Ethnoelektro, Futurismusfolklore

Musik für den modernen Schafhirten

Zwischen Dorfdisko und Weltallfolklore liegt die Musik, die Our Man from Odessa unter dem Acronym OMFO arrangiert, irgendwo zwischen Futurismus und Folklore, zwischen Ethno und Elektro. Als Grenzgänger und Forschungsreisenden habe man sich den Odessiten German Popov vorzustellen, sagt sein Label essay recordings. Zu akustischen Feldstudien bereist er Osteuropa, den Kaukasus und Zentralasien. Er sammelt traditionelle Weisen in der Steppe, den blechernen Keyboardsound in Restaurants postsowjetischer Städte und nervenzehrende Polyphonien in kaukasischen Berglandschaften. Selbst Hymnen sind vor ihm nicht sicher. Mit seinem Mix von Hirtenklang und Kultklassikern der Elektromusik dringt Popov in Gebiete, «in die sich noch kein menschliches Ohr gewagt hat».

Dazu befähigte ihn eine Jugend im sowjetischen Odessa, wo «die Gehirnwäschepropaganda im größten Land der Welt auf den Heranwachsenden einprasselte und er den real existierenden Sozialismus von oben bis unten durchlebte, bis dieser sein Ende fand», so die Biographie. Weitere Auszüge lesen sich so: «Geboren in der Hafenstadt Odessa (Ukraine), wo er zunächst Radio-Kommunikation studierte, emigrierte Popov 1989 nach Amsterdam, um seine musikalische Ausbildung zu beginnen. Zunächst erprobte er sich in verschiedenen musikalischen Projekten und kollaborierte mit den unterschiedlichsten Musikern. Popov, der traditionelle Musikinstrumente aus den verschiedensten Weltgegenden, vor allem ehemaligen sowjetischen Republiken und ihrer Satellitenstaaten sammelt, wurde häufig wegen seiner Oberton-Gesangs-Qualitäten zu Sessions und Aufnahmen eingeladen... später gründete er die Emigranten-Combo Sputnik, für die er gegen harte Währung romantische Melodien und Space-Songs schrieb. Währenddessen bereiste er als DJ die Welt und arbeitete gelegentlich als Möbelverkäufer, Model, Reiseführer und Flötenbauer.»

OMFO ist hip, das fand auch Sasha Baron Cohen. Der jüdische Schauspieler, der als falscher Kasache mit seiner gnadenlosen Satire «Borat - Cultural Learnings Of America For Make Benefit Glorious Nation Of Kazakhstan» amerikanische Engstirnigkeit entlarven möchte und damit kürzlich die Kinocharts der USA anführte, wählte zwei OMFO-Tracks für seine «Mockumentary». Entnommen wurden sie dem Album «Trans Balkan Express». Damit hatte OMFO 2004 in Hommage an das Kraftwerk-Album «Trans Europe Express» eine musikalische Reise vom Nordseehafen Amsterdam in den Hinterhof der Europäischen Union unternommen, über Berlin in die Karpaten, am Schwarzen Meer vorbei, geradewegs in den Vorgarten Asiens. Mit jamaikanischen Dub-Techniken und elektronischem Equipment im Gepäck verband er die Klänge der postsowjetischen Provinz mit der Club- und Discokultur des Westens.

Als musikalischer Kosmopolit erkundete OMFO nun neue Kontinente. Er hatte gehört von den Schafherden Patagoniens und der Wolle chilenischer Lamas und schickte Audiodateien von Amsterdam nach Santiago zum Soundzauberer Senor Coconut. Unter dem unspektakulären Namen Uwe Schmidt in Deutschland geboren bereicherte dieser seit den frühern 90ern die Elektromusikszene mit unzähligen Alben. Senor Coconut ist wohl das bekannteste Projekt des Wahlchilenen, der nun vornehmlich an Electrolatino, Acid-Merengue und Laptopsalsa bastelt. Mit OMFO verbinden ihn Schäferqualitäten: «Unsere Musik verwirft ...kulturelle Stereotypen, indem sie diese verdreht und in eine scheinbar bekannte, aber dennoch neue Form bringt. Sie stellt Raum und Zeit in Frage...» Herausgekommen ist dabei das Album «We are the Sheperds», romantische Musik für die sternenvollen Weltraumnächte von Spacehirten.

Nina Körner

Information:

OMFO «We are the Shepherds»; essay recordings, weitere Information unter: www.omfo.net

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2007