas Schwenk den Tape-Club. Es ist Samstagnacht, und die «Pag»-Party - der Berliner Ableger einer der erfolgreichsten Gay-Abende in Israel - ist in vollem Gange: Schwule Männer, denen das GMF zu jung und das Berghain zu heftig ist, tanzen in Designerjeans und bunten Tops zu den elektrisierenden Discobeats von DJ Appleberg, der für diesen Abend aus Tel Aviv eingeflogen wurde.
Ein Typ im Hasen­kostüm springt durch die Menge. Jonathan steht an der Bar und nimmt einen kräftigen Schluck aus seiner Bio-Limo. Dann erzählt er von den Kreuzberger Krawallen am 1. Mai vor fünf Jahren, sein ers­tes Berlin-Erlebnis kurz nach seiner Landung. «Die Tage darauf war ich die ganze Zeit nur unterwegs: im Club der Visionäre, im Sommerlager des WMF - das volle Programm», erinnert er sich. «Dieses Gefühl von Freiheit kannte ich weder aus Israel noch aus New York.» Vier Monate später zog er in die deutsche Hauptstadt. Für seine Familie war das kein Problem, trotz seiner polnischen Großmutter, die Auschwitz überlebte. «Wir sind die dritte Generation und haben keine Verbindung mehr zu dem Ganzen», sagt Jonathan, ohne mit der Wimper zu zucken. Trotz der schreck­lichen Erfahrungen der Großmutter sei Berlin auch die Lieblingsstadt seines Vaters. «Er ist jedes Mal gerührt, wenn ich mit ihm durch die Stadt laufe.»
Stundenlang kann Yoni, wie ihn seine Freunde nennen, mit dem Rad auf Entdeckungsreisen durch Berlin gehen. So hat er auch das alte Papierlager auf einer Industriebrache hinterm Hauptbahnhof gefunden. Jonathan, der vorher in einer New Yorker Werbeagentur gearbeitet hat und Teilhaber eines 24-Stunden-Restaurants war, wollte schon immer einen Club eröffnen. Wenn schon nicht in New York, dann eben hier in der Heidestraße. «Ich hatte das Gefühl, dass das Berliner Nachtleben ein bisschen mehr Soul vertragen könnte», sagt er und holt sich die nächste Bio-Limo aus dem Kühlschrank an der Bar.
Mittlerweile steht der Tape-Club in jedem Reiseführer, und das nicht nur wegen der ausgelassenen Partys und ihrem anspruchsvollen Musikprogramm zwi­schen Chicago House und Neo-Disco, sondern auch wegen der Ausstellungsreihe «Tape Modern», die gerade zum elften Mal stattfand.


Import-Export Tel-Aviv-Berlin

Ein Veteran im Berliner Nachtleben ist Gabriel Tichauer, der seit Mitte der 90er Jahre Clubabende veranstaltet und zu den umtriebigsten Partymachern der Stadt gehört. Geboren in Westberlin als Sohn eines Israelis und einer argentinischen Jüdin, war er bis zu seinem
18. Lebensjahr in der Jüdischen Gemeinde aktiv. Beide Großelternpaare stammen aus Deutschland. «In der Szene weiß fast jeder, dass ich Jude bin», sagt er. «Das wird aber nicht groß thematisiert.» Es ist Samstagnacht und Gabriel steht am DJ-Pult im Tube-Station-Club.
Im bunten Discolicht sieht man ihm nicht an, dass er schon 36 ist. Sein Kleidungsstil unterscheidet sich kaum von dem der Youngsters, die zu Hip­Hop-Platten aus den 90ern abfeiern, die Gabriel auflegt. Er trägt knallbunte Sneakers und eine Kapuzenjacke mit Graffiti-Muster, als ob er frisch aus der Bronx käme. Darunter ein Shirt mit der Aufschrift «Love Isreal», das er stolz der tanzenden Menge präsentiert. An der Bar stehen Jungs mit weiten Hosen und Baseballmützen neben Mädchen, die aussehen, als würden sie sich für ein Modelcasting anstellen. Neben stadtbekannten Eventreihen wie «Candy» oder «liveDEMO» veran­staltet Gabriel zusammen mit dem Italiener Giampiero Termini einmal im Monat eine Party unter dem Motto «HipHop Don't Stop», auf der nicht nur HipHop, sondern auch Funk, Salsa und Reggae läuft.
Oft sind Genre-Größen wie Grandmaster Flash oder The RZA vom Wu-Tang-Clan zu Gast. Heute Abend ist Yogo da, ein Top-DJ aus Israel, der Gabriel gerade am DJ-Pult abgelöst hat. «Wir leben in einer urbanen Umgebung, in der Religion, Sexualität und Hautfarbe keine Rolle spielen», sagt er. Trotzdem fällt ihm immer auf, wie verkrampft manche Leute mit dem Thema «Juden in Deutschland» umgehen: «Viele Deutsche vermeiden es, das Wort Jude auszusprechen, und bemühen sich mit Floskeln wie „jüdische Mitbürger" oder „Menschen mosaischen Glaubens".»
Während DJ Yogo die Hüften auf dem Dancefloor mit orientalischem HipHop zum Kreisen bringt, bahnt Gabriel sich den Weg durch die Menge, um an der Tür nach dem Rechten zu sehen. Im Vorbeigehen grüßt er Romina aus Charlottenburg. «Klar, es kommen auch viele jüdische Freunde zu meinen Partys», sagt Gabriel. Angst vor Anschlägen habe er nicht, da er keine explizit jüdisch-israelische Party veranstalte. Trotzdem lege er Wert auf gewisse Sicherheitsvorkehrungen: Wie in jedem professionellen Club gibt es auch hier Türsteher und Taschenkontrollen am Eingang. Neuerdings ist Gabriels Party auch ein Exportschlager: Während der Tape-Club mit der «Pag»-Party Tel-Aviv-Feeling importiert, bringt Gabriel «das coole Berlin» in die Metropole am Mittelmeer. Seit April 2009 heißt es auch dort einmal im Monat «HipHop Don't Stop». «Die Party kommt super an», schwärmt Gabriel. Die deutsche Hauptstadt steht auch in Tel Aviv hoch im Kurs.
HipHop, House oder Pop d'Eurovision - die musikalischen Vorlieben von Gabriel, Yoni und Aviv sind sehr verschieden, aber die drei haben eines gemeinsam: Im Gegensatz zur Generation ihrer Eltern bewegen sie sich ohne Berührungsängste und Vorbehalte durch die Stadt, in der die systematische Ermordung der europäischen Juden beschlossen und geplant wurde. Ihre jüdische Herkunft ist zwar präsent, aber kein zentrales Thema mehr. Bei Elina Tilipman ist das anders. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, jüdische Kultur zeitgemäß und jenseits von Klischees zu interpretieren. An einem Sonntagnachmittag ist sie im ÏMA Design Village anzutreffen, einem Fabrikgelände mit großem Hinterhof in Kreuzberg.


Jewdyssee ins Land des Electro-Swing

Initiiert wird ÏMA, was auf Hebräisch Mutter heißt, von einer Israelin, die Ateliers und Wohnungen an Kreative aus aller Welt vermietet. Ein kleines Café gibt es dort auch. Immer sonntags treffen sich hier Israelis zum Humus-Essen oder Kaffee trinken. Das israelische Folk-Duo Sister Chain & Brother John singt poetische Lieder. Gabriel ist auch da und unterhält sich mit Elina draußen in großer Runde an einem Tisch. Seitdem die 25-Jährige mit den kurzen Haaren aus Bremen nach Berlin gekommen ist, setzt sie sich dafür ein, jüdische Kultur einem breiten Publikum nahezubringen. Auch jetzt knüpft sie fleißig Kontakte und erzählt all ihren Freunden und Bekannten von ihrem Vorhaben.
Zusammen mit Claudia Frenzel, die sich im Rahmen des ILanD-Projekts um den Austausch zwischen deutschen und israelischen Musikern kümmert, veranstaltete sie Ende 2009 die neue Partyreihe «ISreal». «Mit diesen Events wollen wir junge israelische Musiker in den Mittelpunkt rü­cken, damit man hier sieht, welch kreatives Potenzial in ihnen schlummert», sagt sie. Den Auftakt machte am 19. Oktober die New Yorker Band Golem mit ihrem Klezmer-Punkrock im Kaffee Burger.
Elinas größtes Projekt war die Ausrichtung einer großen «Chanukka»-Party im Violet-Club im Dezember. In Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde und dem Zentralrat der Juden fand sie am 12. Dezember statt - mit viel jüdischer Musik, aber auch HipHop und Electro.
Nur im Rahmen einer zeitgemäßen Veranstaltung könne man junge Leute für das Judentum begeistern, sagt Elina. «Wir möchten nicht immer mit erhobenem Zeigefinger auf die schreckliche Vergangenheit deuten, sondern gemeinsam die Zukunft gestalten.» Ein Statement, das Sängerin Maya Saban unterschreiben kann. Mit ihrer Band geht sie auf eine Reise zu ihren jüdischen Wurzeln und verpackt traditionelle jiddische Lieder in modernen Electro-Swing. Auf Elina Tilipmans «Chanukka»-Party stand sie auch auf der Bühne. Einen passenden Namen für das Projekt hat Saban schon gefunden: Jewdyssee.

Der Artikel erschien erstmals im ersten Oktober-Heft 2009 des Berliner Stadtmagazins «tip».

 

Von Wolfgang Altman

«Jüdische Zeitung», Januar 2010