Januar 2010

von Stefan Daniel

 

Jerome David Salinger. Foto:Reuters

1. Januar 1919

Jerome David Salinger

Als Jerome David Salinger für die Öffentlichkeit starb, war er gerade einmal 34 Jahre alt. Er hatte einen Roman geschrieben, der Aufsehen erregte und Generationen von Heranwachsenden prägte und danach - nichts mehr. Keine Interviews, keine Fotos, keine Lesungen, ein paar sporadisch erscheinende Erzählungen im Magazin «The New Yorker» und das war's. An mangelndem Talent wird der Rückzug Salingers aus der Öffentlichkeit nicht gelegen haben; zumindest nicht, wenn man Ernest Hemingway glauben darf, der dem jungen Salinger im Zweiten Weltkrieg begegnete und ihm ein «verteufeltes Talent» bescheinigte. Eine Parallele mit der Hauptfigur seines einzigen Romans «Der Fänger im Roggen» kann erklären, warum Salinger der Öffentlichkeit entfloh und sich in jungen Jahren entschloss, in der Einsamkeit einer Waldhütte in Cornish, im US-Bundesstaat New Hampshire, zu leben. Holden Caufield heißt der 16-jährige Protagonist seines Werks. Und er ist wahrlich die zentrale Figur, weil es im Roman eben um Caufield geht und um seine Sicht der Welt, seine individuellen Betrachtungen einer Gesellschaft, die ihm zumeist «phony» (verlogen) vorkommt. Caufield erzählt drei Tage seines Lebens, die aus dem von der Schule geflogenen Schüler einen Erwachsenen machen. Erwachsen wird er nicht, weil er bemerkt, dass die «phonies» um ihn herum doch nicht so «phony» sind, wie er denkt. Erwachsen wird er, weil er jemanden retten will - seine 10-jährige Schwester. Das ist das philanthropische Moment des vom Weltschmerz geplagten, von der Gesellschaft nicht akzeptierten Pubertierenden. Hier liegt der Schritt vom 16-jährigen Caufield zu seinem 34-jährigen Erschaffer nahe. Vielleicht mag auch Salinger darüber nachgedacht haben, gänzlich die Einsamkeit zu suchen und sich wie Caufield vorgestellt haben, als taubstummer Tankwart sein Leben zu fristen, um keine dummen Gespräche mehr führen zu müssen. Doch Salingers Einsamkeit war keine absolute. Es war schlicht die Flucht des Individuums vor der Öffentlichkeit ins Private. In dritter Ehe ist er verheiratet, hat einen Sohn und eine Tochter. Leben kann er wohl gut von den Tantiemen aus «Der Fänger im Roggen». Der verkauft sich nämlich immer noch etwa 250.000 Mal pro Jahr. Und das Schreiben? Das praktiziert Salinger nur noch zum eigenen Vergnügen. Seine letzte Erzählung erschien 1965; es war die eigenartige Novelle «Haptworth 16, 1924», die im Grunde nur ein kaum enden wollender Brief eines 7-jährigen Jungen ist. Im Nichtveröffentlichen liege ein wundervoller Friede, sagte Salinger in einem seltenen Telefongespräch mit einer Reporterin. Im Fall Salinger muss man den Gedanken weiter laufen lassen: In der Nichtöffentlichkeit, im Privaten findet das Individuum seinen Frieden. Wie Holden Caufield in «Der Fänger im Roggen». Nicht die Ignoranz der «phonies» und nicht die Ignoranz ihnen gegenüber sind die Lösung seines vereinsamten gesellschaftlichen Daseins, sondern der selbstlose Einsatz für einen anderen Menschen.

 

Eliezer Ben-Jehuda. Foto:Reuters

7. Januar 1858

Eliezer Ben-Jehuda

Es mag der Legendenbildung dienlich sein, zu sagen, dass ein Einziger das moderne Iwrit erfunden hat, dass einer allein aus einer toten Sprache etwas Lebendiges machte. Vielleicht spielt auch ein messianisches Element in dieser Sicht eine Rolle. Zwar entspricht diese Vorstellung in Bezug auf Eliezer Ben-Jehuda, der als Eliezer Jitzschak Perlman geboren wurde, nicht der Wahrheit, doch ist sie ebenso wenig gänzlich unwahr. Denn für alles gibt es einen weisen, cleveren und aktiven Menschen mit der Entschlusskraft, all seine Energie einer Sache zu widmen, damit diese fortschreitet – ungeachtet der Hindernisse, die ihm in den Weg gelegt werden. Für alles braucht es einen Pionier, der einen Weg ohne die Möglichkeit der Umkehr geht. Für das moderne Hebräisch, das Iwrit, war dieser Pionier Eliezer Ben-Jehuda. Wie es bei Pionieren üblich ist, musste Ben-Jehuda gegen Widerstände kämpfen. Auf Wunsch seiner Familie sollte er eigentlich Rabbiner werden. Im Unterricht kam Perlman jedoch mit der jüdischen Aufklärung, der Haskala, in Berührung und wurde von dieser geprägt. Er schnitt sich die Schläfenlocken ab und wurde zum Freidenker. Ein Grund für seine orthodoxe Familie, ihn zu verstoßen. Er fand Aufnahme in einer anderen Familie und baute seine eigenen Gedanken in Richtung der nationalen Befreiung des jüdischen Volkes aus. Für Ben-Jehuda war eine eigene Sprache ein wichtiger Bestandteil dieses Strebens. Bauen konnte er dabei auf die junge Generation der Zionisten, deren Teil und Vorläufer er gleichermaßen war. Er wollte, dass die Juden in ihr Land, nach Palästina, zurückkehrten und ihre eigene Sprache sprächen. Eine Forderung, die er nicht nur anderen gegenüber erhob, sondern zuallererst selbst ausführte. Er trag 1881 per Schiff in Jaffa ein und zog weiter nach Jerusalem. Sein Plan, das Hebräische zur Alltagssprache der Juden in Palästina zu machen, sah, kurz gefasst, so aus: Hebräisch zu Hause, Hebräisch in der Schule und Wörter, Wörter, Wörter. Den ersten Teil des Plans setzte Ben-Jehuda an seinem Sohn um. Dieser sollte keine andere Sprache zu hören bekommen als Hebräisch. Wenn eine Sprache von einem Individuum gesprochen werden kann und dieses Individuum es schafft, damit sein tägliches Leben zu gestalten, dann, so meinte Ben-Jehuda, könne diese Sprache zweifellos von einer ganzen Gemeinschaft gesprochen werden. Sein Sohn war das Versuchskaninchen - mit Erfolg. Teil 2 seines Vorhabens setzte Ben-Jehuda in der Schule in die Tat um, in der er unterrichtete. Ohne Rückgriff auf andere Sprachen unterrichtete er Hebräisch - auch das mit Erfolg. Erleichtert wurde dies durch die bei vielen Juden latenten hebräischen Sprachkenntnisse, die sie sich bereits durch das Studium der religiösen Literatur und durch Einsprengsel im Jiddischen, Ladino und anderen Alltagssprachen kannten. Die eigentliche Leistung Ben-Jehudas aber bestand nicht darin, das Tote wieder lebendig zu machen, sondern vielmehr das Schlafende zu wecken und es ans Tageslicht zu gewöhnen. Denn was dem Hebräischen fehlte, das waren die Wörter des täglichen Gebrauchs. Um diesen Mangel zu beseitigen, arbeitete Ben-Jehuda, zusammen mit seiner zweiten Frau, bis zu achtzehn Stunden täglich an einem Wörterbuch, das erst nach seinem Tod vollendet wurde und ganze siebzehn Bände umfasst. Die Leistung des Individuums Ben-Jehuda für die Gemeinschaft der Juden hat der Historiker Cecil Roth treffend zusammengefasst: «Vor Ben-Jehuda konnten Juden Hebräisch sprechen; nach ihm taten sie es.»

 

Walther Bensemann. Foto:Reuters

13. Januar 1873

Walther Bensemann

1954 wurde Deutschland Fußballweltmeister. Alle jubelten, alle freuten sich - und an Walther Bensemann dachte wahrscheinlich kein Mensch. Doch der aus einer kosmopolitischen Familie stammende Berliner war einer der Pioniere des deutschen Fußballs. Er war dies weniger als Spieler, denn als Funktionär, Organisator und hauptsächlich als schreibender Begleiter. Auf einer schweizerischen Schule lernte Bensemann durch englische Mitschüler jenen Sport kennen, der fortan sein Leben bestimmte. Bensemann hatte sich in den Kopf gesetzt, diesen Sport bekannt zu machen und stieß auf Ungemach ahnende Mitmenschen. Als er auf ein Karlsruher Gymnasium wechselte und einen Fußball mit dorthin brachte, beschwerten sich die Einwohner über die gewagten Trikots der jungen Spieler und zeigten sie gar wegen «ungebührlichen Verhaltens» beim lokalen Schutzmann an. Bensemann wurde als «der Engländer in der Narrentracht» verspottet. Doch der Ball rollte weiter, allerdings erst einmal nicht in den deutschen Turnerbünden. Denn bei diesen herrschte nicht nur ein strammer Antisemitismus vor, sondern auch die Verachtung der «englischen Modetorheit», die überdies als Gefahr für den vaterländischen Geist, Disziplin und Gesundheit angesehen wurde. Bensemann störte das wenig. Für ihn war der Fußball eine Religion, eine Möglichkeit, den Gegensatz der Stände zu überwinden, ein Bemühen um Freiheit und Toleranz, ein Nationalismus ohne Chauvinismus. Bensemann entwickelte eine emsige Privatdiplomatie, um Spiele mit ausländischen Mannschaften zu organisieren und agierte als Gründer oder Mitbegründer vieler und vor allem süddeutscher Fußballvereine. Mit seinem kosmopolitischen Fußballverständnis stieß er bei den national-konservativen Kreisen auf wenig Begeisterung; diese wollten den Sport wenn schon, dann zunächst als deutsches - nicht als jüdisches - Spiel etablieren. Bensemann beachtete solche Meinungen wenig und organisierte 1899 die so genannten Ur-Länderspiele gegen eine repräsentative Mannschaft Englands, die den Deutschen schmerzhaft die vorhandenen technischen und taktischen Möglichkeiten eines Fußballspiels aufzeigten. Die deutsche Mannschaft verlor alle vier vereinbarten Spiele zweistellig. Bensemann hatte seinen Teil zur Etablierung des Fußballs beigetragen und er ging noch einen Schritt weiter: 1920 gründete er die legendäre Sportzeitung «Kicker». Diese, so schien es, sollte schnell wieder in der Versenkung verschwinden, da sie ein nahezu aussichtsloses Ein-Mann-Unternehmen Walther Bensemanns war. Doch der «Kicker» wurde zu einem der besten Sportblätter des Kontinents und Bensemann einer der begnadetsten Sportjournalisten. Der «Kicker» überlebte durch Gleichschaltung den Nationalsozialismus; Bensemann starb ein Jahr nach der Machtergreifung eines natürlichen Todes. Der «Kicker» ist heute noch über Deutschland hinaus bekannt - Bensemann nicht einmal mehr in Deutschland.


Gregor Gysi. Foto: Reuters

16. Januar 1948

Gregor Gysi

Als Gregor Gysi zur öffentlichen Figur wurde, war er 41 Jahre alt, trug eine Nickelbrille und Halbglatze. Es war der 6. November 1989 und Gysi saß mit grauen Menschen, die Michael Endes Buch «Momo» hätten entsprungen sein können, in einem Studio des DDR-Fernsehens. Es wurde das reformierte, nicht das revolutionierende Reisegesetz diskutiert. In der Sendung, öffentlich und ohne Scheu vor dem großen Staatsapparat, redete Gysi die übrigen Anwesenden in Grund und Boden und zeigte die Unzulänglichkeiten des reformierten Gesetzes auf. Er selbst hatte Tage zuvor bei einem Treffen mit Staatsoberhaupt Egon Krenz das reformierte Reisegesetz überflogen, seine Unzulänglichkeiten erkannt und aus dem Stegreif ein neues handschriftlich darunter gesetzt. Diese Fußnote im Prozess der großenteils friedlichen Revolution zeigt zwei herausragende Eigenschaften Gregor Gysis: Er kann komplexe, rechtlich-politische Vorgänge mit einem Blick durchschauen und sie einem einfachen Publikum verständlich machen; und: Er hebt sich von der Menge ab. Gysi ist schon immer anders. Er ist es von Seiten seines Vaters, der Teil des jüdisch-kommunistischen Bildungsbürgertums war. Er ist es von Seiten seiner Mutter, die einem russischen Adelshaus entstammte. Talent ist Gysi in die Wiege gelegt. Doch wäre er allein auf seine Karriere in der DDR beschränkt geblieben - immerhin war er dort SED-Mitglied, Vorsitzender des Berliner Rechtsanwaltskollegiums und Chef des Rates aller DDR-Anwaltskammern - er wäre wohl nie auf Platz 14 der Rangliste der wichtigsten deutschen Politiker der Nachkriegszeit gewählt worden. Es ist eine eigenartige Symbiose, die das Ausnahmeindividuum Gysi mit dem Kollektiv der untergegangenen DDR und dem übrig gebliebenen Parteiapparat der SED verbunden hat. Gysi war Symbol des Untergangs, Übergangs und Neuanfangs. Deswegen wurde er gehasst (von den alten Kadern), geschasst (von denen, die ganz neu anfangen wollten) und geliebt von denen, die sich um ihre Identität und Vergangenheit betrogen fühlten. Ein kleineres Ego wäre daran zerbrochen. Gysi ist mit der Aufgabe gewachsen. Vor allem die Partei hat es Gysi angetan. Mehrmals hat er sie vor dem Sturz in die Bedeutungslosigkeit gerettet. Wenn ihr ein gewisser Respekt von anderen Parteien zuteil wurde, dann hauptsächlich seinetwegen. Warum er überhaupt noch in der Partei ist, warum er mehrfach zu ihr zurückkehrte, diese Fragen sind berechtigt, aber kaum endgültig zu beantworten. Gysi vertritt moderate Positionen, er redet von einer Nation, von Gerechtigkeit und er meint es auch so. Gysi ist kein Revolutionär, und das entfremdet ihn von großen Teilen seiner linken Parteibasis. Doch ist er eben die große Ausnahmeerscheinung der Linkspartei. Sie braucht ihn. Und er sie? Vielleicht auch das. Seinem linken Vernunftidealismus ist wohl bei keiner anderen Partei die Freiheit der Äußerung in dem Maß gegeben, wie es bei «seiner Partei» der Fall ist. Das nächste Projekt, das Gysi sich vorgenommen hat, ist die endgültige Vereinigung mit den Genossen aus dem Westen. In den nächsten Jahren will Gysi das schaffen und dann an die nächste Generation abgeben. Doch da ist weit und breit keiner wie er zu sehen - aber ihn hat man ja auch bis 1989 übersehen.

Boris Abramowitsch Beresowski. Foto:Reuters

23. Januar 1946

Boris Abramowitsch Beresowski

Mal ist man der mächtigste Mann eines Landes und später darf man es nicht mehr bereisen, weil man Angst haben muss, entweder getötet oder zumindest eingesperrt zu werden. So ist das zum Beispiel im Falle von Boris Abramowitsch Beresowski. Der hochintelligente Wissenschaftler hat sich in der Zeit des Umbruchs - von der Sowjetunion zum demokratischen Russland - zu einem der prägenden Akteure seines Landes entwickelt. Er tat das nicht durch wissenschaftliche Arbeiten, wie es bei einem korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaft nahe gelegen hätte. Vielmehr verkaufte Beresowski Autos. Er baute ein Autohandelsnetz auf, wurde Mehrheitseigner einer Fernsehgesellschaft und betätigte sich überall dort, wo Anfang und Mitte der 1990er Jahre in Russland viel Geld für findige Menschen auf der Straße lag. Beresowski prägte den Begriff des Oligarchen in Russland. Und als solcher strebte er nicht nur nach Reichtum, sondern suchte diesen ebenfalls politisch abzusichern. «Die besten Investitionen für einen russischen Geschäftsmann sind Investitionen in die Politik», sagte Beresowski damals. Einige Russen nannten Beresowski deshalb ihren Präsidenten. Gut, dass das Ohr und Wohlwollen des damaligen Präsidenten Boris Jelzin ganz dem Selfmade-Man Beresowski gehörte. Der Journalist Paul Chlebnikow bezeichnete Beresowski 1996 im Magazin «Forbes» als den «Paten des Kreml» - und wurde 2004 ermordet. Natürlich ist es nicht leicht, das eigene Vermögen, die Macht und die Demokratie gleichzeitig zu retten. Insofern ist es nicht allzu überraschend, dass Beresowski scheiterte, als er im blassen Wladimir Putin einen geeigneten Nachfolger für den rotnasigen, pausbackigen Boris Jelzin sah. Doch der unscheinbare Putin mauserte sich schnell zu einem hintersinnig agierenden Machtmenschen. Putin machte die Oligarchen als jene aus, die das Land korrumpieren und in den Niedergang reißen, sagte ihnen den Kampf an und machte Boris Beresowski zu einem seiner Todfeinde. Beresowski war gescheitert. Demokratie und Macht konnte er für sich nicht retten - allein eine beträchtliche Menge Geld nahm er mit in sein englisches Exil. Von dort agiert Beresowski nun immer öffentlich-politisch, wenn es darum geht, gegen Putin zu agieren. Die russische Justiz wiederum hat den ehemals Mächtigen in Abwesenheit zu Haftstrafen von 6 und 13 Jahren verurteilen lassen. Ob es Beresowski um die Demokratie in Russland geht oder nur um sein eigenes Interesse oder gar um eine persönliche Fehde mit Putin, lässt sich kaum beurteilen. Herausgehoben war seine Stellung in Russland und ist sie noch immer in England. Dass eine solche Stellung gefährlich ist, weiß Beresowski selbst am besten: «Es wurden Attentate auf mich verübt, wo 15 Zentimeter von mir entfernt die Zündsätze Köpfe zerfetzten. Ich sehe das Leben als Geschenk. Deshalb sind die Risiken, die ich eingehe, viel höher als bei den meisten Menschen.»

Eva Mozes Kor. Foto:Reuters

30. Januar 1934

Eva Mozes Kor

Manche Sätze und das, was sie zum Ausdruck bringen, haben keine Entsprechung in Wahrheitstabellen oder in klaren Kategorien von richtig und falsch. Sie werden von einem Menschen geäußert, der diese Sätze für richtig und wahr hält. Doch gehört dieses Individuum zu einem Kollektiv und es passiert, dass das Kollektiv eben diese Sätze für falsch, unwahr oder schlimmer hält. Eva Mozes Kor sagte: «Ich habe den Nazis vergeben. Ich habe allen vergeben.» Und auf die Frage, ob sie auch Dr. Mengele vergeben könnte, antwortete sie: «Ich dachte darüber nach und kam zu dem Ergebnis, dass ich es könnte.» Eva Mozes Kor ist keine gläubige Jüdin und keine verwirrte Frau. Sie ist rational, menschlich und ihr Schicksal gibt ihr das Recht, solche Sätze äußern zu dürfen. Denn als 10-Jährige kam sie mit ihrer Familie und der Zwillingsschwester Miriam nach Auschwitz und wurde Opfer von Josef Mengeles Zwillingsexperimenten. Sie litt unsägliche Qualen, wie die anderen Lagerinsassen und Zwillinge auch. Was ihr durch die Experimente zugefügt wurde, welche Giftstoffe und Krankheitserreger ihre Blutbahnen verseuchten, weiß sie bis heute nicht. Ihre Schwester Miriam starb 1993 an einer verkümmerten Leber, sie selbst leidet an Tuberkulose. Doch im Gegensatz zu den meisten Lagerinsassen überlebten Eva und ihre Schwester das Inferno und wurden von der sowjetischen Armee befreit. Vom Leiden hat sich Eva Mozes Kor allerdings nicht durch die physische Erlösung befreit. Erst 50 Jahre später gelang ihr dieser Schritt, als sie mit einem ehemaligen SS-Arzt auf einer Gedenkfeier in Auschwitz war. Er, Dr. Hans Münch, unterzeichnete ein Dokument, das zweifelsfrei die Existenz der Gaskammern bezeugte, und das damit allen Revisionismus ad absurdum führte. Und Kor? Sie verlas eine Amnestie-Deklaration, einen Vergebungsbrief aus Dankbarkeit gegenüber Dr. Münch. «Ich fühlte, wie eine Bürde des Schmerzes von meinen Schultern genommen wurde. Ich war nicht länger Opfer von Auschwitz. Ich war nicht länger eine Gefangene meiner tragischen Vergangenheit. Ich war endlich frei.» Das waren ihre Gefühle in diesem Moment. Die Vorwürfe ließen nicht lange auf sich warten. Sie könne nicht etwas verzeihen, was Millionen angetan wurde und nicht ihr allein. Sie entschuldige die Täter, verharmlose und unterstütze das Vergessen. Eva Mozes Kor wollte nicht für alle sprechen - «ich spreche in meinem Namen.» Es ging um sie, um ihr Leiden, um ihren geistigen Frieden. Einmal wollte sie die Macht bei sich wissen. Nicht abhängig von den Tätern sein; nicht mal die Bitte um Verzeihung wollte sie voraussetzen: «Dann wäre ich ja schon wieder auf den Täter angewiesen. Ich, das Opfer, wieder von der Gnade des Täters abhängig? Das ist doch absurd!» Dass sie diesen Weg auch für andere gangbar hält, stellt sie nicht in Frage. Sie hält es mit Abraham Lincoln: «Der beste Weg, einen Feind zu bekämpfen, ist, ihn zum Freund zu machen.

 

                                                                                                     von Stefan Daniel

«Jüdische Zeitung», Januar 2010